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Justiz

Mollath will nicht um Gnade winseln

In Bayreuth stellt sich Mollath den Fragen der Medien. Er erklärt, dass er nur frei sein könne, wenn das „skandalöse Urteil“ gegen ihn aufgehoben wird.
Von Pascal Durain, MZ

  • Gustl Mollath erscheint bei einer Buchvorstellung in Bayreuth. Foto: dpa
  • Für Gustl Mollath ist bei einer Buchvorstellung in Bayreuth ein Platz reserviert. Foto: Durain
  • Gustl Mollath spricht am Dienstag in Bayreuth während der Buchvorstellung „Wahn und Willkür“. Foto: dpa
  • Gustl Mollath trifft zur Pressekonferenz ein. Foto: dpa
  • Gustl Mollath wischt sich am 23.07.2013 in Bayreuth (Bayern) zu Beginn der Buchvorstellung «Wahn und Willkür» den Schweiß aus dem Gesicht. In dem Buch geht es unter anderem um den Fall Mollath. Foto: Daniel Karmann/dpa +++(c) dpa - Bildfunk+++

Bayreuth. Eine Stunde bevor im Konferenzraum des Bayreuther Hotels Arvena die Pressekonferenz beginnen soll, ging eine Frage durch den Raum: Kommt Gustl Mollath, der Mann, der seit knapp sieben Jahren gegen seinen Willen in der forensischen Psychiatrie sitzt, wirklich hier vorbei, setzt sich aufs Podium und beantwortet ruhig alle Fragen, die auf ihn einprasseln? Er kommt.

Im Internet war bekannt geworden, wo diese Pressekonferenz stattfinden soll. Der Veranstalter, der Münchner Heyne Verlag, fürchtete, dass dadurch die Sicherheit Mollaths gefährdet sein könnte und dieser daher nicht kommen könne. Es ist kurz nach 13 Uhr, als die ersten Unterstützer des Nürnbergers eintreffen und versuchen, in den Konferenzraum zu kommen. Doch ihr Name steht nicht auf der Liste; alles reden hilft nichts. Auch nicht, als Dr. Wilhelm Schlötterer hinzukommt. Die Gruppe entrollt Plakate der Piratenpartei – Aufschrift: „Freiheit für Gustl Mollath“ – und hält diese in die Fernsehkameras. Dabei haben sie Bücher über die Affäre Mollath, die sie sich signieren lassen wollen. Nicht vom Autor; sondern vom Protagonisten. Die zwei Sicherheitsleute lassen sich davon aber nicht beeindrucken; die Gruppe muss draußen warten.

Der Autor wirft der Justiz Vorsatz vor

Schlötterer und der Heyne-Verlag hatten in das Hotel geladen, das nur wenige hundert Meter vom Bezirkskrankenhaus entfernt liegt, in dem Mollath untergebracht ist, damit der 73-Jährige sein neues Buch „Wahn und Willkür“ vorstellen kann. Schlötterer, Bestseller-Autor und Franz-Josef-Strauß-Kritiker, beschreibt in dem Nachfolger seines Bestsellers „Macht und Missbrauch“ ausführlich den Fall Mollath, den er seit mehr als drei Jahren begleitet. Der Autor macht schon im Vorwort seines Buches keinen Hehl daraus, dass es sich aus seiner Sicht hierbei um einen Justizskandal handle: „Die an Gustl Mollath verübte Schandtat ist die abscheulichste Ausgeburt dieser Skrupellosigkeit: Es war kein Justizirrtum, alle bekannten Fakten lassen auf vorsätzliches Handeln schließen!“ Auf der Pressekonferenz bekräftigte er dies mit Nachdruck: „Der Fall Mollath ist der Exzess schlechthin.“

Der 56-jährige Gustl Mollath wurde vor sieben Jahren wegen angeblicher Allgemeingefährlichkeit und einem „paranoiden Gedankensystem“ per Gerichtsbeschluss gegen seinen Willen in die Gerichtspsychiatrie eingewiesen. Stets hatte er Anschuldigungen wegen vermeintlicher Schwarzgeldverschiebungen gegen seine Frau und ihren Arbeitgeber, die HypoVereinsbank, erhoben. Die Aussagen wurden ihm als Wahn ausgelegt. Inzwischen stellte sich aber ein Teil der Vorwürfe als wahr heraus. Sein Fall sorgt daher seit Monaten für Aufsehen, Freunde und Unterstützer drängen auf seine Freiheit. Die Öffentlichkeit sorgt sich um die Rechtsstaatlichkeit des Freistaats.

Kameras verfolgen jeden Schritt

Um 14.08 Uhr ist es soweit: Kameraleute und Fotografen kommen mit dem Rücken zuerst in den Saal, damit sie keinen Schritt des Mannes mit Schnauzbart, rotem Polo-Hemd und weißer Hose verpassen. Überwältigt von so viel Rummel stellt Mollath sich hinter den Tisch der ersten Zuhörerreihe und erklärt, dass er nur frei sein könne, wenn sein Fall vor einem Gericht neu aufgerollt wird. Ansonsten bleibe das „Kainsmal“, der Paragraf 63, an ihm haften. Es sei ein Riesenschritt, dass die Wiederaufnahme überhaupt in Regensburg geprüft werde. Er betont, dass das nicht sein Erfolg sei, sondern der Erfolg der Öffentlichkeit und der Journalisten, die daran gearbeitet haben. Dann flaut der Ansturm ab; die Pressekonferenz kann beginnen.

Und weil sich Schlötterers Werk nicht nur mit Mollath beschäftigt, nimmt dieser erstmal in der ersten Reihe Platz, bevor er dann aufs Podium geholt wird. Der gebürtige Regensburger Wilhelm Schlötterer beschreibt in „Wahn und Willkür“ wieder Affären und Skandale um Franz-Josef Strauß; er bringt neue Details ans Licht. Da sich Schlötterer aber noch in einem Rechtsstreit mit den Strauß-Erben befindet, bleiben seinen Sätze vorsichtig. Als der Moderator der Veranstaltung, BR-Mann Norbert Joa, ihn um einen positiven Satz über Strauß bittet, sagt Schlötterer: „Er war intelligent.“ – „Das war’s?“ – „Das ist alles.“

Schlechtes Zeugnis für Stoiber und Seehofer

Auch den Ministerpräsidenten Edmund Stoiber und Horst Seehofer stellt der 73-Jährige in seinem Werk ein schlechtes bis skandalöses Zeugnis aus. All das sei nicht mit dem Fall Mollath vergleichbar, sagt er. Dabei fördert sein Werk hier nur wenig Neues zu Tage: Er erzählt den Fall, freilich aus der Sicht eines Vertrauten, auf mehr als 100 Seiten; dabei liest man zwischen den Zeilen auch Befangenheit und Wut mit. Schlötterer berichtet aus Sitzungen und Anhörungen, zu denen nur er Zutritt hatte, und unterstellt Bayerns Justizministerin Beate Merk, Staatsanwälten und Richtern, vertuscht und gelogen zu haben. Für Schlampereien habe die ganze Causa zu viel System, stellt er am Dienstag klar.

Dann darf sich der Mann äußern, wegen dem alle hier sind. Vorher reicht er Schlötterer nochmal die Hand, bedankt sich. Das Fotomotiv ist perfekt. Seitdem er Anfang Juni im Landtag vor dem Untersuchungsausschuss aussagen durfte, ist Mollath bei öffentlichen Auftritten professioneller geworden. Auf dem Podium bleibt er ruhig und gelassen. Jeder merkt, dass er überlegt spricht und über seine Sätze nachdenkt. Er sei froh, hier zu sein. Dann erklärt der Nürnberger, dass er keine Rache- oder Hass-Gefühle habe – das entspräche nicht seinem Naturell. Auch zur Jusitzministerin kein Wort des Grolls: „Ich find’s a bisserl traurig, wie sie sich verhält.“ Aber natürlich habe auch sie Fehler gemacht.

Sollte er eines Tages in Freiheit gelangen, wolle er sich verstärkt dem Einsatz für Psychiatrieinsassen kümmern. Diese Aufgabe könne er nicht von sich weisen, nachdem er Jahre lang miterlebt habe, was hinter den weißen Wänden geschieht. Viel zu wenig wisse die Öffentlichkeit bisher darüber. Bis das aber geschieht, „gebe ich die Hoffnung in den Rechtsstaat nicht auf.“ Schlötterer erklärte: „Allein dass Herr Mollath hier heute auf dem Podium sitzen kann, ist schon eine gute Nachricht.“ Mollath meint dazu: Auch wenn die Wiederaufnahmeverträge zurückgewiesen würden, werde er später nicht bei Ministerpräsident Seehofer „um Gnade winseln“. Sollte der ihn begnadigen, wäre damit nämlich nicht seine Unschuld erwiesen.

Als Mollath um 16.30 Uhr verschwindet, herrscht wieder Aufruhr, bis eine Frau duch den Saal ruft: „Er geht nur auf die Toilette.“ Es vergeht noch eine knappe Stunde, bis Mollath alle Fragen beantwortet hta. Danach gibt er der wartenden Gruppe draußen ein Autogramm gibt und posiert für Fotos. Dann marschiert er über den blauen Blumenteppich im Foyer durch die Tür; die Kameras schwenken mit und Mollath wird im schwarzen BMW zurück in die Psychiatrie gebracht.

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