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Bayern
Samstag, 18. November 2017 5

Staatsbesuch

Necas setzt Zeichen der Versöhnung

In der KZ-Gedenkstätte Dachau legt der tschechische Regierungschef Kränze nieder. Seine Rede am Donnerstag im Landtag wird mit Spannung erwartet.
Von Christine Schröpf, MZ

Gedenken an die Naziopfer in der KZ-Gedenkstätte Dachau: Tschechiens Premier Petr Necas (l.) und Ministerpräsident Horst Seehofer (2.v.l.) Foto: dpa

München. Es ist der emotionale Höhepunkt seines Bayernbesuches: Der tschechische Premierminister Petr Necas legt am Mittwoch im ehemaligen Konzentrationslager Dachau Kränze nieder. Am Internationalen Mahnmal verharrt er mit Ministerpräsident Horst Seehofer im stillen Gedenken an die Naziopfer. Später kommt es in den Lagergebäuden zu einem starken politischen Signal: Nicht nur die Gedenktafeln für die tschechischen Gefangenen und die inhaftierten Priester werden von Necas mit Blumen geschmückt, sondern auch die Tafel der Sudetendeutschen. Seehofer spricht von einer neuen Epoche der Beziehungen. Der Holocaust-Überlebende Max Mannheimer sieht das auch als Verdienst Seehofers, der 2010 mit dem ersten Besuch eines bayerischen Ministerpräsidenten in Prag politisches Tauwetter einläutete. „Sie haben nicht ein einziges Tor aufgetan, Sie haben eine Reihe von Toren aufgetan.“

Überlebender liest aus Tagebuch

In Dachau und seinen Außenlagern waren mehr als 200 000 Menschen aus ganz Europa inhaftiert, 41 500 von ihnen wurden ermordet. Auch 6257 Bürger aus Böhmen und Mähren waren hierher verschleppt worden, 1558 überlebten es nicht. Mannheimer wurde im Außenlager Mühldorf festgehalten. Für Necas liest er aus seinem „Späten Tagebuch“. Der 93-Jährige rappelt sich dazu aus seinem Rollstuhl hoch, stützt sich schwer auf das Rednerpult. Er spricht in seiner Muttersprache tschechisch. Die Namen von Treblinka, Auschwitz und Dachau fallen. Nur einmal wechselt er ins Deutsche. Er erinnert daran, dass das Leben von Papst Benedikt mit Dachau verknüpft ist. Im Außenlager Karlsfeld habe dieser als Junge mit Fliegerkanonen das BMW-Werk schützen müssen.

Beifall von Sudetendeutschen

Seehofer hatte bei seinem zweiten Tschechienbesuch im November 2011 selbst drei Erinnerungsstätten in Tschechien aufgesucht: Theresienstadt, Lidice und Aussig. Drei Orte, die an die Gräuel des Naziregimes erinnern, den Widerstand der Tschechen, aber auch die Vertreibung der Deutschen nach dem Zweiten Weltkrieg. Necas Gegenbesuch war lange erwartet worden. Seehofer spricht von der „historischen Dimension“ dieses Ereignisses. Eine Einschätzung, die vom „Vierten Stamm“ in Bayern, den Sudetendeutschen, geteilt wird. Der erste offizielle Besuch eines Regierungschefs seit Unabhängigkeit der Tschechischen Republik hebe „die Beziehungen auf ein neues Niveau“, sagte Bernd Posselt, Sprecher der Sudetendeutschen Landsmannschaft. Nach dem Rundgang in Dachau zeigte er sich ergriffen. „Ich hatte keine übertriebenen Erwartungen, aber die sind schon übertroffen.“ Bundesvorsitzender Franz Pany spricht von einem „weiteren Schritt in der Normalisierung der Beziehungen“, angestoßen vom „Eisbrecher“ Seehofer.

Vor dessen Pragvisite 2010 waren die Beziehungen vom Streit um die Benesdekrete blockiert, mit denen nach dem Zweiten Weltkrieg die Vertreibung von drei Millionen Deutschen aus Tschechien besiegelt worden war. Seehofer und Necas gelang es jedoch von der ersten Begegnung an, menschliche Schicksale in beiden Ländern ins Zentrum zu rücken. Es war die Basis für ein neues Miteinander, das nicht zurückzudrehen sei, sagt Pany. „In Tschechien bewegt sich etwas.“

Die auf Vergangenes Fixierten werden weniger – doch es gibt sie noch, auch unter den Sudetendeutschen. Posselt und Pany hatten vorab hinter den Kulissen in den eigenen Reihen Krisendiplomatie betrieben und auf die Bezirksgruppen in Oberbayern und Schwaben eingewirkt. Diese planten in Dachau und an weiteren Stationen der Necas-Visite Proteste, weil ihnen der Versöhnungskurs zu weit geht. Als Necas am Mittag mit seiner Wagenkolonne am Prinz-Carl-Palais eintraf, stand bereits ein kleines Häuflein Demonstranten am Straßenrand. „Ich will darauf aufmerksam machen, dass die Benesdekrete weiter existieren und wir immer noch als Vaterlandsverräter gelten“, sagte Johann Slezak (75), Bezirkschef in Oberbayern. Auch beim Pressetermin nach dem Vier-Augen-Gespräch in der Staatskanzlei waren Necas und Seehofer von der Vergangenheit eingeholt worden. Alle Fragen drehen sich um die Last der gemeinsamen Geschichte. „Wir klammern nichts aus, wir verdrängen nichts“, betonte Seehofer. Debatten müssten aber mit Verantwortung und Vernunft geführt werden. Wichtig sei der Blick in die Zukunft. „Der Weg, den wir eingeschlagen haben, ist besser als eine jahrzehntelange Sprachlosigkeit.“ Necas verwies auf den Erfolg dieses Kurses: die nach seinen Worten besten tschechisch-bayerischen Beziehungen in der Geschichte.

Spannung vor der Landtagsrede

Jeder Zungenschlag wird wachsam verfolgt. Die angekündigten Demonstrationen Sudetendeutscher etwa waren in Tschechien mit Unmut wahrgenommen worden. Zumindest in Dachau blieb der Protest nach deutlicher Überzeugungsarbeit Panys aus. „Das ist richtig und wichtig. Es darf kein falscher Ton erzeugt werden“, sagte er.

Am frühen Abend traf Necas im Tschechischen Zentrum mit liberalen Kräften der Vertriebenen zusammen: der katholischen Ackermann-Gemeinde, der sozialdemokratischen Seligergemeinde und den kulturellen Botschaftern des Adalbert-Stifter-Vereins. Pany war nicht geladen, sah darin aber keinen Affront. Er saß später beim festlichen Abendessen wieder mit am Tisch, das Seehofer im Antiquarium der Residenz für seinen Gast ausrichtete. „Es gibt also kein Problem.“

Heute schon könnte Necas ein weiteres großes Signal setzen. Seine Rede im Landtag wird mit Spannung erwartet. Der Premierminister hat angekündigt, sich zur Vertreibung zu äußern. Für Posselt ist es der politische Höhepunkt des Besuches.

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