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Mittwoch, 28. September 2016 22° 2

Freidenker

„Nur säkulare Gesetze dürfen gelten“

Sonja Eggerickx ist Präsidentin der Internationalen Humanistischen und Ethischen Union. MZ-Reporterin Christine Straßer sprach mit der Belgierin.

Regensburg.Was macht einen Humanisten aus?

Für mich ist es deutlich, dass ein Humanist unbedingt über eine demokratische Einstellung verfügen muss. Er muss die Universelle Erklärung der Menschenrechte respektieren, aber darüber hinaus muss er ohne jeden Zwang, sein eigenes Gewissen gestalten können. Hierfür verwenden wir die Methode der freien Forschung. Ein Humanist respektiert die Meinung der anderen, was jedoch nicht bedeutet, dass es keine Kritik geben darf, nein, sie muss es sogar geben. Aber natürlich auf der Basis von Diskussionen unter Anwendung von Argumenten, die wissenschaftlich fundiert sind. Ein Humanist ist aber nicht ausschließlich ein rationelles Wesen. Er hat Emotionen und er muss lernen damit umzugehen. Er ist außerdem ein Ästhetiker; er muss in sich selbst die Kraft finden, um so zu handeln, dass es auch anderen Menschen nutzt, um einen Beitrag zu liefern für eine Gesellschaft in der unterschiedliche Auffassungen neben einander existieren können. Ein Humanist strebt nach Autonomie für jeden einzelnen Menschen, er sollte aber niemals die Solidarität vergessen, denn ohne Solidarität ist ein harmonisches Zusammenleben nicht möglich.

Wie lautet die zentrale Botschaft der International Humanist and Ethical Union?

Unsere wichtigste Aufgabe ist es, Organisationen aus so vielen Ländern und Kontinenten wie möglich zu vereinigen, um deutlich zu machen dass wir überall Gesinnungsfreunde haben, die die Basis bilden, die uns größeren Einfluss vermittelt bei internationalen Organisationen wie beispielsweise den Vereinten Nationen. Wir wollen verhüten, dass das Recht auf freie Meinungsäußerung beeinträchtigt wird und dass Menschen bestraft und verfolgt werden, die sich der „Staatsreligion“ widersetzen. Wir propagieren die völlige Trennung von Religion (Kirche) und Staat. Nur säkulare Gesetze dürfen gelten und die müssen alle Bürger beschützen und diese Gesetze müssen mit demokratischer Diskussion konfrontiert werden.

Was kritisieren Sie an Religionen?

Wir müssen unterscheiden zwischen Kritik an den Inhalten der Religion und die Art und Weise wie religiöse Führer ihre Macht anwenden. Es leuchtet ein, dass jede Theorie und jedes „Buch“ in Frage gestellt werden kann. Was beispielsweise in der Bibel, im Koran oder der Veda oder wo auch immer steht, kann kritisch untersucht werden. Das sind inhaltliche Aspekte und wir stellen fest dass man sich oft an sehr wörtliche und engstirnige Interpretationen festklammert. Das ist natürlich Unsinn, weil jede Gesellschaft, jede Wissenschaft, jede Technik sich in der ganzen Welt ständig weiterentwickelt. Es ist in diesem Sinne dass man die Texte der „Bücher“ lesen und beurteilen sollte. Jeder hat für sich selbst das Recht, an strikten Interpretationen festzuhalten, aber niemand hat das Recht anderen seine Meinung und Auffassung aufzunötigen. Im Westen will man dann schnell einfach auf den Koran hinweisen, aber das gleiche gilt natürlich auch für die Bibel. Leider müssen wir auch öfters feststellen, dass Religionen sich gerne selbst vorstellen als das einzige „Gewissen“ in der Gesellschaft, als einzige, die den Unterschied zwischen Gut und Böse kennen. Das ist Nonsens: Auch ohne Gott kann man natürlich gut sein. Eine Ethik wird durch die Gesellschaft selbst gebildet, durch Interaktion, durch Feststellungen in der Wissenschaft. Denken wir an das Recht, in Würde zu sterben. Dieses Problem gab es vor 100 Jahren viel weniger. Die Medizin hatte als Wissenschaft damals viel weniger Mittel, wodurch Menschen viel früher starben. Heute kann die Medizin Leben künstlich verlängern durch komplizierte Maschinen, aber der Patient muss den Wunsch äußern dürfen nicht künstlich am Leben gehalten zu werden. Das ist zum Beispiel eine Frage des autonomen Menschen die unbedingt berücksichtigt werden muss. Aber andererseits können wir nicht genügend unterstreichen das niemand je verpflichtet werden darf zur Euthanasie, wenn es nicht sein eigener Wunsch ist.

Und was hat es mit ihrem zweiten Punkt – der Ausübung der Macht – auf sich?

Es gibt genügend Länder in denen geistliche Führer Macht ausüben, weil sie ihnen angeblich von einem übernatürlichen Wesen verliehen worden sei. Das widerspricht jeder demokratischen Rechtsregel. Einen solchen Machtmissbrauch sehen wir nicht nur in strengen islamischen Ländern, wo die Rechte von Frauen, Anders-Religiöse oder Nicht-Religiöse Menschen nicht respektiert werden, weil die Gesetze des Staates identisch sind mit der herrschenden Religion, sondern auch in westlichen Ländern, wo Christen immer noch mehr Rechte haben als andere Menschen. Hinzu kommt noch, dass Christen oft als „Experten“ befragt werden, wenn in den Medien über ethische Probleme diskutiert wird. Die Macht Urteile auszusprechen, bekommt gerade dadurch eine offizielle Note und zwangsläufig haben „die Anderen“ dann natürlich unrecht.

Wie frei sind Humanisten in ihrem Denken, wenn sie einen Humanistentag in Regensburg als bewusste Gegenveranstaltung zum Katholikentag veranstalten?

Der Katholikentag ist in Bayern natürlich ein Begriff. So kann wohl mal der Eindruck entstehen, dass es nur Katholiken gibt. Die Stadt Regensburg und das Land Bayern werden in katholisches Territorium verzaubert, in dem es keinen Platz mehr gibt für „Andere“. Das ist vollkommen veraltet. Deshalb ist es gut, dass einmal nachdrücklich hervorgehoben wird, dass es auch andere gibt, die Gesellschaft nachdenken. Deshalb wird der Humanistentag absichtlich dem Katholikentag gegenübergestellt. In dem Programm können sie feststellen, dass wir Kritik an Religionen haben, aber das ist bestimmt nicht unser einziges Gesprächsthema. Persönlich hätte ich es lieber Säkularistentag oder Freidenkertag oder Atheistentag genannt, weil ich glaube, dass Humanisten positiv eigene Werte betonen sollen. Das ist jedoch kein Werturteil über diesen Humanistentag. Und leider ist die Situation heutzutage noch immer so dass wir ab und zu mal betonen müssen, dass wir auch da sind und dass eine stets größere Gruppe Menschen selbstständig denken lernt. Es ist an der Zeit das Humanisten und Atheisten in der Gesellschaft berücksichtigt werden. In dem Sinne ist diese Stadt ein geeigneter Ort für einen Humanistentag.

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