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Bayern
Montag, 5. Dezember 2016 2

Medizin

Operateure üben Kritik

Regensburger wollen Lungen transplantieren. Das Uniklinikum verfügt über das Know-how. Aber Entscheider in Ministerien sperren sich dagegen.
von Fritz Winter,MZ

  • Der Bundestagsabgeordnete Peter Aumer (CSU, vorne Mitte) hat seinen Organspenderausweis unterschrieben. Im Bild von links die Professoren Martina Müller-Schilling, Hans-Stefan Hofmann, Bernhard Banas, Hans Jürgen Schlitt, Michael Pfeifer, Michael Melter und Dr. Isolde Schäfer. Foto: altrofoto.de
  • Bei Leber-, Herz-, Bauchspeicheldrüse- und Nierentransplantationen ist das Universitätsklinikum in Regensburg mit führend in Europa. Noch nicht möglich sind Lungentransplantationen. In Süddeutschland gibt es dafür nur Transplantationszentren in München und Freiburg. Die Regensburger haben beim bayerischen Gesundheitsministerium einen entsprechenden Antrag eingereicht, erhalten aber negative Signale.

Regensburg. In Deutschland gibt es immer mehr Menschen, die dringend auf eine Lungentransplantation angewiesen wären. „Jährlich werden rund 300 Lungen übertragen, über 1000 Patienten stehen aktuell auf der Warteliste und davon sterben pro Jahr 100“, sagte der Regensburger Lungenspezialist Prof. Michael Pfeiffer bei einem Fachgespräch mit dem Bundestagsabgeordneten Peter Aumer (CSU) am Universitätsklinikum. Er und die führenden Transplantationsexperten forderten, Lungentransplantationen künftig auch in Regensburg zu ermöglichen, wo die wissenschaftliche und klinische Expertise „so gut wie an kaum einer anderen Fachklinik in Deutschland vorhanden“ sei.

Neuer Stern am Medizin-Himmel?

Laut Prof. Bernhard Banas, Leiter des Transplantationszentrums am Universitätsklinikum in Regensburg, habe man einen entsprechenden Antrag bereits beim bayerischen Gesundheitsministerium eingereicht und das Wissenschaftsministerium informiert. Allerdings erhalte man „Signale, dass man sich schwertut, dem Antrag zu entsprechen“.

Diese „Gegenwehr aus München ist nicht nachvollziehbar“, sagte Prof. Pfeifer. International könne Regensburg einen führende Stellung bei der Versorgung von Lungenpatienten in der kritischen Phase vor der Operation vorweisen. Gleichzeitig verfüge das Klinikum über eine hohe Erfahrung bei Ärzten und Pflegepersonal. „Wenn die Möglichkeit für Lungentransplantationen geschaffen würde, könnte man die Region medizinisch einzigartig machen“, sagte der Experte für Kinder- und Jugendheilkunde, Prof. Michael Melter. „Wir würden ein neuer Stern am deutschen Medizin-Himmel.“

Bislang gibt es in Deutschland 13 Zentren für Lungentransplantationen, davon nur zwei in Süddeutschland mit den Standorten München und Freiburg. Patienten aus dem Großraum Regensburg würden vor allem an die Medizinische Hochschule Hannover, nach München oder nach Wien zur Transplantation weitergeleitet. Das sei nicht im Sinne einer ortsnahen medizinischen Versorgung, kritisierte Prof. Pfeifer. Er und seine Kollegen forderten von Aumer nachdrückliche politische Unterstützung, um ein Umdenken der Ministerialbürokratie in München zu erreichen.

Das 1995 gegründete Transplantationszentrum am Universitätsklinikum Regensburg befindet sich in einer steilen Aufwärtsentwicklung. Laut Bernhard Banas wurden in dieser Zeit bereits 573 Lebern, 230 Herzen, 76 Bauchspeicheldrüsen und 897 Nieren transplantiert.

Das Hauptproblem sei der Mangel an Spenderorganen, sagte der Leiter des Zentrums. Bei Eurotransplant seien aktuell 11.600 Patienten auf der Warteliste gemeldet, tatsächlich würden aber 25.000 bis 30.000 Menschen ein neues Organ brauchen. 2011 seien 3846 Organe von verstorbenen Spendern und 4932 Organe von Lebendspendern übertragen worden. „Im Klartext bedeutet dies, dass in Deutschland alle vier Stunden ein Mensch stirbt, dem mit einer Transplantation geholfen hätte werden können“, sagte Banas bei dem Fachgespräch.

Regensburger europaweit führend

Michael Melter, Leiter der Kinder-Universitätsklinik Ostbayern (KUNO) kritisierte, dass es in Deutschland keine Selbstverständlichkeit sei, Organe zu spenden. Dass die Organspende eine Gemeinschaftsaufgabe sei, müsse dem Nachwuchs schon in den Kindergärten beigebracht werden, forderte er. Auch im Bereich der Transplantationsmedizin gebe es einiges zu verbessern. „Es gibt zu viele Kliniken, die transplantieren, aber zu wenige, die das absolute Können dazu haben“, sagte er. In Regensburg habe man über viele Jahre das entsprechende wissenschaftliche und klinische Know-how aufgebaut, was den Patienten Vorteile bringe, aber auch der Ausbildung von Medizinern und Pflegepersonal zugutekomme. So gehöre man mit bereits 75 transplantierten Kinderlebern deutschlandweit zur Spitze.

Die innovativsten medizinischen Studien zur Transplantation in Deutschland und Europa finden laut Dr. Isolde Schäfer vom Centrum für Interventionelle Immunologie derzeit in Regensburg statt. Forschungen zur Organ- und Stammzelltransplantation, Studien zur Verringerung von Abstoßungsreaktionen oder Zelltherapien zur Immunregulation, um etwa bei Nierentransplantationen die Dauergabe von Medikamenten überflüssig zu machen, würden europa- und sogar weltweit wahrgenommen. Auch das sei mit ein Grund, der für die Einrichtung eines Lungentransplantationszentrums am Uniklinikum in Regensburg spreche.

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