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Bayern
Freitag, 15. Dezember 2017 3

Städtebau

Paulaner verlässt den Nockherberg

Die Brauerei zieht an den Stadtrand und macht Platz für eine Wohnbebauung. Wie die aussehen soll, darüber wird im Dialog mit den Bürgern entschieden.
Von Katia Meyer-Tien, MZ

  • Die Paulaner Brauerei wird den Nockherberg verlassen und Platz machen für eine neue Wohnbebauung und einen Bürgerpark. Wie das Viertel künftig aussehen soll, dabei durften auch die Bürger mitreden. In jedem Fall wollen sie das berühmte Wirtshaus behalten. Foto: dpa
  • Andreas Uhmann, Leitender Baudirektor der Stadt München. Foto: kmt

München.Manchmal wirkt es, als hätten Städte ein eigenes Leben. Wie sie wachsen und altern, sich erneuern und sich im Laufe der Jahre verändern. Da wird aus einem Wohngebiet ein Szene-Viertel, ein anderes wird zum sozialen Brennpunkt, ein drittes zum heiß begehrten Spekulationsareal. Kleine Geschäfte weichen Luxusboutiquen, Bratwurstbuden veganen Sandwichkünstlern und dann einem Selbstbedienungs-Backshop: Lebendige Städte sind im ständigen Wandel, und München ist da keine Ausnahme.

München geht neue Wege

Dass dieser Wandel nicht ganz willkürlich verläuft, dafür sorgen Stadtplaner wie Andreas Uhmann. Er ist Leitender Baudirektor im Münchner Referat für Stadtplanung und Bauordnung und eigentlich ein Mann, der sehr ruhig und geduldig wirkt. Doch fragt man ihn, ob nicht beispielsweise Neubaugebiete in allen Städten gleich aussehen, dann springt er auf, läuft zur Wand und zeigt auf den dort hängenden Bebauungsplanentwurf. Immer wieder: „Da, diese Zäsur, die ist doch nicht willkürlich“, ruft er, und zeigt, „diese Hangkante zur Isar, diese Einbettung, das könnte doch in Berlin gar nicht so aussehen!“. Dann setzt er sich wieder. Und räumt ein, dass sich die verwendeten Typologien schon ähneln können. Und dass sich bestimmte Merkmale im Städtebau durchaus wiederholten. Aber „mit einer Neubebauung muss man immer auf einen bestimmten Ort und seine Umgebung reagieren“. Dazu gehöre unter anderem auch, die Bürger bestmöglich in die Planungen zur Stadtgestaltung einzubinden. Und da geht die Stadt München gerade ganz neue Wege.

Der Entwurf an der Wand zeigt das Areal am Münchner Nockherberg. Dort ist in mehr als 100 Jahren ein ganzer Stadtteil rund um die Paulaner-Brauerei gewachsen. Nun zieht die Brauerei an den Stadtrand, der Stadtteil und seine Menschen bleiben zurück. „Es gehört zum Grundverständnis des Stadtplaners, zu verstehen, dass Veränderungen Ängste auslösen“, sagt Uhmann. Deshalb wollte man die Entscheidung über die Neubebauung des Areals „nicht im stillen Kämmerlein“ treffen. Und so veranstalte sein Referat gemeinsam mit der Bayrischen Hausbau, der Ausloberin des städtebaulichen und landschaftsplanerischen Wettbewerbes Wettbewerbes, Bürgerversammlungen und Podiumsdiskussionen. Dann kam der Wettbewerb. Aus Entwürfen wurden Vorlagen, die wiederum wurden in einer ganztägigen Bürgerwerkstatt vorgestellt. Etwa hundert Bürger kamen. Und redeten mit, diskutierten, lobten und kritisierten.

Das höchste Haus solle maximal acht Geschosse haben, forderten sie, Flachdächer müssten begrünt werden. Der Auer Mühlbach sollte weiter zugänglich, die Innenhöfe der Gebäude gut nutzbar sein und der geplante Park Teilbereiche für verschiedene Altersgruppen haben. Die Architekten hörten zu, die Preisrichter auch, und letztlich wurden fast alle Entwürfe noch einmal überarbeitet. „Es geht nicht darum, alle zufriedenzustellen“, sagt Andreas Uhmann, „aber es geht darum, zuzuhören und die Entscheidungen zu vermitteln“.

Uhmann legt Wert darauf, dass Bürgerbeteiligung nicht erst seit dem Debakel um den Umbau des Stuttgarter Bahnhofes zu den Grundfesten seines Berufes gehört. Dass es die Menschen sind, die mitentscheiden sollen, wie ihre Stadt in Zukunft aussieht. Und das gilt umso mehr, wenn es um zentrale Plätze in der Stadt geht.

Wie beim Gelände rund um die Münchner Pinakotheken, dem Münchner Kunstareal. Hier haben sich in den vergangenen Jahren eine ganze Reihe neuer Museen und Galerien angesiedelt, das Museum Brandhorst zum Beispiel, das Museum für Ägyptische Kunst, bald das NS-Dokumentationszentrum. Doch anders als in anderen Großstädten sind die Museen hier kaum verbunden, das Gebiet präsentiert sich nicht als Einheit. Zeit, etwas zu ändern, befand man im Stadtrat, im Landtag, in den Universitäten. „Irgendwann redeten dann alle, und wer fehlte, waren die Bürger“, erzählt Uhmann. Zwar war man im Gespräch mit den Anwohnern, „aber wir wollten nicht aus Betroffenheit, sondern aus Reflexion entscheiden lassen“. Und so entschied man sich für ein Bürgergutachten. Das erste in München überhaupt. Wählte dann 105 Menschen aus München und Umgebung zufällig aus dem Melderegister und lud sie für vier Tage nach München zur Mitarbeit am Bürgergutachten ein. Dort präsentierten Museumsleiter und Denkmalschützer, Stadtplaner und Hochschulprofessoren ihre Sicht auf die notwendigen Veränderungen, anschließend diskutierten die Bürger, machten sich ein Bild vor Ort und entwickelten ein Maßnahmenpaket: Die Museen sollten besser vernetzt werden, so dass man leichter vom einen ins andere wechseln kann. Auch im Internet brauchen sie einen gemeinsamen Auftritt.

1500 neue Wohnungen

Noch wichtiger waren den Bürgergutachtern aber Dinge wie eine Verkehrsberuhigung des Areals, die Einführung eines Kombitickets für die öffentlichen Verkehrsmittel und den Eintritt und die Möglichkeit, Feste und Mitmachaktionen im Kunstareal zu veranstalten. Uhmann ist sehr angetan von diesen Ergebnissen: „Das wird sicher nicht das letzte Bürgergutachten in München gewesen sein.“ Und das, obwohl das Verfahren sehr aufwendig ist und erhebliche Personal- und Finanzressourcen erfordert.

Auf dem Paulanerareal sind inzwischen die ersten Gebäude abgerissen worden. Noch wird hier Bier gebraut, aber 2016 soll die neue Produktionsstätte in Langwied in Betrieb gehen. Und ab 2017 werden dann am Nockherberg neue Wohnungen gebaut, etwa 1500 Stück, dazu Kindergärten, eine Grundschule, Geschäfte, Frei- und Grünflächen. Und die Gaststätte am Nockherberg, die wird erhalten bleiben. Das wünschen sich nämlich alle.

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