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Bayern
Montag, 11. Dezember 2017 5

MZ-Serie

Profiler fanden Mareikes Mörder


Von Isolde Stöcker-Gietl, MZ

Ein Toter, ein Tatort und dann die Suche nach dem Täter. Nach diesem Muster verläuft die Polizeiarbeit bei den meisten Tötungsdelikten. Doch im Fall der 20-jährigen Mareike aus Waldmünchen (Lkr. Cham) war alles anders. Mareike war seit Oktober 2003 verschwunden. Aber war sie tot? Die Polizei ermittelte über Monate hinweg und konnte nicht klären, was mit dem bildhübschen Mädchen passiert war. Profiler lieferten schließlich die traurigen Antworten.

Sechs Monate rätselte Waldmünchen. Sechs Monate, in denen das Städtchen nahe der tschechischen Grenze viel negative Presse aushalten musste. Weil sich zwei Jugendliche nach dem Verschwinden von Mareike das Leben nahmen, zwei weitere einen Suizidversuch überlebten, verpasste eine überregionale Zeitung Waldmünchen den Titel „Stadt der lebensmüden Mädchen“. Von Drogen, erzwungenem Sex und Erpressung war die Rede. Der damalige Bürgermeister Franz Löffler war erschüttert, sprach von der „Sensationsgier“ der Medien, die der Stadt großen Schaden zugefügt habe.

„Den Fall verstehen“

Denn nichts von alledem hatte etwas mit der verschwundenen Mareike zu tun, brachte Alexander Horn, Leiter des Kommissariats 16, Operative Fallanalyse (OFA) Bayern ans Licht. Er und sein Team werden immer dann gerufen, wenn die Kripo mit ihren Ermittlungen nicht weiterkommt. Der Profiler analysiert Tatorte, versucht darin zu lesen, was der Täter vermitteln oder verbergen wollte. „Das wichtigste ist, den Fall zu verstehen und das Verhalten des Täters zu interpretieren.“ Doch in Waldmünchen war das schwierig. Es gab ja keinen Tatort. „Ich weiß nicht, wie ich euch helfen kann“, sagte Horn damals zu seinen Kollegen der Kripo Regensburg.

Trotzdem machten sich der Profiler und sein Team an die Arbeit. In Mareikes Wohnung hatten die Kollegen von der Spurensicherung winzige Glasscherben unter dem Küchentisch sichergestellt. Für Horn, der als einer der besten seines Fachs gilt, waren diese Glasscherben ein wichtiges Puzzleteil. Eines von vielen im Fall Mareike. „Zeugen hatten von schreiähnlichen Geräuschen und einem dumpfen Schlag berichtet. Nimmt man die Glasscherben dazu, konnte man davon ausgehen, dass die Wohnung als Tatort infrage kam, zumal es uns auch wahrscheinlich erschien, dass Mareike an diesem Abend nicht mehr weggegangen war“, schildert Horn die damalige Arbeit im Gespräch mit der MZ.

Stephan B. auf Platz 1 der Täterliste

Vieles in der Arbeit der Fallanalytiker beruhe auf Wahrscheinlichkeiten, sagt Horn. Dennoch ist die Trefferquote enorm hoch. So war Horn derjenige, der den „Maskenmann“ enttarnte, der zwischen 1991 und 2001 in Schullandheimen und Jugendherbergen Jungen überfiel und drei von ihnen ermordete. Und Horn gab auch schon 2006 einen Tipp auf einen rechtsextremistischen Hintergrund bei der Mordserie an Männern mit Migrationshintergrund, die erst 2011 dem NSU zugeschrieben werden konnte.

Und auch im Fall Mareike brachte die Arbeit der Profiler letztlich die entscheidende Wende. „Unsere Erfahrung sagte uns, dass Mareike in der Wohung erwürgt wurde. Ein Angriff gegen den Hals war naheliegend, weil Opfer schreien. Das musste der Täter in einem Wohnhaus verhindern.“ Ein Tötungsdelikt mit einer sexuellen Komponente – zu diesem Schluss kamen die Profiler und tippten auf eine Person aus dem Umfeld der jungen Frau. 120 Männer kamen infrage, am Ende blieben 20 übrig. Auf Platz 1 der Liste stand Stephan B., ein Kollege der Textilfacharbeiterin.

Ihn nahm die Polizei nun genau ins Visier. B., ein Einzelgänger, der sich schwer tat im Umgang mit Frauen, hatte sich eifrig an den Suchaktionen nach Mareike beteiligt. Er hielt auch engen Kontakt zu Mareikes Mutter – mimte den mitfühlenden Freund und Helfer.

Am 1. April 2004 wurde Stephan B. festgenommen. Elf Stunden verhörte die Kripo Regensburg den damals 30-Jährigen. Profiler Horn war mit dabei. „Es waren mühselige Gespräche“, erinnert er sich. Es sei zunächst darum gegangen, das Vertrauen von B. zu gewinnen. Schließlich gestand er, Mareike getötet zu haben, weil sie ihn überraschte, als er in ihre Wohnung einstieg um Unterwäsche zu stehlen. Am 2. April führte der Tatverdächtige die Polizei zur Leiche der jungen Frau, die er in einem Wald im Landkreis Sulzbach-Rosenberg vergraben hatte, nachdem er sie zunächst in seiner Wohnung auf dem Gelände der Textilfabrik und danach in einem Wald im Umkreis versteckt hatte.

Das Landgericht Regensburg verurteilte den Mann wegen Mordes zu lebenslanger Haft und setzte damit den Schlusspunkt unter „eine menschliche Tragödie, die monatelang die Öffentlichkeit in Atem gehalten hatte“, so der Richter.

Profiler Horn und sein Team lagen mit ihren Hypothesen richtig. Wieder einmal.

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