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Sonntag, 22. Oktober 2017 19° 3

Stromerzeugung

Segelschiffe für die Energiewende

Auf hoher See soll Wind „geerntet“ und in speicherbare Energie umgewandelt werden. Regensburger Forscher stellen das Konzept derzeit in Berlin vor.
Von Louisa Knobloch, MZ

  • Thomas Raith und Prof. Dr. Michael Sterner von der Hochschule Regensburg haben das Konzept der Segelenergie entwickelt. Foto: HS.R
  • So sieht das Konzept aus: Der Wind treibt das Schiff an. Die Antriebsenergie wird in der Strömungsmaschine gewandelt und anschließend chemisch gespeichert. Grafik: HS.R

Regensburg. Schiffe, die auf hoher See aus Wind Energie gewinnen und in erneuerbare Kraftstoffe umwandeln – was futuristisch klingt, könnte in zehn Jahren Realität sein, sagt Prof. Dr. Michael Sterner von der Hochschule Regensburg (HS.R). Segelenergie heißt das Konzept, das Sterner am Dienstag und Mittwoch auf der DENA Jahreskonferenz Power-to-Gas und der internationalen VDI-Konferenz COWEC in Berlin erstmals öffentlich präsentiert.

Seit über einem Jahr arbeiten Sterner, sein Mitarbeiter Thomas Raith und weitere HS.R-Professoren an dem Konzept. Zehn Studierende aus dem ersten Absolventenjahrgang des Studiengangs „Regenerative Energien und Energieeffizienz“ beschäftigten sich in ihren Abschlussarbeiten mit verschiedenen Aspekten der Segelenergie – von der Schiffstechnik über die Energiewandlungs- und Speichertechnik bis zur Kostenanalyse. Diesen Mai erfolgte die Patentanmeldung.

Das Konzept sieht vor, dass das „Energieschiff“ durch den Wind angetrieben wird. Einen Teil dieser Bewegungsenergie wandelt eine am Schiff befestigte Turbine im Wasser in Strom um. Durch eine elektrochemische Umwandlung – das sogenannte Power-to-Gas – wird der Strom dann in einer speicherbare Energieform (Wasserstoff oder Erdgas-Substitut) gebracht. Der Wasserstoff kann später zu Methan oder anderen Kraftstoffen wie Methanol, Diesel oder Flugbenzin weiterverarbeitet werden. Damit wäre die Segelenergie Sterner zufolge auch eine Ergänzung zur Elektromobilität.

Gegenüber stationären Windrädern oder Offshore-Windkraftanlagen habe die Segelenergie den Vorteil der Mobilität, sagt Sterner. „Der Wind weht wie er will, deshalb müssen wir ihm folgen, damit wir konstant Energie aus ihm gewinnen können.“ Konflikte mit Schifffahrtsrouten befürchtet er nicht: Diese verliefen in der Regel entlang der Küsten. „Das größte Potenzial für Windkraft gibt es aber mitten im Atlantik – da ist genug Platz.“ Ob die von den Energieschiffen verursachten Geräusche Meerestiere beeinträchtigen, müsse erst untersucht werden, sagt Sterner. Da sich die Rotoren aber langsamer drehen würden als herkömmliche Schiffsschrauben, seien die Auswirkungen wahrscheinlich geringer.

Segelenergie sei eine Alternative zu Biokraftstoffen, sagt Sterner. Diese sind unter dem Schlagwort „Tank statt Teller“ in der Kritik, weil die Anbauflächen nicht für die Nahrungs- oder Futtermittelproduktion zur Verfügung stehen. „In Deutschland werden derzeit etwa fünf Prozent unseres Kraftstoffbedarfs mit Biokraftstoffen gedeckt“, sagt Sterner. Dafür seien auf 2,35 Millionen Hektar landwirtschaftlicher Nutzfläche etwa 90.000 Traktoren im Einsatz.

Sterner hofft, dass die Segelenergie von der Bevölkerung akzeptiert wird, weil sie keine Konkurrenz zur Nahrungs- und Futtermittelproduktion darstellt und – im Gegensatz zu Windrädern – praktisch keinen Einfluss auf das Landschaftsbild hat. Eine Machbarkeitsstudie soll nun zeigen, ob sich das Konzept wirtschaftlich umsetzen lässt. Falls ja, könnten in zehn Jahren die ersten Energieschiffe auf den Weltmeeren unterwegs sein.

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