mz_logo

Bayern
Samstag, 16. Dezember 2017 10

MZ-Serie

Seine Arbeit macht ihn scheinreich

Mit dem LKA auf Verbrecherjagd: Auf Helmut Schäfers Schreibtisch landet Falschgeld. Oft sind die Blüten nicht perfekt kopiert.
Von Katia Meyer-Tien, MZ

  • Sehen, kippen, fühlen: Sachgebietsleiter Helmut Schäfer zeigt, wie man mit ein wenig Aufmerksamkeit Fälschungen meist recht schnell erkennt. Foto: kmt
  • Münchens wohl berühmtester Geldfälscher, Günter Hopfinger, zeichnete Banknoten mit Aquarellfarben und Buntstiften selber. Er spezialisierte sich auf den 1000-Mark-Schein, malte wohl etwa 80 perfekte Kopien und brachte bis 1975 auch elf davon in Umlauf.

München.Gelassen stapelt Helmut Schäfer die Geldscheine auf den Tisch. Zehn-Euro-Scheine, Fünfziger, Hunderter, Fünfhunderter. Ein Stapel 100-Dollar-Noten. Er blickt auf. „Die sind für die Hunde“, sagt er, und für einen Moment schafft er es, ernst zu bleiben. Dann bricht das Grinsen aus ihm heraus: „Keiner davon ist echt.“

6,8 Milliarden Geldscheine sind in Deutschland im Umlauf, etwa 60 000 davon sind falsch. Und 27 dieser falschen Geldscheine lagen an diesem Morgen auf Helmut Schäfers Schreibtisch, denn Helmut Schäfer, erster Kriminalhauptkommissar, arbeitet beim Bayerischen Landeskriminalamt im Sachgebiet Falschgeld.

Und das macht ihm richtig Spaß. Vorher war er 30 Jahre lang im Streifendienst unterwegs. Wusste morgens nicht, was mittags auf ihn zukommt, war ständig draußen und ständig unter Leuten. „Aber irgendwann kommt der Punkt, da mag man einfach nicht mehr zu jeder Schlägerei fahren“, erzählt er. Und so wechselte er vor drei Jahren zum Falschgeld, wo er jetzt jeden Morgen die Funde des vergangenen Tages auf den Tisch bekommt. Und die sind längst nicht alle so gut wie die, die Schäfer gerade vor sich aufgestapelt hat.

Fünfer aus dem Faxgerät

Da war zum Beispiel der Student, der entdeckte, dass man Geldscheine mit einem herkömmlichen Kopierer nicht kopieren kann. An den sogenannten „Omron-Ringen“ liegt das, erklärt Schäfer, ein Muster kleiner gelber Kreise, an dem Kopierer, Drucker und Bildbearbeitungsprogramme erkennen, dass es sich um Banknoten handelt, deren Vervielfältigung verboten ist. Der Student fühlte seinen Ehrgeiz geweckt, und mit dem Scanner seines Faxgerätes, einem Laserdrucker, Silberfolie und sehr viel Geduld gelang es ihm schließlich tatsächlich, seine eigenen Fünf-Euro-Scheine zu drucken. Simple Kopien waren das, ohne Sicherheitsmerkmale, die er voller Stolz an seine Freunde verteilte. Einfach so. Blöd nur, dass die Freunde auf die Idee kamen, mit den Scheinen Döner kaufen zu gehen: Die Sache flog auf. Der Student kam halbwegs glimpflich davon, die Richter glaubten ihm, dass er das Geld nicht wirklich fälschen wollte, um sich zu bereichern. Die Freunde allerdings gingen ins Gefängnis: Wer Falschgeld im Umlauf bringt, macht sich strafbar.

Dem Dönerbudenbesitzer seien die falschen Fünfer zunächst gar nicht aufgefallen, erzählt Schäfer. Und das sei gar nicht so selten, eine Fälschung müsse nicht perfekt sein, um zu funktionieren: Man schaut nicht genau hin, wenn ein hübsches Mädchen sich kurz vor Abfahrt des Zuges noch schnell einen Fünfziger wechseln lässt.

Manchmal läuft es auch einfach dumm, wie bei dem Oberpfälzer Pensionsbesitzer, der schnell zu einem Fußballspiel wollte und noch im Fortgehen von seinen zechenden Gästen einen vermeintlichen 500-Euro-Schein annahm – der sich am folgenden Morgen als überdimensionaler Werbedruck herausstellte, auf dem auch noch das Logo einer örtlichen Sparkasse prangte. Die wirklich professionellen Fälscher sitzen im Ausland, in Bulgarien zum Beispiel und in Italien, wo sie in der Gegend um Neapel mit riesigen Druckmaschinen unter dem Schutz des organisierten Verbrechens Geldscheine produzieren.

Gute Fälschungen, wie die, die Schäfer auf dem Tisch gestapelt hat. Fast perfekt. Aber eben nur fast. Denn der Euro, da ist sich Schäfer sicher, lässt sich nicht perfekt fälschen. Jeder Fälscher spezialisiere sich auf eines der Sicherheitsmerkmale: einigen gelänge das Hologramm ganz gut, anderen der Farbverlauf, aber noch nie habe er einen Euro-Schein in der Hand gehalten, bei dem alle Sicherheitsmerkmale perfekt imitiert worden seien.

Ghandis Brille saß falsch

Spätestens am Wasserzeichen, das ja nicht auf das Papier gedruckt, sondern darin eingearbeitet ist, scheiterten alle. Nur ein einziges Mal überhaupt hat Schäfer eine nahezu fehlerfrei gefälschte Banknote gesehen: Einen indischen Rupien-Schein. Das Papier stimmte, das Wasserzeichen, die Hologramme. Die Scheine im Gesamtwert von mehr als 10 000 Euro waren bei einem Briten gefunden worden, und nur wer genau hinsah, der konnte erkennen, dass der Bügel der Brille auf dem Konterfei von Mahatma Ghandi einen winzigen Millimeter zu hoch war.

So etwas fasziniert Helmut Schäfer. „Der Wert ist gleich Null“, sagt er über sein Falschgeld, „aber jeder Schein hat seine eigene Geschichte“. Trotzdem ist er froh, dass er immer wieder auch weg kommt von seinem Schreibtisch, dass er häufig selbst dabei ist, wenn Geldfälscher geschnappt werden. Wie bei der Gruppe Männer, die über Wochen hinweg immer wieder in Bäckereien, Blumenläden und Supermärkten mit falschen 100-Euro-Scheinen bezahlte.

Nach einem Hinweis von einer Kassiererin kannten Schäfer und seine Leute das Auto, sie beschatteten die Männer, verfolgten und erwischten sie schließlich auf frischer Tat. In der Wohnung der Männer fanden sie dann unzählige verschimmelte Semmeln und verwelkte Blumen: Bei den Einkaufstouren ging es immer nur ums Wechselgeld.

Doch nicht nur mit Falschgeld hat Helmut Schäfer zu tun. Vor kurzem erst sind in München zwei Chinesinnen mit einem ganzen Beutel voller Zwei-Euro-Münzen aufgefallen, die Münzen zerschlagen und verfärbt. Aber echt, gesammelt in China aus europäischem Elektroschrott, aus rostigen Waschmaschinen, alten Autos und vergammelten Trocknern, gereinigt und wieder verkauft: 50 Zwei-Euro-Münzen gibt es dort für unter 70Euro. Die Bundesbank prüft jetzt, ob der Einsatz der scharfen Reinigungsmittel als mutwillige Beschädigung der Münzen gilt. Wenn nicht, erhalten die Frauen den Gegenwert ihrer Schrottmünzen zurück. In schönen, neuen Euros.

Hunde erkennen Blüten am Geruch

Schäfer erzählt das alles gelassen, aber noch immer mit Verwunderung darüber, was es alles gibt auf der Welt. Er selbst, erzählt er, überprüfe nicht jeden Geldschein, den er als Wechselgeld bekommt: „Sonst wird man ja verrückt“. Und letztlich sei die Wahrscheinlichkeit, einen falschen Schein zu bekommen, sehr gering.

Und das auch wegen der Hunde, für die Schäfer nun das Falschgeld in einen großen Umschlag steckt: Hunde können Geld am Geruch erkennen, ähnlich wie Rauschgift. Deswegen geht der Umschlag nun an die Hundestaffel, zur Ausbildung. Damit bald noch mehr Falschgeld auf Schäfers Schreibtisch landet. Statt in den Kassen argloser Dönerbesitzer.

Die Kommentarfunktion steht exklusiv unseren Abonnenten zur Verfügung. Als Abonnent melden Sie sich bitte an oder registrieren Sie sich. Alle anderen Nutzer finden preiswerte Angebote in unserem Aboshop.

Anmelden Registrieren Zum Abo-Shop

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht