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Bayern
Montag, 20. November 2017 11

Kommentar

Sieben schwere Jahre

Ein Kommentar von Christine Straßer, MZ

Es ist einer der größten Missbrauchsskandale der deutschen Kirchengeschichte: Priester und Erzieher des Regensburger Bistums haben über Jahrzehnte hunderte Kinder geschlagen, schikaniert und sich sexuell an ihnen vergangen. Nächste Woche wird es dazu abschließende Zahlen geben. Es ist davon auszugehen, dass sie hoch sein werden. Noch erschütternder als die Zahlen sind die Geschehnisse dahinter – und dass Betroffene so lange um die Anerkennung ihres Leids und die systematische Aufarbeitung der Vorfälle kämpfen mussten.

Rückblick: Im Jahr 2010 schildern ehemalige Domspatzen Schreckliches. Sie berichten von brutalen Quälereien und sexuellen Übergriffen. Das Bistum Regensburg verspricht schon damals Aufklärung und Aufarbeitung. Zur gleichen Zeit kommen auch Missbrauchsfälle im Benediktinerinternat Ettal an die Öffentlichkeit. Doch während sich Betroffene und das Kloster in Ettal schon 2011 auf Maßnahmen verständigen, tut sich in Regensburg unter dem damaligen Bischof Gerhard Ludwig Müller so gut wie nichts. Versuche, die unrühmliche Vergangenheit des weltberühmten Knabenchores aufzuarbeiten, scheitern. Erst nachdem Müller als Kardinal nach Rom wechselt und Rudolf Voderholzer seine Nachfolge in Regensburg antritt, gerät etwas in Bewegung. Vor allem wird Ulrich Weber als Sonderermittler im Missbrauchsskandal bei den Domspatzen eingesetzt.

Webers Zwischenbericht, den er Anfang 2016 vorlegt, macht dann die tatsächlichen Dimensionen deutlich: Es gab im Zeitraum von 1945 bis Anfang der 1990er Jahre wohl hunderte Opfer – in der Domspatzen-Vorschule in Pielenhofen und Etterzhausen, aber auch im Musikgymnasium und im Internat in Regensburg. In einer Pressekonferenz schildert der Rechtsanwalt, dass die sexuellen Übergriffe „von Streicheln bis hin zu Vergewaltigungen“ reichten. Darüber hinaus seien die Kinder teils blutig geschlagen worden – mit dem Stock, mit dem Siegelring oder mit dem Schlüsselbund. Und wenn eines der Kinder ins Bett gemacht habe, sei es zur Strafe vor den Mitschülern bloßgestellt worden. Der Anwalt stellt auch fest: Es handelte sich um ein „System der Angst“.

Danach – wohlgemerkt sechs Jahre nachdem verzweifelte Opfer sich zu Wort gemeldet hatten – gelingt auch in Regensburg, was in Ettal schon Jahre zuvor stattgefunden hatte: Ein Aufarbeitungsgremium erarbeitet eine Strategie zur Aussöhnung. Seit dem vergangenen Oktober gibt es dafür einen Fahrplan. In manchem war Ettal Vorbild. Etwa darin, dass es wichtig ist, Therapieangebote zu machen und eine Studie in Auftrag zu geben, die sich unter anderem mit den Täterprofilen befasst. Es geht um die Wahrheit. Sie ist womöglich wichtiger als Geld. So gesehen ist die historische Studie, die den Blick auf die Ursachen der Vorfälle bei den Domspatzen legt, bedeutender als Entschädigungsleistungen. Die gibt es zwar. Aber das Leid, das geschehen ist, können diese Zahlungen nicht aufheben.

Es war ein langer Weg. Sieben schwere Jahre liegen hinter den Betroffenen. Und auch wenn nun vieles erreicht und auf den Weg gebracht wurde, sind nicht alle Wunden verheilt. Die Hoffnung, von Kardinal Müller selbstkritische Worte zu hören, hat sich zerschlagen. Grund zur Hoffnung, dass auf sieben schwierige Jahre nun bessere Jahre folgen, gibt es aber. Papst Franziskus hat den Abschied von Kardinal Müller aus der Glaubenskongregation erwirkt. Dass im selben Monat nun der Abschlussbericht zum Domspatzen-Skandal veröffentlicht wird, ist Zufall. Wer an eine überirdische Regie glauben will, mag darin aber auch ein Zeichen sehen.

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  • AO
    Angelika Oetken
    10.07.2017 20:39

    Missbrauchskriminalität hat viele Facetten, darum gibt es bei ihr, je nach Perspektive, verschiedene Wahrheiten. Um so wichtiger ist es, dass die Verbrechen und die sie begünstigenden Umstände so unabhängig und fachgerecht wie möglich aufgeklärt werden. Angelika Oetken, Berlin-Köpenick, eine von 9 Millionen erwachsenen Menschen in Deutschland, die in ihrer Kindheit und/oder Jugend Opfer schweren sexuellen Missbrauchs wurden

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    • AO
      Angelika Oetken 10.07.2017 20:43

      Bis heute fehlen verbindliche Standards für Aufarbeitungsprojekte "1. Die zu Beauftragenden erklären sich vorab gegenüber ihren AuftraggeberInnen und der Öffentlichkeit zu etwaigen Interessenkonflikten 2. Der Auftrag wird im Originalwortlaut veröffentlicht 3. Auftraggeber und Auftragnehmer deklarieren explizit, wie sie den Schutz der Persönlichkeitsrechte der Menschen gewährleisten wollen, deren Daten oder Wissen im Zuge der Untersuchung genutzt werden" Zitat aus "Kindesmissbrauch aufarbeiten – Von der individuellen zur gesellschaftlichen Auseinandersetzung mit einem verbreiteten Unrecht", Maren Ruden, Jörg-Alexander Heinrich, erschienen in der Zeitschrift "Trauma", Heft 4/2016

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