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Montag, 11. Dezember 2017 4

Parteien

SPD-Frau Kohnen greift nach nächstem Amt

Bayerische SPD-Spitzenkandidatin dürfte bald Vize im SPD-Bundesvorstand sein. CSU-Mann Huber lobt: „Kompetente Politikerin“
Von Christine Schröpf, MZ

Natascha Kohnen ist seit Mai bayerische SPD-Chefin. Sie hatte sich in einer Mitgliederbefragung durchgesetzt. Foto: dpa

München.Die Nachricht über die Spitzenkandidatur von SPD-Chefin Natascha Kohnen bei der Landtagswahl hatte sich schon Sonntagabend nach dem einstimmigen Votum des SPD-Landesvorstands verbreitet, bei der Pressekonferenz am Montagvormittag hat die 50-Jährige bereits die nächste Nachricht im Gepäck: Beim SPD-Bundesparteitag Anfang Dezember in Berlin wird sie als Vizevorsitzende kandidieren. Die Hamburger Migrationsexpertin Aydan Özoguz räumt mit einer Empfehlung für Kohnen ihren Platz, „um unserer Partei im Süden wieder zur Stärke zu verhelfen“. Die bayerische SPD ist damit wohl bald in der Bundespartei so einflussreich vertreten, wie seit 14 Jahren nicht mehr. Renate Schmidt, die große Dame der SPD, hatte zuletzt diesen Posten inne. Die heute 73-Jährige war auch zwei Mal Spitzenkandidatin bei der Landtagswahl, holte jeweils um die 30 Prozent.

Kommentar

Frau macht’s

Es verlangt Mut, nach der SPD-Spitzenkandidatur in Bayern zu greifen. In den vergangenen Jahrzehnten war hier bei den Landtagswahlen für die Partei wenig...

Kohnen fängt prozentmäßig eine Liga tiefer an. Aktuell liegt die bayerische SPD in Umfragen zur Landtagswahl bei 17 Prozent. Bei der Bundestagswahl hatte die Partei im Freistaat 15,3 Prozent erreicht. Kohnen entmutigt das nicht. „Die bayerische Parteienlandschaft ist unheimlich in Bewegung“, sagt sie am Montag. Sie spüre die Sehnsucht der Menschen nach Ehrlichkeit in der Politik, und den Überdruss gegenüber lockeren Sprüche und zu einfachen Lösungen. Das ist auf die CSU gemünzt, die bei der Bundestagswahl mit einer Flüchtlingsobergrenze punkten wollte und trotzdem auf 38,8-Prozent abgestürzt war.

Die CSU hat sich nach der Niederlage im Machtkampf zwischen Ministerpräsident Horst Seehofer und seinem Finanzminister Markus Söder verheddert – die SPD demonstriert als Gegenentwurf am Montag pure Harmonie: Landtagsfraktionschef Markus Rinderspacher, der selbst Ambitionen auf die Spitzenkandidatur hatte, nennt Kohnen bei der Pressekonferenz „die beste Kandidatin, die sich die SPD wünschen kann“. Auch andere SPD-Granden hatten bereits bei der Vorstandssitzung Rückendeckung signalisiert, darunter der Nürnberger Oberbürgermeister Uli Maly. „Es kann nicht Eine oder Einer alleine richten, sondern nur wir alle gemeinsam“, sagt Kohnen.

Der Oberpfälzer SPD-Chef Franz Schindler saß im Landesvorstand mit am Tisch. Die Nominierung stand zunächst gar nicht auf der Tagesordnung. Als Kohnen aber ihre Bereitschaft zur Spitzenkandidatur bekanntgab – mit dem Angebot zu einer Bedenkzeit bis zur nächsten Sitzung im Dezember – erhielt sie soviel Zuspruch, dass es sofort beschlossen wurde.

„Es ist gut, dass es geklärt ist – auch einvernehmlich“, sagt Schindler. Er setzt auf den „Neugier-Effekt“, den Kohnen als frisches Gesicht bei Wählern auslösen kann. Er spekuliert zudem darauf, dass ein Jamaika-Bündnis in Berlin den potenziellen Koalitionären enge Fesseln anlegt, „und die Mitbewerber dann nicht mehr so forsch und frei auftreten können“.

Natascha Kohnen will die SPD bei der Landtagswahl zu einem guten Ergebnis führen. Generalsekretär Uli Grötsch (l.) und Landtagsfraktionschef Markus Rinderspacher bekräftigen Unterstützung. Foto: dpa

Die SPD hat sich damit als erste Partei bei der Spitzenkandidatur festgelegt – ein Parteitag im März muss das Vorstandsvotum jetzt noch absegnen. Die CSU streitet dieser Tage weiter um die künftige Personalaufstellung. Ihr sei es egal, ob die Wahl auf Söder oder Seehofer falle, sagt Kohnen. „Das ist deren Ding.“ Die SPD-Chefin hatte bereits im Vorfeld erklärt, dass sie das linke Profil der SPD schärfen will. Im Bundestagswahlkampf sei nicht mehr klar gewesen, wofür die SPD steht. Das will sie am Montag aber nicht als Frontalangriff auf Bundesparteichef Martin Schulz verstanden wissen, der bekanntlich auch Bundestagsspitzenkandidat war.

Natascha Kohnen verbreitete die Nachricht der Spitzenkandidatur auch via Kurznachrichtendienst Twitter:

„Das geht viel weiter zurück“, sagt sie. Die SPD habe schon lange davor, keine Antwort geliefert, was Sozialdemokratie im 21. Jahrhundert bedeutet. „Wie soll der Sozialstaat die Digitalisierung begleiten?“, nennt sie als Beispiel für eine zentrale Frage. Es gehe auch darum, wie flexibel unter den neuen Bedingungen Arbeitszeiten wirklich sein müssen oder – global gedacht – um die Positionierung der SPD zu Freihandelsabkommen. „Die, die mit Afrika existieren, entziehen den Menschen dort ihre Lebensgrundlage“, sagt sie.

„Die CSU wäre sehr gut beraten, sie ernst zu nehmen, auch weil sie sehr gut in der Lage ist, ein großstädtisches Publikum anzusprechen.“

Der frühere CSU-Chef Erwin Huber

Kohnen ist 50 Jahre alt, verheiratet und Mutter. Mit 18 Jahren, zu Zeiten des Protests gegen die Wiederaufarbeitungsanlage, stand sie am Bauzaun von Wackersdorf. Nach dem Abitur studierte sie in Regensburg Biologie, lebte später mit ihrer Familie ein paar Jahre in Paris. Seit 2008 ist sie Landtagsabgeordnete, seit Mai 2017 SPD-Chefin. Aufgewachsen ist Kohnen in der Münchner Maxvorstadt, wenige 100 Meter entfernt von dem Studenten-Cafe, in dem sie am Montag die Pressekonferenz abhält. „Mein Weg zur Grundschule führte an diesem Haus vorbei“, sagt sie.

„Lostweekend“ soll kein Omen sein

Das Cafe, in dem Kohnen ihre Zukunftspläne skizziert, trägt den Namen „Lostweekend“. Sofort spinnen Journalisten die Idee mit dem „verlorenen Wochenende“ weiter. Kohnen grätscht dazwischen. Es sei nicht als Vorzeichen für das SPD-Wahlergebnis bei der Landtagswahl im nächsten Herbst zu verstehen. Sie verweist lieber auf den knallorangefarbenen Spruch über der Eingangstür. „Love kills Capitalism“ ist dort zu lesen – frei übersetzt: Die Liebe bezwingt den Kapitalismus. „Viele Menschen in Bayern haben das Gefühl, sie rackern sich ab und können sich am Ende trotzdem kaum die Miete leisten. Das sind die Menschen, die wir ansprechen wollen“, sagt sie. Kohnens Wahlkampfmanager ist übrigens ein Oberpfälzer: Der SPD-Generalsekretär und Weidener Bundestagsabgeordnete Uli Grötsch. „Wir haben Lust darauf, zu zeigen, dass wir für ein frisches Bayern stehen“, sagt er.

Ein Kompliment für Kohnen kommt am Montag vom früheren CSU-Chef Erwin Huber, heute Vorsitzender des Wirtschaftsausschusses im Landtag. „Ich habe sie im Ausschuss als sehr engagierte und kompetente Politikerin kennengelernt“, sagt der Niederbayer. „Die CSU wäre sehr gut beraten, sie ernst zu nehmen, auch weil sie sehr gut in der Lage ist, ein großstädtisches Publikum anzusprechen.“

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