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Hobby

Stricken: Die neue Welle mit der Wolle

Maschenware zu tragen, ist total angesagt. Selbst Jugendliche greifen zu den Nadeln. In Regensburg gibt es Kurse und ein Strickcafé.
Von Heike Sigel, MZ

  • Auch Laternenpfosten tragen in Regensburg Strick.
  • Neonfarbene Mützen sind der Renner bei Teenies.

Regensburg. Vier rechts, vier links, vier rechts, vier links. Zwei verkrampfte und verschwitzte Kinderhände mühen sich stundenlang mit zwei mattsilbernen Stricknadeln ab, die in kratziger, dunkler Wolle stecken. Schließlich soll der selbstgemachte Topflappen pünktlich am Muttertag überreicht werden. Die Beschenkte lässt das gute Stück, mühsam Freude heuchelnd, dann für immer in der Küchenschublade verschwinden. Wer ähnliche Erinnerungen an seinen Strickunterricht in der Schule hat, der gehört bestimmt auch zu der Generation, die lieber erfroren wäre, als mit einer uncoolen, Juckreiz auslösenden, Strickmütze in der Schule zu erscheinen. Wie sich die Zeiten geändert haben! Stricken ist total „in“. Ohne gestrickte Loop-Schals und Mützen gehen modebewusste Jugendliche selbst an warmen Frühlingstagen kaum noch aus dem Haus.

„Letztes Jahr kam dieser Strick-Boom ganz plötzlich auf. Die Welle war so groß, dass die Wollhändler im Winter Lieferschwierigkeiten hatten. Teilweise habe ich mehr Zeit für die Materialbeschaffung, als für’s Stricken gebraucht“, erzählt Cornelia Hasler. Die 40-Jährige strickt seit ihrem zwölften Lebensjahr. Gelernt hat sie es von ihrer Oma, die in der Nähe von Jena für diverse Boutiquen strickte. Die alte Dame konnte sogar mit geschlossenen Augen wie in Trance die Stricknadeln klappern lassen. Ihre Enkelin ist ihr heute dankbar. Weil die Aufträge aus dem Familien- und Bekanntenkreis immer häufiger wurden, hat sich Cornelia Hasler im März mit ihrer Strick-Firma „Puschl“ selbstständig gemacht. Zwischen 18 und 25 Euro kosten ihre selbstdesignten Mützen. Tochter Yasmin schnappt sich eine neon-orange Kreation. „Wenn ich mal schnell eine in einer bestimmten Farbe brauche, dann gebe ich einfach bei meiner Mutter eine Bestellung auf“, meint sie lächelnd.

Stricken hat etwas Meditatives

Neonfarbene Mützen und Stirnbänder sind zur Zeit der Renner. Das bestätigen auch Dominika und Stephanie Sabatier. Die Schwestern bieten in ihrem Laden „Schwesternliebe“ in der Regensburger Kramgasse individuelle, selbstgemachte Kleidung an. Im Winter natürlich auch warme Strickschals und Mützen aus Schurwolle. Allerdings nicht aus Neon-Wolle, sondern eher in gedeckten Farben. Handarbeiten ist die große Leidenschaft der beiden. „Ich hatte als Kind einen Teddy, dem ich immer Hosen und Pullis gestrickt habe“, erinnert sich Dominika. Stephanie denkt lachend an ihr Schulprojekt „Wir stricken uns einen Pumuckl“ zurück. „Die haben alle toll ausgeschaut. Man hat zumindest einen Pumuckl erkannt.“

Schwer sei Stricken ganz bestimmt nicht, machen die zwei allen Strickmuffeln Lust auf’s Selbermachen. „Natürlich braucht man Übung, sonst wird das Ganze nicht gleichmäßig. Aber an sich kann man schon mit ein paar Variationen der Grundmaschen tolle Muster stricken.“ An einem Pullover arbeiten auch die geübten Strickerinnen mehrere Tage. Dafür tragen sie dann originelle Einzelstücke – wie die Katzen-Pullunder beim Fototermin am Dom – und keine Massenware von der Stange. Das steigende Bewusstsein für Qualität und Originalität befeuert letztendlich auch den Strick-Boom. „Masche für Masche wird ein Faden zu einem neuen Stück verarbeitet. In der Handarbeit stecken jede Menge Emotionen drin. Du strickst und deine Gedanken sausen“, schwärmt Stephanie von ihrem Hobby.

Lukas Schmidtner steht mit Strickmütze und dickem Pulli hinter dem Tresen des „Café Sofa“ in Regensburg. „Bei uns treffen sich öfter Mädels so um die zwanzig zum Stricken“, berichtet der Student der Kulturwissenschaften grinsend. Seine Mütze ist nicht selbstgestrickt. Er kann gar nicht stricken. Typisch Mann eben.

„Ich kenne Männer, die stricken“

Miko Greza, seit Jahrzehnten Schauspieler am Regensburger Stadttheater und derzeit in der „Rocky Horror Show“ zu bewundern, widerspricht diesem Vorurteil vehement. „Ich kenne viele Männer, die stricken. Das ist nichts Ungewöhnliches.“ Weil es in der Familie des 62-Jährigen keine Mädchen gab, musste er „dran glauben“ und von seiner Großmutter das Stricken lernen. Erst kürzlich hat er einer Regensburger Freundin ein selbstentworfenes Kleid mit Zopfmuster gestrickt. Die Kinder werden zu Weihnachten mit Schals beglückt, seine französische Bulldogge trotzte im Winter in einem schwarzen Wollmantel mit Zopfmuster der eisigen Kälte und seine Frau bekam von ihm einmal ein selbstgestricktes, bodenlanges Abendkleid mit passendem Mantel geschenkt. „Das hat sie dann in der Oper getragen.“

Brigitte Höfner konnte in ihren Strickkursen bei der Regensburger Volkshochschule noch nie einen Mann begrüßen. „Den würde ich natürlich ganz besonders hofieren“, verspricht sie. Ihre Kurse „Ran an die Maschen“ oder „Machen Sie sich auf die Socken“ laufen vor allem im Winter gut. Die VHS-Gruppe trifft sich in einem Café am Haidplatz und lässt sich von der 54-Jährigen in gemütlicher Runde Tipps und Hilfestellungen geben. „Vor dem Ferse-Stricken haben viele Angst“, plaudert die langjährige Kursleiterin quasi aus dem Strickkästchen: Teilnehmerinnen aus Polen oder der Türkei halten die Nadeln demnach anders und haben auch eine unterschiedliche Fadenführung, während Italienerinnen am liebsten auf einer langen Nadel arbeiten. Mützen gelingen auf einem sogenannten Nadelspiel besonders gut. „Vier Nadeln stecken in der Wolle, mit der fünften wird gestrickt. So hat man keine Naht in der Mütze.“ Für Anfänger nicht ganz so einfach. Notfalls muss man eben auftrennen. „Es geht aber beim Stricken nichts kaputt, wie bei der Schneiderei. Der Stoff ist bei einem Fehler hinüber, beim Stricken fange ich eben nochmal von vorne an.“

Stricken kann in der Domstadt übrigens auch politisch motiviert sein. In einer Nacht- und Nebelaktion umstrickte eine Regensburger Illustratorin zusammen mit ihrer Freundin im vergangenen Jahr auf der Steinernen Brücke und in Stadtamhof diverse Verkehrs- und Laternenpfosten. „Wir wollten mit dieser Aktion für mehr Farbe im öffentlichen Raum werben“, verrät sie.

Jugendzentrum bietet Stricktreff

Zurück ins „Café Sofa“: An einer Wand sticht ein Plakat mit Wollknäuel und Stricknadeln ins Auge. Geworben wird für das „Strickcafé im W 1“, dem städtischen Zentrum für junge Kultur in der Weingasse 1. Jeden Donnerstag könne man sich dort zum Stricken treffen, steht da. „Von September bis März ist das Strickcafé sehr gut gelaufen. In der wärmeren Jahreszeit bieten wir einmal im Monat unseren ‚Handmade-Day‘ an, im Herbst gibt es vielleicht wieder ein wöchentliches Strickcafé“, informiert Sozialpädagogin Eva-Maria Kratzwall. Denn im Herbst steht schon bald wieder Weihnachten vor der Tür – und selbstgestrickte Topflappen kommen irgendwie immer gut an.

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