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Freitag, 26. August 2016 31° 1

Flüchtlinge

Stunde der Praktiker in der Asylpolitik

Jenseits von Debatten um Obergrenzen und Grenzschließungen – Praktiker erzählen von der Arbeit in Erstaufnahmeeinrichtungen.
Von Christine Schröpf, MZ

  • Die Erstaufnahmeeinrichtung in Regensburg: Über die Schicksale hinter den Mauern wurde am Donnerstag im Regensburger PresseClub debattiert. Foto: Lex
  • Der Leiter der Regensburger Erstaufnahmeeinrichtung, Karl-Heinz Kreuzer. Foto: Lex
  • In Deutschland angekommen – aber nicht bei jedem willkommen: Hamid Al Haddu aus Syrien. Foto: Lex
  • Eva König von der Organisation Campus Asyl. Foto: Lex
  • Der Allgemeinarzt Dr. Beck sieht bei seiner Arbeit auch schlimme Kriegsverletzungen. Foto: Lex
  • Ebnet Wege: Sandra Heinl von der Asylberatung der Caritas. Foto: Lex

Regensburg.In Brüssel debattieren Staatschefs der Europäischen Union am Donnerstag über die Flüchtlingspolitik. Entlang der Balkanroute konkretisieren sich parallel Ideen, die Grenzen abzuschotten. Im Regensburger PresseClub schlägt zeitgleich die Stunde der Praktiker, die jenseits der großen Politik in Flüchtlingsunterkünften Dienst tun:Karl-Heinz Kreuzer erzählt von seiner Arbeit als Leiter der Regensburger Erstaufnahmeeinrichtung – inklusive Dependancen ist dort Platz für bis zu 3500 Menschen. Der Allgemeinarzt Dr. Rainer Beck betreut in der Regensburger Zentrale Flüchtlinge medizinisch. Sandra Heinl von der Asylberatung der Caritas und Eva König vom Studentenverein CampusAsyl geben praktische Hilfen. Mit Hamid Al Haddu aus Syrien sitzt im PresseClub an diesem Abend auch ein Asylbewerber mit am Tisch.

Der Ton wird rauer

Der 30-Jährige kam am 22. Mai 2015 mit einem Cousin nach Deutschland. „Danke schön – für alles“, sagt er als Erstes. In seinen knapp vier Monaten in der Erstaufnahmeeinrichtung Regensburg arbeitete er als Dolmetscher. Er hat es genossen, etwas Sinnvolles tun zu können. Viele Flüchtlinge packen in der Erstaufnahmeeinrichtung mit an, berichtet Kreuzer. Wie Al Haddu würden sie am liebsten in Regensburg bleiben – denn in Folgeunterkünften abseits der Großstädte gibt es für sie oft den ganzen Tag nichts zu tun. Es schwindet dort manchmal auch die Offenheit für Fremde, sind sich die Experten einig. Der junge Syrer, der inzwischen in einer Gemeinschaftsunterkunft in Bad Kötzting einquartiert ist, hat es bei einer Zugfahrt selbst erlebt. Warum er nach Deutschland gekommen sei, wurde er angeraunzt. „Ich bin hier nach Deutschland gekommen, um zu überleben“, antwortete er. „Wir Menschen aus Syrien brauchen eure Hilfe.“

„Wer eine Erstaufnahme von innen gesehen hat, kann danach nicht mehr rassistische Parolen loslassen.“

Eva König von CampusAsyl

Nach Zahlen der Regierung der Oberpfalz trafen 2015 insgesamt 29 000 Asylbewerber in der Regensburger Erstaufnahmeeinrichtung samt ihrer Dependancen und Notunterkünfte ein. In diesem Jahr wurden bis 17. Februar 3000 Menschen gezählt. Mal sind es mehr, mal weniger Flüchtlinge. „Wir wissen nie, wie viele ankommen“, sagt Kreuzer, der die Anlaufstelle im Dezember 2014 mit aufgebaut hat. Aktuell werden vor allem Syrer und Iraker mit hoher Anerkennungsquote im Asylverfahren betreut. Viele Familien mit Kindern und Jugendlichen sind darunter. Es geht eng zu – doch Kreuzer und sein Team versuchen alles, um die Asylbewerber möglichst gut zu versorgen. Was auffällt, ist eine ungetrübte Begeisterung für die Arbeit. Doch auch Kreuzer spürt, dass der Ton gegenüber Flüchtlingen rauer geworden ist. Das gilt auch für Regensburg, trotz der von Oberbürgermeister Joachim Wolbergs gelebten Willkommenskultur. Die Bedenken würden wohl deshalb wachsen, weil anderswo ständig gesagt werde: „Wir schaffen das nicht.“ Kreuzer versucht, Ängste von Bürgern zu entkräften. „Wir haben jetzt noch ein, zwei schwere Jahre, in denen wir zusammenhalten müssen“, sagt er.

Erfahrungen, die immun machen

Auch Eva König registriert Stimmungsveränderungen. Sie sieht einen Zusammenhang mit den Übergriffen auf Frauen in Köln in der Silvesternacht. „Es hat sich sehr, sehr viel verändert.“ Viele Flüchtlinge berichteten ihr, dass sie „im Bus nicht mehr arabisch reden können, ohne beschimpft zu werden“. Auch bei Campus Asyl treffen inzwischen einzelne Hassmails ein.

Der Verein zählt mehrere Hundert Ehrenamtliche. Wie viele es genau sind, kann König nicht sagen. Die Helfer organisieren für Flüchtlinge ein breites Tableau von Angeboten: Es reicht von Sportaktivitäten bis zur Teestunde für Frauen, von Deutschkursen bis zum interkulturellen Kochen. Doch auch hier habe das Engagement seit dem Sommer nachgelassen. Damals mussten Hilfsbereite teils abgewiesen werden, weil es einfach zu viele waren. „Inzwischen nehmen wir alle mit Handkuss.“ Sie würde sich wünschen, dass sich jeder selbst ein Bild von der Situation der Flüchtlinge macht – es würde gegen Fremdenfeindlichkeit immun machen, meint sie. „Wer eine Erstaufnahme von innen gesehen hat, kann danach nicht mehr rassistische Parolen loslassen.“

In der Sprechstunde von Allgemeinarzt Dr. Beck tauchen etwa immer wieder Flüchtlinge mit schlecht verheilten Kriegswunden auf. „Bombensplitterverletzungen durch Explosionen, auch Schusswunden“, sagt er. „Meistens nur notdürftig versorgt, in der Türkei.“ Oft wundern sich die Praktiker in der Erstaufnahme, wie die Asylbewerber überhaupt die beschwerliche Flucht überstehen konnten. Einige Flüchtlinge sind danach auf psychologische Hilfe angewiesen. Beck verweist auf die geplante Kooperation mit einer Forschergruppe der Uni Regensburg. Gegen posttraumatische Belastungsstörungen setzt er auch auf dreiwöchige Kurztherapien.

Sandra Heinl ist die Caritas-Frau, die vergangenen Herbst erfolgreich nach einem elfjährigen Jungen suchte, der seinem Onkel auf der Flucht nach Deutschland in Kroatien verloren gegangen war. Es mussten einige bürokratischen Hürden genommen werden, bevor das Kind in Regensburg war. „Wir versuchen, die alltäglichen Fragen der Bewohner der Erstaufnahmeeinrichtung zu beantworten“, beschreibt sie selbst recht nüchtern ihre Arbeit. Asylbewerber werden auch auf die Anhörung beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge vorbereitet. Neue Asylpakete des Bundes entfalten bei Heinl eine ganz konkrete Wirkung. „Alle drei Monate müssen wir eine neue Gesetzeslage verinnerlichen.“

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