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Gedenken

Trauerakt für die Opfer des Amoklaufs

Bayern trauert um die neun Opfer des Amoklaufs. Gauck mahnt bei Gedenkakt im Landtag: Nicht dem Hass unterwerfen.
Von Christine Schröpf, MZ

Bundespräsident Joachim Gauck versuchte, den Angehörigen Trost zu spenden. Foto: dpa

München.Neun Menschen sind dem Münchner Amoktäter zum Opfer gefallen. Bundespräsident Joachim Gauck verliest am Sonntagabend beim Gedenkakt im Landtag ihre Namen: „Armela fehlt uns“, sagt er. Auch Can, Chousein, Dijamant, Giuliano, Janos, Sabine, Selcuk und Sevda. „Niemand kann die Lücke schließen, kann jetzt heilen, was geschehen ist.“ Angehörige verfolgen seine Worte von der Ehrentribüne aus – weitgehend abgeschirmt von den Blicken. Menschliche Solidarität, wie sie sich nach der Gewalttat gezeigt habe, könne den Schmerz lindern und neues Vertrauen wachsen lassen, sagt Gauck. Amokläufern wie Attentätern sei die Absicht gemeinsam, das Gefühl von Sicherheit und Normalität zu rauben. „Aber all denen, die aus unseren Heimaten Orte der Furcht und des Schreckens machen wollen, werden wir eines nicht geben: unser Unterwerfung. Sie werden uns nicht zwingen zu hassen, wie sie hassen.“

Die Täter der jüngsten Gewalttaten beschreibt er als „junge Männer mit labilem Charakter, die sich von ihrem Umfeld gedemütigt, ausgegrenzt und nicht angenommen sehen“. Es stelle sich die Frage nach der Verantwortung, die in solchen Fällen für Freunde und Familie, Ärzte und die ganze Gesellschaft erwächst. „Allzu schnelle Schlüsse verbieten sich: Weder steckt in jedem, der eine Persönlichkeitsstörung aufweist, ein Straftäter, noch entlässt sie einen Straftäter gleich aus seiner persönlichen Verantwortung.“ Die Gesellschaft müsse aber alles tun, damit junge Menschen nicht „auf gefährliche Weise zu Randständigen werden“.

Trauer um die Opfer des Amoklaufs: (v.r.) der bayerische Ministerpräsident Horst Seehofer, Landtagspräsidentin Barbara Stamm, Peter Küspert, Präsident des Bayerischen Verfassungsgerichtshofs, und Münchens Oberbürgermeister Dieter Reiter. Foto: dpa

Zum Gedenkakt hatten Landtagspräsidentin Barbara Stamm, Ministerpräsident Horst Seehofer und der Münchner Oberbürgermeister Dieter Reiter eingeladen. „Ein gemeinsames Zeichen gegen menschenverachtende Gewalt“, sagt Stamm. Im Landtag herrschen am Sonntag hohe Sicherheitsvorkehrungen. An den Eingangspforten werden Taschen kontrolliert, Polizeihunde durchsuchten am Nachmittag das Gebäude. Neben Gauck ist auch Kanzlerin Angela Merkel angereist, außerdem der amtierende Bundesratspräsident Stanislaw Tillich sowie mehrere Mitglieder der Bundesregierung unter ihnen der Vizekanzler und SPD-Chef Sigmar Gabriel, Bundesinnenminister Thomas de Maizière, Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles, Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt und die Integrationsbeauftragte des Bundes, Aydan Özoguz.

Zum Trauerakt waren zahlreiche hochrangige Politiker angereist – an der Spitze: Kanzlerin Angela Merkel (r.). Außerdem im Bild: Grünen-Fraktionschef Anton Hofreiter (l.) und Vizekanzler Sigmar Gabriel (SPD). Foto: dpa

„Wir sind schockiert, erschüttert. Seit Tagen trägt unser Land tiefe Trauer“, sagt Seehofer. Der Amoklauf von München, aber auch die Attentate von Würzburg und Ansbach hätten sich in die Herzen eingebrannt und das Land verändert. Er sei jedoch dankbar für „die Menschlichkeit in der Unmenschlichkeit des Terrors“. Bürger hätten sich gegenseitig gestützt, geholfen und getröstet.

„Es war ein Anschlag auf unser buntes, unser vielfältiges und unser tolerantes München.“

Der Münchner OB Dieter Reiter

Der Münchner OB spricht von den „sicherlich traurigsten Stunden“ seiner Amtszeit. Die Gewalttat, der fast ausschließlich Menschen mit Migrationshintergrund zum Opfer gefallen waren, nennt er einen „ Anschlag auf unser buntes, unser vielfältiges und unser tolerantes München. Unsere Stadt muss und wird auf die feigen Morde mit einem noch stärkeren Zusammenhalt in unserer Stadtgesellschaft reagieren. Dessen bin ich mir sicher“. Er erinnert daran, dass Münchner in der Tatnacht anderen Zuflucht gewährten – zu einem Zeitpunkt, als in der Landeshauptstadt mit weiteren flüchtigen Mittätern gerechnet wurde. „Ein Zeichen unglaublicher Solidarität.“

Der Amokläufer, ein 18 Jahre alter Deutsch-Iraner, hatte am 22. Juli vor dem Olympia-Einkaufszentrum getötet – sechs der Opfer waren Jugendliche im Alter zwischen 14 und 17 Jahren. Danach erschoss er sich selbst. 35 weitere Menschen waren zum Teil schwer verletzt worden. Die Polizei fand später beim Täter weitere 300 Schuss Munition.

Bei einer Trauermesse am Nachmittag im Münchner Frauendom waren für die neun Toten neun weiße Kerzen entzündet worden. Kardinal Reinhard Marx mahnte, die richtigen Konsequenzen aus den schrecklichen Geschehnissen zu ziehen. „Wachsamkeit muss zu einer neuen Aufmerksamkeit führen – füreinander“, sagte er. „Abschottung, Misstrauen und Angst kann nicht das letzte Wort sein.“

Die Gedenkveranstaltungen beendet eine Woche der Trauer, die Seehofer für den Freistaat ausgerufen hatte. Am Tag nach dem Amoklauf hatte er bei einer Sondersitzung des Kabinetts ein verschärftes Sicherheitspaket der Regierung versprochen, das inzwischen beschlossen ist. So wird die Polizeipräsenz im Freistaat erhöht, bis 2020 sind 2000 neue Polizistenstellen geplant. Seehofer spricht beim Trauerakt im Landtag von der notwendigen Antwort des Rechtsstaats. „Das sind wir nicht zuletzt den Opfern und ihren Angehörigen schuldig.“

Geteilte Reaktionen

Als „berührend“, bezeichnet der Nürnberger SPD-Landtagsabgeordnete Arif Tasdelen den Trauerakt – vor allem das Versprechen Seehofers, dass sich Staatsregierung und Landtag weiter um die Familien der Opfer kümmern werden. Beeindruckt habe ihn auch Gauck, als er die Namen der Getöteten verlas – darunter auch „Can – das heißt übersetzt: Leben“.

„Das sie wortlos kommt und wortlos geht, ist unakzeptabel.“

Freie-Wähler-Chef Hubert Aiwanger über Kanzlerin Angela Merkel

Freie-Wähler-Chef Hubert Aiwanger kritisiert scharf, dass Kanzlerin Angela Merkel beim Gedenkakt keine Rede gehalten hatte. „Das sie wortlos kommt und wortlos geht, ist unakzeptabel.“ Dem widerspricht der frühere Landtagspräsident und Präsident des Zentralkomitees der Katholiken in Deutschland, Alois Glück. „Das ist normal, wenn der Bundespräsident spricht. Es ist ein wichtiges Zeichen, dass sie nach München gekommen ist.“ Der Landtag habe eine „menschlich intensive Stunde“ erlebt, „in der sich das ganze Volk wiederfinden kann“.

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