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Samstag, 16. Dezember 2017 3

MZ-Serie

Über Nacht wird man 176 Jahre älter

Eine aufgefundene Urkunde brachte es an den Tag: Die Drossenfelder Bräuwerck-Tradition gibt es schon seit dem Jahr 1473.
Von Thomas Dietz, MZ

Küchenchef Karl Heinz Jarema in der Bräuwerck-Gaststube. Der verstorbene Schauspieler Klaus Höhne sagte ihm mal, dass „Jarema“ spanischen Ursprungs sei; er könne sich doch „Don Charema“ nennen. Foto: Gabi Schönberger

Neudrossenfeld.Wenn man den tadellos sanierten Gasthof „Drossenfelder Bräuwerck“ betritt, liest man auf dem Edelrostblech im Eingang „Tradition seit 1649“. Das konnte man im Juli 2014, als in diesem schönen Bauensemble der Betrieb wieder aufgenommen wurde, geltenlassen. 367 Jahre Brautradition sind ja nicht wenig.

Niemand konnte ahnen, dass im Staatsarchiv Bamberg eine Urkunde sensationellen Inhalts schlummerte, die seit einer Ewigkeit offenbar niemand mehr angeschaut hatte. Vor vier Wochen öffnete Amtsleiter Dr. Stefan Nöth eine säurefreie Archivschachtel und entnahm ihr mit weißen Baumwoll-Handschuhen den „Concessions=Brief Herrn Marggraf Albrechts Churfürst zu Brandenburg für Ullein Maysel zu Neu Drossenfeld zu Errichtung einer Schenkstatt allda“. Gegeben zu Culmach „am Montag nach Sank Jacobb des heiligen“ (vermutlich war es der 28. Juli) 1473.

Über Nacht kamen also noch 176 Jahre Brautradition hinzu. „Damit spielen wir in einer Liga mit der Mönchshof-Brauerei in Kulmbach, die 1349 gegründet wurde“, freut sich Rainer Schimpf (61), ehrenamtlicher Vorstand der Bräuwerck-AG. Vor lauter Freude und auch zum 500. Geburtstag des Bayerischen Reinheitsgebotes hat Bräuwerck-Braumeister Bernd Weibbrecht (45) das Jubiläumsbier „1473 – Urwerck“ mit Rauchmalz gebraut.

Kurfürst Albrecht Achilles von Brandenburg (1414-1486) „glänzte als der tapferste, gewandteste, stärkste und der einzige niemals überwundene Ritter“, so steht es in einem Turnierbuch des 15. Jahrhunderts. Er hatte das Fürstentum Kulmbach von seinem Bruder geerbt, der den schönen Namen Johann der Alchimist trug.

Geflügel nur vom Kleinbauern

Wer sich heute im Gasthaus Drossenfelder Bräuwerck niederlässt, kann sich’s gut gehen lassen. Einige Gäste, zumal die aus dem nahen Bayreuth, kennen das Restaurant im benachbarten Schloss, wo Sternekoch Heini Schöpf wirkt, und sind neugierig geworden.

Küchenchef im Bräuwerck ist Karl Heinz Jarema (54), der im Hotel Bad Alexandersbad gelernt und u. a. in der Alten Feuerwache in Kulmbach und im Restaurant „rot.“ in Gärtenroth gekocht hat. Sein Credo ist die saisonale, wetterangepasste Küche, „frisch auf fränkischer Basis“. Die Zutaten stammen „aus heimischer, möglichst extensiver Produktion“, Fleisch von Weiderindern, Geflügel vom Kleinbauern.

Bürgermeister Harald Hübner (2. v. l.) mit Vorständen und Chefkoch. Foto: Gabi Schönberger

Qualität und Leistungsfähigkeit der Küche sind weithin bekannt, zumal das Bräuwerck viel Platz bietet: in die Gaststube mit umlaufender Holzvertäfelung und der Bohlenbalkendecke aus dem 17. Jahrhundert passen 60, ins Gewölbe mit den Sandsteinsäulen 45, ins Stuckzimmer 30, in den Saal mit versenkbarer Bühne und Konferenztechnik 150, auf die Terrasse 30 und in den Biergarten 200 bis 500 Personen. Wer einmal das wunderbare Bier mit Blick auf die 300 Jahre alte Tanzlinde und das anmutige, bis heute unberührte Tal des Roten Mains genossen hat, wird immer wiederkommen.

Bei Karl Heinz („Charly“) Jarema werden Kroketten und Sauce hollandaise noch selbst gemacht, für Haxn, gefüllten Kammbraten und Flammkuchen gibt’s einen Holzofen, in dem auch eigenes Brot (z. B. Dinkelfladen) gebacken wird. An fränkischen Köstlichkeiten wie Drossenfelder Bratwürste, Bierfleisch, Ochsenbacken in Dunkelbier geschmort (Bestseller), Ziebeleskäs oder Schwarzbier-Mousse hat’s keinen Mangel. Der Bierschnaps „Wercksgeist“ wird vor der Haustür bei Popp in Pechgraben gebrannt.

Unfiltriertes, naturbelassenes Bier

i452014 alles tipptopp saniert: Das Drossenfelder Bräuwerck. Foto: Gabi Schönberger

Bräuwerck-Biere vom Fass sind das „Tagwerck“ (Helles), „Nachtwerck“ (Dunkles) und das „Landwerck“ (helles Weizen), unfiltriert, naturbelassen und darum nur zwölf Wochen haltbar. Die Idee mit dem schicken, eigenwilligen „ck“ im Namen geht auf den Magister Johannes Will zurück, der 1707 in diesem Gasthof saß und schrieb: „Drossenfeld hatt ein gutes Bräuwerck mit einem vornehmmen Gasthoff“. Die Bräuwerck-AG wird heute von 820 Aktionären getragen, die je 250 Euro pro Aktie investiert haben – ähnlich wie der Kulmbacher Kommunbräu.

Die berühmte Neudrossenfelder Tanzlinde am Ende des Biergartens. Foto: Gabi Schönberger

Die erwähnte Tanzlinde am Ende des Biergartens ist eine Attraktion. Zum Bräuwerck-Ensemble gehört das LindenbauMuseum des emeritierten Professors Rainer Graefe. Es bietet einen Überblick über die Jahrtausende alte Kultur des Leitens und Formens lebender Linden zu Bauwerken. Der Lindenbaum war Treffpunkt der Dorfleute, Versammlungsort für Gerichtsverhandlungen und Tänze. Die kunstvolle Umformung der Linden erforderte regelmäßige Pflege über viele Generationen und Jahrhunderte hinweg.

Ein berühmter Bräuwerck-Gast bei den Neudrossenfelder Europatagen war Otto von Habsburg (†2011), Sohn des letzten Kaisers von Österreich-Ungarn. Er beeindruckte mit den Worten, man müsse die Ukraine an die EU binden – sonst bestünde die Gefahr, dass Russland sie okkupiere. Darüber spricht man hier immer noch.

Lage des Restaurants:

Weitere Teile unserer Serie „Historische Wirtshäuser im Osten Bayerns“ lesen Sie hier.

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