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Freitag, 15. Dezember 2017 3

MZ-Serie

Und jetzt bloß keine falsche Bewegung

Mit dem LKA auf Verbrecherjagd: Wenn andere in Deckung gehen, kommen sie zum Einsatz: Bombenentschärfer riskieren ihr Leben.
von Katia Meyer-Tien, MZ

  • Den Sicherheitsanzug müssen Bombenentschärfer bei jedem Einsatz tragen, manchmal stundenlang. Foto: kmt
  • Diese Bombe war in einem Buch versteckt. Foto: kmt
  • Der Roboter Teodor hilft wie bei dieser Übung beim sicheren Transport. Foto: kmt

München.Am besten für Ralf Mertens ist es immer, wenn Teodor den Job machen kann. Wenn der sich Zentimeter für Zentimeter an den Sprengsatz herantastet, seinen Arm ausfährt, vorsichtig das Objekt berührt. Es hochnimmt und an einen sicheren Ort bringt, wieder ganz langsam, Zeitlupentempo. Wenn Teodor einen Fehler macht, wird es teuer, manchmal sehr teuer. Aber würde Ralf Mertens an seiner Stelle einen Fehler machen, verlöre er seine Hände. Oder alles.

Teodor ist ein Roboter, genauer: Ein Fernlenkmanipulator. Ein bisschen sieht er aus wie ein zu groß geratenes Spielzeug, ferngesteuerter Traum aller erwachsen gewordenen Jungs. Fünf Kameras hat er, das Pult, mit dem er ferngesteuert wird, ist hüfthoch. Teodor ist dafür gebaut, dass Menschen wie Ralf Mertens durch ihn aus sicherer Entfernung Bomben orten, sicher transportieren und entschärfen können.

Ralf Mertens ist 44 Jahre alt und seit 19 Jahren beim Bayerischen Landeskriminalamt, Sachgebiet 635, Technische Sondergruppe. „Bekämpfung unkonventioneller Spreng- und Brandkörper“, heißt seine Aufgabe, was nichts anderes bedeutet, als das Mertens fast täglich sein Leben riskiert. Hochkonzentriert sitzt er an diesem Morgen im großen Gemeinschaftsraum seiner Sondergruppe im LKA, er spricht ernst, wägt jedes Wort. Nicht alles, was er tut, kann er preisgeben, zu groß ist die Gefahr, potenziellen Terroristen mögliche Angriffspunkte aufzuzeigen. Ralf Mertens ist nicht sein richtiger Name, „wir üben eine gefahrengeneigte Tätigkeit aus“, sagt er entschuldigend, da möchte man nicht auf der Straße erkannt werden.

Elektrotechnik hat er studiert, aber Mertens merkte schnell, dass er nicht bis zu seiner Pensionierung im Ingenieurbüro sitzen möchte. Als er sich beim LKA bewarb, wusste er nicht, was ihn erwartet, sagt er, aber als er erst mal da war, da wusste er, dass es für ihn genau das richtige war. „Klingt ein bisschen komisch“, sagt er, „aber das war einfach so“.

Es ist ein Job ohne Routine, jeder Einsatz ist Neuland. Mertens und seine Leute sind zuständig für Briefbomben und Rohrbomben, für Gas- und Autobomben, jede für sich ein Unikat, selbstgebaut oder modifiziert von Menschen, die damit größtmöglichen Schaden anrichten wollen. Unkonventionelle Sprengmittel eben, und anders als die konventionellen Militärsprengstoffe unberechenbar.

Fällt bei der Bundeswehr mal eine Munitionskiste vom Transportlaster, passiert nichts. Wenn Mertens und seine Leute zu einem verdächtigen Koffer gerufen werden, dann kann darin eine Bombe sein, die schon explodiert, wenn in der Nähe ein Handy vibriert. „Manchmal gibt es schon Einsätze, da fragt man sich hinterher: Was wäre passiert, wenn das schiefgegangen wäre?“, sagt Mertens, und erzählt von dem Fall in Barbing bei Regensburg, der ihm präsent ist, als wäre er gestern passiert. 2005 war es, im August, als Mertens und seine Leute um zwei Uhr morgens zu einem Auto gerufen wurden, neben dem ein toter Münchner lag. Getötet von seiner eigenen Bombe, die er in das Fahrzeug einbauen wollte. Und die explodiert war. Mitten im Wohngebiet. Und schlimmer noch: In der Wohnung des Fahrzeugbesitzers, einem damals 66-jährigen Chemiker, der dem Münchner wohl die Frau ausgespannt hatte, vermuteten die Experten weitere Bomben. Vorsichtig durchsuchten sie das Haus. Sie fanden eine Sprengfalle vor dem Wintergarten und eine weitere Bomben im Haus. „Und die waren richtig gut gemacht“, sagt Mertens. Ein Fall für Teodor.

„Unser Vorteil ist, dass wir wissen: Jetzt heißt es aufpassen.“, sagt Mertens, „Der Streifenpolizist weiß nicht, in welchem Auto ein Spinner sitzt. Wir können uns auf die Situation einstellen“. Wichtig dafür sind vor allem Ruhe und Ausgeglichenheit, sagt er, „Cowboys können wir hier nicht gebrauchen“. Dafür aber Chemiker, Elektrotechniker, Maschinenbauer. Und auch gelernte Polizisten: „Die Mischung ist wichtig.“ Vor allem fit müssen sie sein: Der Anzug, der die Spezialisten vor Trümmerteilen, Bombensplittern und der Wucht einer möglichen Explosion schützt, wiegt rund 40Kilo. Den müssen sie bei jeder Entschärfung tragen, manchmal stundenlang.

Und fast täglich: Seit dem 11. September 2011 seien die Menschen, aber auch die Kollegen viel sensibler geworden, erzählt Mertens. Die Bedrohung heute sei eine ganz andere als noch in den 90ern, als er beim LKA anfing. Damals waren es Politiker, Wirtschaftsgrößen oder bedeutende Gebäude, die attackiert wurde. Der moderne Terrorismus hingegen richtet sich gegen ganz normale Menschen. Und das bedeutet, dass ein vergessener Koffer heute meist nicht mehr ein simples Fundstücke, sondern eine potenzielle Gefahr und damit ein Fall für Mertens Sondergruppe ist.

Und dann gibt es da noch die Unfälle. So wie im Juni, als eine Chemielehrerin in einer Münchner Schule Großalarm auslöste, weil sie befürchtet hatte, versehentlich einen hochexplosiven Stoff hergestellt zu haben. Die Schule wurde evakuiert, Mertens Team rückte an, untersuchte eine kleine Probe des Stoffes – und gab Entwarnung.

Doktorandin machte Fehler

Es hätte auch anders gehen können. Mertens erinnert sich an eine Doktorandin, die vor ein paar Jahren während einer stundenlangen chemischen Versuchsreihe das falsche Glas erwischte. Als die Frau den Spezialisten vom LKA den Vorfall schilderte, war denen schnell klar: „Wir haben ein Problem“. Ein hochexplosives Gemisch, mitten im Chemielabor, umgeben von Gasflaschen. Evakuierung, Feuerwehr, ein Bagger stand bereit. Wie so oft half Teodor, brachte das Gemisch nach draußen. Und dann? „Dann haben wir das Zeug einfach auf den Boden geworfen“, erzählt Mertens nüchtern. Dort brannte es ab, der Bagger schaffte die verseuchte Erde fort. Wieder ein Einsatz, der gut endete.

Angst, sagt Mertens, habe er nicht bei seinen Einsätzen. Sonst könnte er den Job nicht tun. Wachsamkeit und Anspannung gehören dazu, Angst nicht. „Man muss schon aus besonderem Holz sein“. Mertens lächelt nicht, als er das sagt. Und fügt hinzu: „Aber ein Dachdecker riskiert auch sein Leben, wenn er auf ein hohes Dach steigt. Und ein Busfahrer ist für das Leben vieler Menschen verantwortlich, auch da kann jeder Fehler tödlich sein.“ Eigentlich, sagt Mertens, „eigentlich ist es gar nicht so außergewöhnlich, was wir machen.“

Das Bayerische Landeskriminalamt

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