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Bayern
Dienstag, 12. Dezember 2017 5

Natur

Unter grünen Dächern

Hach, der Wald! Er spendet Schatten, bringt Geld und wird neuerdings als Therapeut entdeckt – Zeit für eine Schwärmerei.
Von Marianne Sperb, MZ

Im Sommer gibt es keinen schöneren Ort als den grün getupften Schatten von Bäumen. Foto: dpa

Regensburg.Im Golfclub Thiergarten, an Bahn 11, da, wo die wirklich guten Spieler die „tigerline“ nehmen und ihren Ball 200 Meter weit über die hohen Pappeln hinweg auf den Fairway schicken, da wartet sie: eine alte Eiche.

Die Patriarchin ist bei weitem keine der Stammesältesten im Thiergarten. Hans-Peter Fritzsche von Thurn und Taxis, Chef-Verwalter von Deutschlands größten Privatwald, schätzt sie auf 200 Jahre. Die Eiche ist kolossal in die Breite gegangen. Jeden Sommer bringt sie noch ein grünes Dach aus zigtausenden Blättern zustande. Die Zeit hat ihr zugesetzt, einen mächtigen Ausleger hat sie in einem der letzten Winter eingebüßt, aber: Da steht sie, mit einer Würde, mit der die Jüngeren und Schöneren, die kerzenbestückten Kastanien und die glühenden Rotbuchen, nicht mithalten können.

Die Grande Dame vom Thiergarten belegt es: Wir neigen dazu, Bäume als Menschen anzusprechen. Warum das so ist, lässt sich nicht belastbar herleiten, aber dass es so ist, lässt sich aktuell ablesen: an dem Überraschungserfolg von Peter Wohlleben. „Das geheime Leben der Bäume“, 2015 erschienen, hält sich noch zwei Jahre später obenauf in den Bestsellerlisten. Der Markt greift gierig nach einem Buch, das gespickt ist mit interessanten Details, aber auch mit Widersprüchen und dabei nicht einmal besonders gut geschrieben.

„Bäume sind Heiligtümer“

Der Baumversteher trifft exakt den grünen Mainstream. Der Hype erklärt sich aus dem Ton. Waldmann Wohlleben spricht liebevoll-neckisch über seine Freunde, die „Dickköpfe“ sind oder „Eigenbrötler“, die sich – wie süß! – um Baum-Babys kümmern, immerzu miteinander reden, sich füttern und auch sonst füreinander einstehen. Der zuckrige Ton dünstet stellenweise etwas Klebriges, Albernes aus. Aber hach! Der Wald! Gleich fühlt man sich wieder gedrängt zu schwärmen.

Entzücken und Ehrfurcht durchwallt die Sehnsuchtsliteratur der Romantiker. Eine verklärende Weltsicht findet ihren Ausdruck. „Kein Hauch, keine Ahnung von der Welt draußen dringt herein...“, schrieb Wald-Dichter Adalbert Stifter. Hermann Hesse war überzeugt: „Bäume sind Heiligtümer.“ Und Ludwig Tieck meinte sogar: „Erst unter dem Blätterhimmel wird der Mensch zum Menschen.“

Joseph Berlinger und der Wald

  • Joseph Berlinger:

    Der Wald inspiriert. Adalbert Stifter zum Beispiel, den Meister der Naturbeschreibungen. Der Regensburger Theaterautor und Regisseur Joseph Berlinger ist dem Dichter nachgereist, ans Meer, auf die Berge , in die Wälder – in seinem Buch „Das Meer muss ich sehen. Eine Reise mit Adalbert Stifter“. Für den Essay zum Wald hat Berlinger einen Beitrag formuliert:

  • Ein Zitat:

    „Wenn ich als Kind in der Früh aus dem Haus gegangen bin, war mein erster Anblick der Wald. Wenn ich nachts ins Bett gefallen bin, habe ich nach Birken und Tannen gerochen. Die erste Liebesgeschichte meiner Jugend hat sich ausschließlich im Wald abgespielt. Der eine Großvater, der wohlhabende, war Sägewerksbesitzer. Der andere, der arme, war Schmuggler. Der Wald ist das gewachsene Geheimnis.“

Selbst astreine Ökonomen animiert der Wald zu zarten Worten. „Ich liebe den Wald“, sagt Verwalter Fritzsche. „Für mich gibt es nichts Schöneres.“ Ludwig Bach formuliert es so: „Für mich ist der Wald Einssein mit der Natur.“ Der frühere Forstamtsdirektor, Typ: bodenständiger Praktiker, wird beim Thema Wald weich wie laubgepolsterter Boden. Er schreibt dem Wald inspirierende Wirkung zu. Seine Natur-Geschichten skizziert er oft auf dem Hochsitz. Gerade ist so sein Buch über Jagderlebnisse entstanden. Und der Regisseur und Theaterautor Joseph Berlinger ist Adalbert Stifter sogar in einem Buch nachgereist, ans Meer, auf die Berge – und in die Wälder.

Vom größten Weihnachtsbaum bis zu den dicksten Eichen: Außergewöhnliche Bäume in Deutschland

Der Wald verleitet also zum Schwärmen. Liegt das an seinen Heilkräften? Professor Qing Li schwört auf Schutz vor Krebs durch Wald. Ein Tag im Grün pusht die Zahl der natürlichen Killerzellen um fast 40 Prozent, sagt der Mediziner aus Tokio. Heri Wirth aus Wiesent, lange Zeit ein kühl denkender Unternehmer, umarmt Bäume, um Kraft zu tanken. Er pfeift auf medizinische Belege. „Manche Menschen müssen alles hinterfragen. Ich glaube einfach dran. Ich spüre es. Das genügt mir.“

Auch wer Bäume nüchtern betrachtet, muss zugeben: Sie sind echte Kraftwerke. Fünf Milliarden Bäume stehen in Bayern. Und eine einzige solitäre Rotbuche von 80 Jahren verzehrt pro Stunde zwei, drei Kilo Kohlenstoffdioxid, produziert ein, zwei Kilo Traubenzucker und atmet knapp zwei Kilo Sauerstoff aus – so viel, wie zehn Menschen brauchen. Bäume speichern Wasser, schützen vor Erosion, vor Lärm – und vor Gestank. Nicht zufällig sind unsere Hühnerfarmen von Bäumen eingesäumt.

Im Alter dick und berühmt

Jetzt, im Sommer, ist die Zeit für den Wald. Wenn wir aus flirrender Hitze in den kühlen Dämmer eintreten, fühlen wir ein unvergleichliches Behagen. Wer dann auf einen Hochsitz steigt und rundum schaut, sieht eine Explosion von Wachstum. Im getupften Schatten der Blätter findet ein Riesen-Run auf Licht, Nährstoffe und Wasser statt, ein Hauen und Stechen, das nur einzelne Schösslinge überleben werden und das wenig zu tun hat mit dem Bild von der Fürsorge-Familie Wald. Dicht an dicht lauern die Sämlinge auf ihre Chance, ans Licht zu kommen.

Die Erfolgreichsten sind in der Jugend ausdauernd und im Alter dick und berühmt. Ein Methusalem behauptet sich in Ried bei Bad Kötzting. Die Wolframslinde, geschätzte 800 Jahre alt und gut zwölf Meter dick, ist längst hohl, treibt aber immer noch. Ein zweiter Veteran steht bei Schloss Haus bei Thalmassing. Die Sankt-Wolfgangs-Eiche ist der Legende nach 1250, realistisch: um die 500 Jahre alt. Beeindruckende Zahlen – aber natürlich kein Ding gegen kalifornische Cracks wie „General Sherman“ (2200 Jahre), der Äste von gut sechs Metern Durchmesser hat, oder Ihre allerhöchste Majestät „Hyperion“, mit 115 Metern Weltspitze. Auf Luftaufnahmen ragt er aus dem Meer der Bäume.

Der Käfer – virulent wie nie

Die besten Chancen, ein Baum-Prom zu werden, hat die Buche, die gut mit Schatten umgehen kann. Wenige Exemplare reichen, um innerhalb einer Generation einen dominanten Bestand zu bilden. Forstmänner schätzen: Sie wird das Regiment in unserem Wald übernehmen.

Für die Fichte, Baum des Jahres 2017, schaut’s schlecht aus. Ihr wird es zu warm. Der Klimawandel und der Käfer bedeuten nichts Gutes für sie. „Wir halten in diesen Tagen den Atem an“, so drastisch formuliert es Cornelius Bugl vom Regensburger Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten. Noch nie hat er so hohe Borkenkäfer-Fangzahlen erlebt. Die Waldbesitzer sehen es mit Bitterkeit. Ausgerechnet die schnell und schnurgerade wachsende Fichte trifft es, den Brotbaum.

Das Profil der Waldbesitzer wird bunter

Der Wald von Übermorgen wird mehr Laub und weniger Nadeln tragen. Er wird aber auch vielfältiger sein. Das Profil seiner Besitzer wird bunter. Der Wald – 54 Prozent der 2,6 Millionen Hektar in Bayern sind in Privathand – war früher die Sparkasse des Bauern. Heute sind es immer öfter Banker, Ärzte und Anwälte, die ihn erben oder kaufen. In zinslosen Zeiten verströmt der Wald soliden Charme. Er verheißt, auch dank steigender Bodenpreise, Vermögensmehrung – sofern man sich Zeit lassen kann. Und er findet interessante Absatzmärkte. Denn auch wenn die Büros papierfrei werden: Der Online-Handel schreit nach Verpackung.

Der urbane Waldbesitzer ist ein vielgestaltiges Wesen. Der eine will, losgelöst vom Profit, seinen Lieblingswald gestalten, der andere verfolgt wirtschaftliche Ziele, und diese Diversität der Wünsche wird man dem Wald ansehen. Mit dem jedem Baum, den er entnimmt, und mit jedem, den er pflanzt, trifft der Waldbesitzer eine Entscheidung, die auf Enkel und Urenkel wirkt. Man stellt es sich quälend vor, ohne gesicherte Parameter weit in die Zukunft hinein arbeiten zu müssen. Bedeutet die Erderwärmung mehr trockene Hitze? Wie 2015, als in Ostbayern stellenweise vier, fünf Monate kein Tropfen Regen fiel? Oder kommt feuchteres Klima? Welche Art Baum besteht dann am besten? Und: Wie entwickelt sich die Phytophthora, ein Pilz mit dem furchterregenden Klarnamen „Die Pflanzenvernichterin“, die gerade den Regensburger Dörnbergpark zerlegt?

Sehen Sie einen Überblick über Baumpersönlichkeiten in der MZ-Region:

Den Waldgenießer kümmern diese Fragen kaum. Den Mountainbiker, der Spurrillen in die Böden schleift. Den Schwammerlsucher, der auf Knien noch in die letzte Dickung kriecht. Die Nordic-Walkerinnen, von Forstleuten manchmal „Steckerl-Hexen“ genannt. Reiter, Wanderer, Jogger, auch Mofafahrer: Der Wald lockt. Das Zuhause der Tierwelt ist unruhig geworden. Der Erholungsdruck nimmt zu, die Pausen für das Wild ab.

Dabei gehört der Wald irgendwie allen. „Alle Teile der freien Natur ... können von jedermann unentgeltlich betreten werden“, sagt das Betretungsrecht, das in Bayern sogar Verfassungsrang hat. Kaum ein anderes Privateigentum wird so selbstverständlich sozialisiert. Allerdings eint die Gesellschaft – die Genießer, die Verwalter, die Besitzer – das Ziel, den nachwachsenden Rohstoff Holz möglichst nachhaltig und naturnah zu entnehmen. Alle wollen: Wald erhalten.

„Walddesigner“ nennt sich Ferdinand Graf von Drechsel manchmal. Wer mit ihm durch den Forst bei Karlstein stiefelt, erlebt ihn vor allem als Waldbotschafter. Die Geschichten zu Bäumen rund ums Schloss gehen ihm auch nach drei Stunden nicht aus. Am Ende führt der Spaziergang zu einem märchenhaft gelegenen Fleckchen der Grafenfamilie, das zum Naturfriedhof geworden ist. 220 Bäume und Felsen sind hier kartiert; QR-Codes auf Glastäfelchen markieren die Ruhestätten der Toten. Der Blick vom Schlosswald geht weit ins Land. Jürgen Kölbl, der sich um den Schlosswald kümmert, sagt: „Hier kann man das Leben spüren.“

Lesen Sie alle Beiträge in der Reihe „Essay“:

„Schau mich bitte nicht so an“ – über Sexismus

„Das geht dir unter die Haut“ - über Tattoos

„Liebe mich – aber bitte von fern“ – über Städte-Tourismus

„Fürs Spielen ist der Papa da“ – zum Vatertag

„Arbeit: Es gibt wenig Besseres“ – zum Tag der Arbeit

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