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Prozess

Verbrannter Bub: Eltern schweigen

Paar aus Waldmünchen soll den Fünfjährigen mit Benzin schwer verletzt haben. Vor Gericht kommen Vernachlässigungen ans Licht.
Von Isolde Stöcker-Gietl, MZ

Seit Mittwoch stehen die Eheleute wegen versuchten Mordes, Misshandlung von Schutzbefohlenen sowie schwerer und gefährlicher Körperverletzung durch Unterlassen in Regensburg vor Gericht. Foto: dpa

Regensburg.Die Betten ohne Matratzen, keine Spielsachen, Müll und Hundekot und Eltern, die sich mit Sexspielen vergnügten, während sie die fünf Kinder sich selbst überließen. Das schwierige Familienleben, das die Kripobeamtin am Mittwoch vor der Jugendkammer am Landgericht Regensburg schildert, endete im Oktober 2016 in einer Katastrophe. Der heute sechsjährige David (Name geändert) erlitt – mutmaßlich durch eine Unachtsamkeit seiner Mutter – schwerste Verbrennungen zweiten und dritten Grades, doch die Eltern holten tagelang keine Hilfe. Eine wachsame Tankstellen-Pächterin rettete dem Buben möglicherweise das Leben. In 13 Verhandlungstagen soll geklärt werden, welche Schuld die Eltern tragen. Die Anklage lautet auf versuchten Mord durch Unterlassung.

Angeklagte wirkten gefasst

Scheu vor den Kameraleuten und Fotografen zeigen die Angeklagten nicht. Der 37-jährige Vater, der aus der Untersuchungshaft in der Justizvollzugsanstalt Regensburg vorgeführt wird und die gleichaltrige Mutter, die in einer forensischen Klinik untergebracht ist, wirken ruhig, ja fast gelassen. Nur hin und wieder schüttelt Oliver S. den Kopf, als die erste Zeugin, eine ermittelnde Kriminalbeamtin, von den Befragungen der Kinder erzählt. Später werden die Verteidiger Michael Haizmann und Jörg Meyer fordern, dass deren Aussagen nicht in der Beweisaufnahme berücksichtigt werden sollen, da sie nicht ausreichend über ihr Zeugnisverweigerungsrecht aufgeklärt worden seien. Zuvor hatte Meyer bereits versucht, für seine Mandantin, der eine dauerhafte Unterbringung in einer forensischen Einrichtung droht, einen kompletten Ausschluss der Öffentlichkeit zu erreichen. Selbst die Anklageschrift sollte hinter verschlossenen Türen verlesen werden. Dem folgt das Gericht zunächst nicht, sondern beschränkt den Ausschluss auf schützenswerte Bereiche, wie die Ausführungen der Gutachter. Die Anwälte erklären, ihre Mandanten wollen sich nicht zu den Anschuldigungen äußern.

Die Eltern schwiegen vor Gericht Foto: Stöcker-Gietl

Die siebenköpfige Familie mit Kindern im Alter zwischen drei und zwölf Jahren war 2016 aus Aurich in die Oberpfalz gezogen. Schon vor dem Ortswechsel standen die Eltern unter der Aufsicht des Jugendamtes, sagt die Kripobeamtin. Gegen die Eltern habe es Anzeigen wegen Unterschlagung gegeben, die Kinder seien zum Klauen in Supermärkte geschickt worden. Doch in der neuen Umgebung in Waldmünchen verbesserten sich die Zustände nicht. Die Kinder seien schmuddelig gekleidet und mit verfilzten Haaren in die Schule geschickt worden. Die älteste Tochter schilderte den Beamten, dass sie viel sich selbst überlassen gewesen seien. „Die waren ja immer mit ihrem Sex beschäftigt.“ Im Haus hätten schlimme Zustände geherrscht, was mit Bildtafeln dokumentiert worden sei, sagt die Kripobeamtin. Nachbarn hatten der Polizei gesagt, dass die Kinder alleine auf der Straße spielten, die Mutter habe sich nicht mit ihnen abgegeben und sich nicht um sie gekümmert. Dennoch hatte niemand das Jugendamt informiert. Die Staatsanwaltschaft spricht im Zusammenhang mit der Tat von einer „gefühllosen, mitleidlosen und gleichgültigen Gesinnung“ der Eltern.

Sie unternahmen nichts

An jenem 30. September 2016 soll die Mutter Diebesgut im Garten verbrannt haben, das Oliver S. zuvor aus einem unversperrten Auto auf einem Supermarktparkplatz entwendet hatte. Dabei soll sich der gefüllte Benzinkanister in der Hand der 37-Jährigen entzündet haben. Sie schleuderte ihn in Panik von sich. Dabei trat brennendes Benzin aus, das den Körper des damals fünfjährigen David traf und ihn sofort in Brand setzte. Die Haut des Kindes wurde an rechter Schulter und Oberarm hochgradig verbrannt, am Thorax, dem Rücken, der rechten Flanke sowie im Gesicht und Ohr erlitt es Verbrennungen 2. Grades. Laut Anklage hätte dies einen sofortigen Notarzteinsatz erfordert. Doch die Eltern kühlten die Verletzungen selbst und verabreichten, so sagten es die Geschwister der Polizei, das Schmerzmittel Paracetamol. Im Internet suchten sie nach Informationen über Verbrennungen und nach Kliniken, heißt es in der Anklage. Doch sie unternahmen nichts.

Der Junge muss in den kommenden Tagen höllische Qualen erlitten haben. Auf den offenen Wunden hatten sich Blasen und Krusten gebildet, es trat Eiter aus. Aufgrund der Schmerzen konnte David seinen Arm kaum noch bewegen und nicht mehr gut laufen, stellten später die behandelten Ärzte fest. Laut seinen Geschwistern konnte er auch nicht mehr sprechen. Als am Vormittag des 4. Oktober 2016 die Tankstellen-Pächterin den Jungen in diesem Zustand sah, alarmierte sie die Polizei und das Jugendamt, die den Jungen zweieinhalb Stunden später zunächst in eine Klinik nach Cham brachte. Von dort aus wurde er in die Hedwigsklinik Regensburg und von dort weiter in die Fachklinik Nürnberg-Süd verlegt. Laut Anklage wird der Junge aufgrund der Schwere und Tiefe der Verbrennungen und Nervenschädigungen bleibende körperliche Beeinträchtigungen und auch seelische Schäden davontragen.

Die Eltern wirken von den Schilderungen im Gerichtssaal unberührt. Nur ihre Gefühle füreinander zeigen sie in einer Verhandlungspause. Sie nehmen sich an den Händen und küssen sich.

Lesen Sie auch den Vorbericht zu dem Prozess!

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