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Montag, 11. Dezember 2017 11

MZ-Serie

Was sagen Noten eigentlich aus?

„Einfach erziehen“: Am Freitag gibt es Zwischenzeugnisse. MZ-Experte Ludwig Haas befasst sich daher diese Woche mit Noten.

Am Freitag gibt es wieder Zwischenzeugnisse. Foto: dpa

Regensburg.Eine 5 in einem Mathetest bedeutet, dass ein Kind in diesem Test, bei diesem Lehrer, in dieser Klasse, in dieser Schule, bei diesem Thema, in diesem Schuljahr unter den gegebenen Umständen eine mangelhafte Leistung erzielt hat. Das muss aber nicht unbedingt etwas über das Können des Kindes in diesem Bereich etwas aussagen.

Noten spielen in Deutschland eine enorme Rolle. Schon in der Grundschule im Alter von zehn Jahren entscheidet ein Notendurchschnitt von 2,33 beziehungsweise 2,66 beziehungsweise schlechter darüber, ob das Kind ins Gymnasium, in die Realschule oder die Mittelschule gehen darf oder muss. Schon in der Grundschule sammelt ein Schüler in über 23 Tests Noten. Im Gymnasium braucht er in der Mittelstufe etwa 70 nachweisbare Noten, jeden dritten Tag eine. Mit dem Abiturschnitt entscheidet sich, ob wer wann wo etwas studieren darf. Auch die Universität oder das Referendariat verlässt man nach zahllosen Prüfungen mit einer Gesamtnote, die mit zwei Stellen nach dem Komma angegeben wird. Die Schul- und Ausbildungszeit ist eine reine Notenjagd und Notensammlerei. Dementsprechend fiebern ganze Familienverbände bei den Prüfungen mit.

Zweifel an der Aussagekraft

Natürlich schauen Arbeitgeber auf das Notenbild, denn es zeigt, was jemand gelernt hat und wiedergeben kann. „Empirische Untersuchungen zeigen einen relativ hohen Zusammenhang zwischen Intelligenz und Noten sagen etwas über die psychische Stabilität, planvolle und ausdauernde Lernbereitschaft aus. Aufgrund der Schulnoten lassen sich in gewisser Weise andere Lernleisten voraussagen“, sagt Professor Heinz Schuler von der Universität Hohenheim. Diesen prognostischen Wert der Noten zweifeln aber viele an und weisen auf die vielen Fehlurteile bei den Übertrittszeugnissen hin. Noten orientieren über den aktuellen Leistungsstand eines Schülers, sie machen seinen Leistungsstand mit anderen in seiner Klasse vergleichbar und haben motivierenden Charakter. Aber man muss die Noten differenziert betrachten. Sie variieren von Lehrer zu Lehrer, von Schule zu Schule, von Bundesland zu Bundesland. Professor Werner Wiater, Lehrstuhlinhaber für Schulpädagogik an der Uni Augsburg stellt fest, dass „die Jungen und Mädchen an unseren Schulen unterschiedlich sind hinsichtlich der für die Noten relevanten Bereiche Lernweise, Lernfähigkeit und Lernbereitschaft“. Notenvergleichen haftet somit immer eine Art von Ungerechtigkeit und Unvergleichbarkeit an.

Arbeitgeber und Universitäten misstrauen deshalb immer mehr den angeblich immer besser werdenden Schulnoten, weil diese hauptsächlich das Auswendiglernen belohnen, das selbstständige Arbeiten und kritische Hinterfragen an Schulen wenig gefördert wird. Siemens, die Deutsche Post, die Deutsche Bahn AG und andere setzen deshalb oft eigene Einstellungstests an, um sich ein Bild von der Qualität des Bewerbers zu machen. Denn Noten enthalten die Zeugnisse der Abschlussschüler nur oft nichtssagende, euphorische Bemerkungen, in denen nichts Negatives enthalten sein darf, somit wenig aussagekräftig sind.

Eltern müssen wieder aufbauen

Schlechte Noten haben immer Konsequenzen. Beim Schüler selbst, aber auch in der Familie. Selbst coole Typen machen besorgte Gesichter, wenn sie mit miesen Noten nach Hause kommen, die Noten den oft hohen Elternerwartungen nicht entsprechen. Angst, Strafen, Vorwürfe, Strafpredigten, Tadel, Kritik, Streit, Verbote, Stress sind oft die Folgen und Maßnahmen seitens der Eltern. Denn es ist legitim, dass sich die Eltern Gedanken über die schulische Laufbahn der Kinder und deren Zukunft machen. Jugendliche sehen dies gelassener. Aber auch für Jugendliche ist es kein Spaß, schlechte Noten zu bekommen, denn niemand freut sich über solche. Denn eine 5 oder gar 6 bedeutet immer eine Kränkung, Verletzung des Ehrgefühls, ein Angriff aufs Ego und des Selbstwertgefühls, da einem die eigenen Defizite vor Augen geführt werden. Was ein Kind braucht ist Motivation. Eltern, die mit einem reden, unterstützen und nicht alleinlassen, das erschütterte Selbstvertrauen wieder aufbauen und gemeinsam mit dem Kind eine Lösung suchen. Ein Niedermachen hilft in solchen Situationen nicht weiter. Vor allem gilt es, dem Kind zu zeigen, dass die Liebe der Eltern nicht von den erbrachten Noten abhängt.

Das Buch zur Serie: In Kooperation mit dem Gietl Verlag wurde die erste Staffel der MZ-Serie „Einfach Erziehen“ als Buch veröffentlicht. Zum Preis von 14,90 Euro ist es im Buchhandel erhältlich.

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