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Erinnerung

Wenn eine Ohrfeige Leben retten kann

Beim Treffen einstiger KZ-Häftlinge in der Gedenkstätte Flossenbürg zeigen sich Abgründe und Absurditäten der Haft in Flossenbürg und anderen KZ.
Von Reinhold Willfurth, MZ

Mit 90 Jahren immer noch der Aufgabe verpflichtet, junge Leute vor den Gefahren von rechts zu warnen: Eva Mikova aus PragFoto: Gabi Schönberger

Flossenbürg.Eine Ohrfeige kann demütigen. Sie kann aber auch das kleinere Übel bedeuten. Oder sie rettet ein Menschenleben. „Es kommt darauf an, in welcher Situation man ist“, sagt Lisa Mikova. Und an welchem Ort. Als junge Frau wurde Mikova mit Ohrfeigen gedemütigt. Aber es hätte schlimmer kommen können. Die Ohrfeigen wurden ihr von Aufseherinnen in SS-Uniform verabreicht, Herrinnen über Leben und Tod. Der Ort war das Konzentrationslager Auschwitz.

„Manche waren Bestien“, erinnert sich Lisa Mikova, eine hellwache 90-Jährige aus Prag. Die alte Dame ist eine von rund 50 ehemaligen Häftlingen des Konzentrationslagers Flossenbürg, die zum Treffen der ehemaligen Häftlinge gekommen sind.

Zweite und dritte Generation dabei

Die einstigen Arbeitssklaven der SS versammeln sich hier alljährlich am zentralen Ort ihrer Demütigung, umsorgt von Mitgliedern der evangelischen Jugend. Oft werden sie von ihren Verwandten begleitet. Und so tummeln sich zwischen den teilweise hochbetagten Männern und Frauen aus 16 Ländern viele junge Leute im bunten Outfit und verwandeln das Häftlingstreffen in einen „Treff der Generationen“, wie Gedenkstellenleiter Dr. Jörg Skriebeleit sagt.

Die Tante von Tibor Shalev Schlosser, eines Juden mit ungarischen Wurzeln, stand als 14-jähriges Mädchen auf der Rampe des KZ Auschwitz-Birkenau. Ihre Mutter habe das blasse und schmächtige Mädchen fest in die Arme genommen, berichtet Schlosser. Kurz bevor die beiden zur Selektion antreten mussten, verpasste die Mutter ihrer Tochter zwei saftige Ohrfeigen. So entging das Mädchen mit ihren rosig gewordenen Wangen der Gaskammer. Schlosser, seit einem Jahr Generalkonsul des Staates Israel mit Sitz in München, fordert in seiner Rede beim Gedenkakt zum Finale des Häftlingstreffens am Sonntag, die historischen Tatsachen zur Sprache zu bringen, damit solche Katastrophen nicht wieder geschehen. Die Geschichte seiner mittlerweile über 80-jährigen Tante kenne er erst seit kurzem. Fast 70 Jahre habe sie gebraucht, bis sie über das Entsetzen sprechen konnte.

Johann Kick, der Bürgermeister von Flossenbürg, nennt in seiner emotionalen Rede die Erinnerung der Nazi-Opfer einen „Rettungsschirm für unsere Zukunft“. Woher die Opfer der Nazi-Schergen die Kraft dazu hernehmen? „Ich weiß es nicht“.

Postkarten von den toten Eltern

Die Jüdin lisa Mikova wusste seit ihrer Befreiung, dass sie über das reden musste, was ihr und ihren Leidensgenossen zugestoßen war. Seit Jahren spricht sie nun vor jungen Leuten über die Gefahr, von der sie kurz nach dem Krieg glaubte, sie sei für immer vorbei. Sie nennt sie Faschismus, die menschenverachtende Ideologie, die weltweit immer wieder Anhänger findet, auch hierzulande. Der zweite Grund, warum die perfekt deutsch sprechende Pragerin mit ihren 90 Jahren unermüdlich unterwegs ist: „Wenn die Toten nicht mehr sprechen können, ist es meine Pflicht, zu sprechen“. Lisa Mikova muss einen Schutzengel gehabt haben. Sie hat das Grauen überlebt.

Am 30. Januar 1942, einen Tag vor ihrem 20. Geburtstag, wurde Mikova in das Ghetto Theresienstadt deportiert. Als sie Postkarten von ihren Eltern aus Auschwitz erhielt, waren diese schon tot: Die SS hatte sie vor ihrer Ermordung gezwungen, die Post für ihre Angehörigen vorzudatieren. In der Annahme, ihren Mann wiederzusehen, den sie in Theresienstadt geheiratet hatte, ging Lisa Mikova ebenfalls auf einen Transport nach Auschwitz. „Familienzusammenführung“ nannten die Nazis diese Lüge, denn an ein Wiedersehen war nicht zu denken.

Lange hätte die junge Frau die Hölle von Auschwitz nicht überlebt. Ihr Schutzengel oder ihr Schicksal wollte es, dass sie nach Freiberg in Sachsen deportiert wurde, wo sie in einem Nebenlager des KZ Flossenbürg Flugzeugflügel montieren musste. „Im Februar 45 haben wir die Anflüge auf Dresden erlebt“, sagt Mikova. Am 13. April 1945 wurde das Außenlager geschlossen. „14 Tage wurden wir in Viehwaggons herumrangiert. Nur viermal gab es etwas zu essen“. Flossenbürg, das Ziel der Odyssee, war zu ihrem Glück unerreichbar geworden, „dort wären wir in unserem Zustand gleich umgebracht worden“. Im KZ Mauthausen bei Linz, wo der Zug dann hielt, hatten die SS-Leute einen Tag zuvor die Gaskammern demontiert, um die Spuren ihrer Verbrechen zu verwischen. Wieder war Lisa Mikova knapp dem Tod entkommen.

Nach der Befreiung kam neben der Erleichterung die große Leere über Lisa Mikova. Fast niemand aus ihrer Familie hatte überlebt. Sie fuhr zurück nach Prag zu einer Tante, wo sich die Familie wieder treffen wollte, wenn alles vorbei war. „Ich war die Erste. Nach drei Tagen kam mein Mann“. Das Glück traf sie wie eine Ohrfeige.

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