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Bayern
Montag, 11. Dezember 2017 7

Mitten in Bayern

Wenn wilde Gesellen spuken

Seit 22 Jahren heißt es im höchstgelegenen Bergdorf des Bayerischen Waldes „Heit is d’Rauhnacht“. Ein schauriger Brauch.
Von Melanie Bäumel-Schachtner

Schaurig sehen die „Rauhwuggerl“ mit ihren Masken und ihren Fellgewändern aus. Foto: Bäumel-Schachtner

Sankt Englmar.Laut heulend rüttelt der Wind an Türen und Fensterläden des alten Bauernhauses. Durch die Ritzen zieht es. Unheimlich flackert deshalb die Kerze, die den Raum erhellt, in der Zugluft hin und her und wirft gespenstische Schatten an die Wände. Um den großen Esstisch haben sich alle versammelt: die Familie mit Oma und Opa, Knecht und Magd. Und dann beginnen sie, die Erzählungen von der wilden Jagd, die in den kältesten Nächten des Jahres um die Häuser tobt, die in rasender Geschwindigkeit über die Baumwipfel saust und sich die Seelen der Menschen greift, die trotz der Warnungen der Älteren aus dem Haus gegangen sind, um ins Wirtshaus zu gehen oder die Liebste zu besuchen.

So stellt sich Robert Piermeier die frühere Stimmung in den Rauhnächten zwischen Weihnachten und Neujahr vor, dunkel wie die Nacht, bitterkalt und mit tosenden Winterstürmen. Der Englmarer hat sich viel mit den Rauhnächten beschäftigt, und das hat einen guten Grund: Er ist verantwortlich für das Rauhnachtstreiben, das jedes Jahr dank der Organisation des Wintersportvereins in Sankt Englmar stattfindet – heuer am 28. Dezember.

Die wilde Meute tobt

Seit 22 Jahren heißt es im höchstgelegenen Bergdorf des Bayerischen Waldes „Heit is d’Rauhnacht“, und wenn die Kirchenglocken zu schlagen beginnen, dann tobt eine wilde Meute vom Kirchplatz hinab zur Menschenmenge, die sich am Dorfplatz versammelt hat. Schaurige Fratzen tragen diese Gestalten, mit blutrot glühenden Augen, verzerrten Gesichtszügen und langen Hörnern. Sie tragen Kleider aus Fell und Glocken, sie haben Stecken dabei oder Ketten, mit denen sie bedrohlich rasseln.

„Sie dienen nicht dazu, die Menschen zu erschrecken, sondern sollen vielmehr die Geister das Fürchten lehren“,

Robert Pielmeier, Verantwortlicher für das Rauhnachttreiben in Sankt Englmar

Doch es besteht kein Grund, sich vor den „Rauhwuggerl“, wie die Schreckgestalten genannt werden, zu fürchten: „Sie dienen nicht dazu, die Menschen zu erschrecken, sondern sollen vielmehr die Geister das Fürchten lehren“, erklärt Robert Piermeier, der von Anfang an als „Rauhwuggerl“ bei der Englmarer Rauhnacht dabei war.

Er erzählt, dass sich die Burschen früher schaurig verkleidet haben, um furchterregender als die bösen Geister zu wirken und diese zu vertreiben – auch mit einem Höllenlärm. Diese Geister wurden des Nachts überall vermutet, zwischen Weihnachten und Neujahr durfte daher auch keine Wäsche aufgehängt werden: Es hätten sich Dämonen und Schreckgestalten darin verfangen können.

Das Rahmenprogramm der Rauhnacht

  • Spagat zwischen Brauch und Party:

    Bei der Rauhnacht wird nicht nur altes Brauchtum geboten, sondern es gibt vorher und nachher auch DJ-Musik, eine Schneebar und viel Stimmung. „Wir versuchen jedes Jahr den Spagat zwischen Brauchtum und Party zu schaffen“, erklärt der Organisator. So können auch junge Leute für die Rauhnacht erwärmt werden.

  • Verschiedene Auftritte:

    Von Hexentanzgruppen, den Wolfauslassern mit ihren großen Glocken, von Volksmusikern und eine Feuershow gibt es zudem. Los geht es um 16 Uhr, die „Rauhwuggerl“ werden wieder ab 20 Uhr ihr Unwesen treiben. Dazu gehört auch der Tanz um das Feuer. Am offenen Feuer tanzen Hexen und Geister.

Die Masken, die der Englmarer Sepp Diermeier für die „Rauhwuggerl“ schnitzt, kommen unbemalt zum jeweiligen Darsteller. „Dieser kann die Larven, wie sie genannt werden, dann selbst bemalen und mit Warzen versehen – der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt“, erzählt der Cheforganisator. Die Gewänder aus zotteligem Fell stellt Elmar Kriegl her. Auch hier dürfen die Darsteller alles noch selbständig aufpeppen, sich Ketten umschlingen und sich Ruten an den Gürtel heften. Immer wieder lassen sich die Englmarer etwas Neues einfallen, damit die vielen tausend Besucher auch wiederkommen. Gerade werden die Larven für zwei neue Figuren geschnitzt: „Wir wollen zwei Bäume integrieren, mit entsprechenden Masken und Laubgewand. Jetzt schon können wir sagen, dass diese Bäume furchtbar groß sein werden“, erklärt Piermeier geheimnisvoll. Bäume deshalb, weil auch der dunkle Wald in früherer Zeit Gänsehaut über den Rücken wandern ließ und sich die Menschen fürchteten, dorthin nach Einbruch der Dunkelheit noch zu gehen.

Plötzliche Atemnot

•Für die Bemalung und das Ausschmücken der Masken sorgt jeder Darsteller selbst. Foto: Bäumel-Schachtner

Die Standardfiguren dürfen jedoch nicht fehlen. Der Bluatige Thammerl, der in der Thomasnacht (daher Thammerl) umgeht, schwingt seinen Hammer und zeigt seine blutbesudelte Hose. Symbolisch steht die Schreckensgestalt für den Metzger, der den „Weihnachter“, die extra für das Weihnachtsfest herangefütterte Sau, im Hof des Bauernhofes schlachtete. Die Druhd dagegen ist ein schauriges, umherhuschendes Wesen, das sich mit aller Kraft den Menschen auf den Brustkorb setzt und das Atmen schwerfallen lässt – sie steht für die Alpträume, die Beklemmungsgefühle auslösen. Die Luzier dagegen ist eine alte, buckelige Frau mit einer Sichel, die den bösen Kindern den Bauch aufschneidet und ihn mit Steinen befüllt – ein Mittel der damaligen Zeit, um den Nachwuchs zum Bravsein zu bringen. Und dann gibt es noch die Habergoass, die Strohfigur mit den rotglühenden Augen, die die Ernte im Herbst vernichtet, kurz bevor sie eingefahren werden kann.

Ein fester Bestandteil bei der Englmarer Rauhnacht ist die Hexengruppe, die für das Böse steht. Mit den Hakennasen, den Warzen auf den Wangen, den Kopftüchern, den Kittelschürzen und dem unheimlichen Gekicher sind sie der Inbegriff des Bösen, das es zu vertreiben gilt.

So liefern sich zum Schluss des Brauchtums auch Hexen und „Rauhwuggerl“ einen Kampf, in dem schließlich das Gute über das Böse siegt und sich zum Ende der Rauhnacht das Tor zur Unterwelt wieder verschließt und sich die Geister, Teufel und Dämonen dorthin zurückziehen, für immer in der Hölle schmorend.

Rund 30 Darsteller sind es, die bei der Englmarer Rauhnacht mitmachen, Nachwuchssorgen gibt es laut Robert Piermeier nicht. Ein Darsteller muss mindestens 18 sein, so die Grundvoraussetzung für eine erfolgreiche Bewerbung.

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