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Streitgespräch

Wer hat Angst vorm bösen Wolf?

Kein anderes Tier in Europa wird so leidenschaftlich glorifiziert und dämonisiert. Leisten wir uns ein paar Wölfe in Bayern?

Der „große Beutegreifer“ wird in Bayern gerade wieder heimisch. Schützenswert – oder zum Abschuss freigegeben? Diese Frage stellt sich immer öfter.Foto: dpa

Kein anderes Tier in Europa wird aktuell so leidenschaftlich glorifiziert und dämonisiert. Leisten wir uns ein paar Wölfe in Bayern? Oder richten wir uns besser schon mal auf Konflikte ein?

MZ-Redakteur Heinz Klein sieht Wölfe als Bereicherung:

MZ-Redakteur Heinz Klein hat sich auch als Buchautor mit der Rückkehr der großen Beutegreifer befasst. Neben dem Luchs sieht er auch den Wolf als Bereicherung, nicht als Bedrohung.

Freilich hat der Wolf noch immer ein mieses Image, obwohl er das Rotkäppchen wirklich nicht gefressen hat, was von Seiten der Brüder Grimm leider nie klargestellt wurde. Doch da sind wir schon mitten drin in Märchen, Mythen und Emotionen. Und so aus dem Bauch heraus hat die Aussicht, dass eine Wolfsspur unsere Wälder heiligt (so sagen es die Wolfsfreunde) schon etwas Reizvolles. Schließlich tragen wir alle in unterschiedlicher Dosierung noch ein wenig Sehnsucht nach Wildnis in uns. Die lässt sich in unseren Industriewäldern aber kaum mehr befriedigen und auch bei der Fahrt im Offroader über deutsche Feldwege werden wir dem Abenteuer kaum mehr begegnen. Der Wolf brächte, wenn er bei uns sozusagen ums Eck wohnen würde, sicherlich einen Hauch von Wildnis in unsere Lebenswelt zurück.

Doch kommen wir beim Argumentieren vom Bauch zum Hirn und schauen uns ein paar Zahlen an. Die World Society for the Protection of Animals hat die Biomasse von Lebewesen auf der Erde berechnet. Demnach macht die Masse aller Nutztiere am Fleischvorkommen auf unserem Planeten einen Anteil von 65 Prozent aus. Wir Menschen stellen weitere 32 Prozent. Dem steht die Biomasse aller Wildtiere (vom Elefant bis zur Haselmaus) mit drei Prozent gegenüber. Eine erschütternde Relation!

Leisten wir uns also zwei Wilde? Beim dritten großen Beutegreifer, dem Bär, wird es eh nie klappen (siehe „Problembär“ Bruno). Der Luchs ist schon da, fällt als Heimlichtuer aber kaum auf. Die Wölfe, von denen es bei uns nun 69 Paare oder Rudel gibt (in Bayern 2), sind präsenter. Auf Truppenübungsplätzen und in ehemaligen Braunkohlerevieren im Osten spürt man aber auch sie kaum.

Wölfe sind naturgemäß da, wo es Beute gibt. Und das ist ein wichtiger Punkt: In der Nähe der Menschen darf es für Wölfe nichts zu futtern geben.

Wölfe sind naturgemäß da, wo es Beute gibt. Und das ist ein wichtiger Punkt: In der Nähe der Menschen darf es für Wölfe nichts zu futtern geben. Der Wolf hat gegenüber uns Menschen große Scheu, und das soll auch so bleiben. Die Aussicht, dass Wölfe am Rand von Siedlungen Mülltonnen plündern, wäre keine gute.

Und woher kommen nun die drei oder vier Kilo Fleisch, die ein Wolf täglich braucht? Hase, Reh, Hirsch, Wildschwein und, na ja, auch mal ein Schaf, stehen am Speisezettel. Angesichts von Hunderttausenden von Tieren, die wir in Massentierhaltungen jedes Jahr prophylaktisch keulen, wenn die Hühnergrippe aufflackert, sind die Ausgleichszahlungen für Zaunbau und ein paar gerissene Schafe wohl finanzierbar. Bleibt noch die Konkurrenz mit den zweibeinigen Jägern. Obwohl Luchs und Wolf den höchsten Schutzstatus genießen, gibt es immer wieder illegale Abschüsse. Und daran wird sich wohl wenig ändern, denn die große Liebe zwischen Jägern und Wölfen wird es nie geben. Zudem sorgt der allgegenwärtige Feind auf vier Rädern dafür, dass Luchs und Wolf rar bleiben. Sie werden es also nicht leicht haben, aber geben wir ihnen doch eine Chance, unseren zwei Wilden!

MZ-Redakteurin Marianne Sperb widerspricht:

MZ-Redakteurin Marianne Sperb findet Wölfe faszinierend – so lange sie ihr nicht zu nahe kommen, keine großen Löcher in öffentliche oder private Kassen fressen und die Relationen im Tier- und Pflanzenschutz in Summe stimmen.

Wölfe sind aus dem Gehege im Bayerwald geflohen. Soll man sie notfalls erschießen? Na klar! Denn diese zwei Tiere sind, wie nicht nur Franz Leibl vom Nationalpark sagt, an Menschen gewöhnt und damit für Menschen gefährlich.

Der Wolf ist ein faszinierendes, anpassungsfähiges Raubtier. Er lernt – zum Beispiel, dass Menschen nichts tun und dass Schafe, Kälber und Lebensmittelreste leicht zu haben sind.

Das ist kein Problem, so lange die Populationen übersichtlich und die Rudel in zusammenhängenden, einsamen Wäldern bleiben. Der Trend geht aber in die andere Richtung: Die Zahl der Tiere wächst exponentiell. Unterschiedliche Studien sprechen von einer Verdopplung alle ein bis drei Jahre. Deutschland ist intensiv bewirtschaftet und extrem besiedelt. Man braucht keinen Computer, um ausrechnen zu können, dass es, sehr bald und recht heftig, zu Konflikten mit dem Wolf kommen wird.

Der Wolf ist streng geschützt, aber: Er ist nicht in Gefahr. Die Weltnaturschutzunion IUCN, die einer Parteinahme gegen den Wolf unverdächtig ist, stuft ihn in Europa seit 2004 als nicht gefährdet ein. Um es klar zu sagen: Auch Menschen sind extrem selten in Gefahr; der Fall einer Professorin, die nach allem, was man bisher weiß, in Griechenland von Wölfen gefressen wurde, darf als die große Ausnahme gelesen werden.

Sehr wohl in Gefahr sind Nutz- und Wildtiere, die ja auch Schutz verdienen. Meldungen über getötete Kälber und Schafe sind bisher Ausreißer. Aber erste Fälle, wie in Brandenburg, belegen: Auch ein Elektrozaun mit Flatterband hält den Wolf nicht fern.

Für die Rückkehr des Raubtiers argumentieren gern die Nicht-Betroffenen und die Profiteure, also Organisationen, die mit dem Einsatz für den „großen Beutegreifer“ Profil und Spenden gewinnen. Das Eigentum der anderen kann man lässig riskieren. Bauern und Hirten, denen Schäden nur zum Teil – aus Steuergeld – erstattet werden, betrachten die Folgen der Wolf-Renaissance entschieden weniger salopp, ahnlich die Jagdpächter, die es hinnehmen müssen, wie ihr Revier an Wert verliert und wie Reh- und Rotwild verschwinden. In der Göhrde (Niedersachsen) kollabiert bereits der Muffelwild-Bestand.

Die Natur reguliert sich selbst? Schön wär’s. Wo Raubtiere nicht bejagt werden, verschwinden Vogelarten. Wo Schafe nicht weiden, verlieren seltene Pflanzen ihre Heimat.

Die Natur reguliert sich selbst? Schön wär’s. Wo Raubtiere nicht bejagt werden, verschwinden zum Beispiel Vogelarten. Wo Schafe nicht weiden, verlieren seltene Pflanzen ihre Heimat. Ein schönes Beispiel ist der Kanton Genf, der die Jagd vor Jahren abgeschafft hat – und heute Berufsjäger bezahlt, um den Wildbestand zu regulieren.

Die Debatte ist entzündet und die Lager operieren mit unterschiedlichen Zahlen. Ein Beispiel: Laut WWF wollen 71 Prozent der Deutschen den Wolf zurück, laut Bundesamt Naturschutz 44 Prozent. Gesichert sind immerhin die Erfahrungen. 2016 wurde in Bayern das Töten von rund 1500 Bibern und 1200 Kormoranen gestattet. Anfangs waren die Tiere hochwillkommen – und strikt geschützt.

Er ist wieder da: Der Wolf fasst Fuß in Deutschland. Die Rückkehr des Raubtiers wird extrem unterschiedlich diskutiert: von Tier- und Naturschützern, von privaten Organisationen und offiziellen Behörden, von Jägern, Landwirten und Schaf- oder Rinderhaltern. Zuletzt machte ein Fall im Gehege des Nationalparks Bayerischer Wald Schlagzeilen. Sechs Tiere entkamen, inzwischen sind noch zwei der Wölfe freilaufend unterwegs. Wohl nicht mehr zu ermitteln ist, wer das Gehege-Tor geöffnet hat: Tierschützer, die den Wölfen Freiheit schenken wollten, oder Wolf-Gegner, die die Debatte anheizen möchten.

Die Wölfe sind zurück in Bayern. Foto: dpa


„Er ist wieder da“: Eine Ausnahme-Story über den Wolf, von Nina Schellkopf und Mario Geisenhanslüke

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  • RR
    Rolf-Dieter Reichert
    11.11.2017 15:28

    Also, da muss ich doch der MZ-Redakteurin Marianne Sperb vehement Widersprechen! Ihr Argument: Die Tiere sind an den Menschen gewöhnt und daher gefährlich. Demnach müssten ALLE Tiere, die an den Menschen gewöhnt sind, "notfalls" abgeschossen werden. Frau Sperb, bitte erst Überlegen und dann Schreiben. Es ist wohl in den letzten 100 Jahren kein Mensch durch einen Wolf zu Tode gekommen, egal ob der Wolf an den Menschen gewöhnt war, oder nicht. Wölfe sind sehr kluge Tiere (vielleicht ist das ja der Grund, warum Menschen teilweise diese Tiere nicht mögen?), die sehr schnell lernen, was gut für sie ist. Kühe haben mehr Menschen auf dem "Gewissen". Meint r.d.r

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