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Geschichte

Wie einmal Karl Valentin Himmler um Hilfe bat

Heimatforscher haben es nicht leicht bei der Recherche nach der braunen Vergangenheit ihrer Gemeinden. Experten stehen ihnen mit Tipps zur Seite.
Von Reinhold Willfurth, mZ

Der Schwiegersohn von Karl Valentin wurde 1935 denunziert und ins KZ Dachau deportiert. Auf Valentins Fürsprache kam er wieder frei.Foto: dpa

THEUERN.Wenn sich Heimatforscher für braune Ortsgeschichte interessieren, wird die Nachrichtenlage oft dünn. Akten aus dem Gemeindearchiv sind verschwunden, Zeitzeugen halten sich aus Rücksicht auf die Nachbarsfamilie zurück, und die gewichtige Dorfchronik widmet dem „Tausendjährigen Reich“ höchstens ein paar Seiten.

Dabei gibt es auch vom Leben auf dem Land unter einem totalitären Regime spannende und lehrreiche Geschichten zu erzählen, mögen sie auch nicht immer schmeichelhaft sein für den Vorfahr mancher Familie.

Wie man an diese Geschichten herankommt, das wollte eine Tagung des „Arbeitskreises Heimatforschung Oberpfalz“ im Kulturschloss Theuern (Kreis Amberg-Sulzbach) den versammelten Heimatpflegern und Ortsarchivaren an die Hand geben.

Von Aufhausen nach Berlin

Dass sich die Arbeit lohnen kann, zeigte Autor Dr. Josef Memminger mit einer bizarren Episode aus der Geschichte des Dorfes Aufhausen. Memminger war bei der Recherche zu einer Biographie von Karl Valentin darauf gestoßen – aber nicht in der Ortschronik, sondern im „Berlin Document Center“, der Referenz-Forschungsstelle für NSDAP-Mitglieder.

In dem kleinen Dorf im heutigen Kreis Regensburg waltete seit 1933 der Bürgermeister Xaver Froschhammer, ein besonders umtriebiger Nazi, der unbotsame Bürger fleißig bei „übergeordneten Stellen“ denunzierte. Auffallend war, dass Aufhausen bei den Wahlen im März 1933 aus dem Nichts zu einer NSDAP-Hochburg avancierte – in einer Zeit, als das komplette Umland noch fest in der Hand der Bayerischen Volkspartei (BVP) war.

Der Widerstand einiger Bürger, darunter auch eines Polizisten, eines Pfarrers und des katholischen Gesellenvereins, sprach jedenfalls eine andere Sprache. Im Herbst 1935 lieferte die Gestapo vier Aufhausener ins KZ Dachau ein, weil diese ihren Bürgermeister am Stammtisch der Untreue beschuldigt hatten. Die Untat wäre längst vergessen, wenn nicht einer von den vieren, der Schmied Ludwig Freilinger, der Schwiegersohn des berühmten Karl Valentin gewesen wäre. Valentins Tochter Gisela setzte alle Hebel in Bewegung, um ihren Mann aus dem KZ zu befreien. So kam es, dass Karl Valentin Ende 1935 nach einem seiner Gastspiele im Berliner „Kabarett der Komiker“ an einen Tisch mit prominenten Nazis trat und den SS-Reichsführer Heinrich Himmler persönlich bat, sich für seinen Schwiegersohn zu verwenden. Der verdutzte Himmler versprach, sich der Sache anzunehmen, nachdem er sich vergewissert hatte, dass Freilinger dem Führer durchaus gewogen war. Im Februar 1936 wurde Freilinger aus der Lagerhaft entlassen. Bürgermeister Froschhammer aber kam in die Bredouille. Er wurde im Mai 1937 abgesetzt und wegen Unterschlagung angeklagt.

Wertvolle Daten-Fundgruben

Das Beispiel zeigt: Wenn die Recherche vor Ort nichts für die Forschung hergibt, muss noch nichts verloren sein. Dr. Maria Rita Sagstetter, Leiterin des Staatsarchivs Amberg, zeigte weiere Daten-Fundgruben auf. Über Nazi-Verbrechen, etwa die Ermordung von KZ-Häftlingen, könne man sich zum Beispiel vereinzelt in Akten von Polizeiämtern, Staatsanwaltschaften und Gesundheitsämtern informieren, die zum Teil auch online zugänglich seien. Aufschlussreich seien auch die Akten über die Entnazifizierung von NSDAP-Mitgliedern, oft gespickt mit „Persilscheinen“, mit denen die einstigen Parteigenossen ihre Unschuld dokumentieren wollten. Im eigenen Haus biete man auch viereinhalb laufende Meter Akten über NSDAP-Kreisleitungen in der Region.

Einzige Einschränkung beim Aktenstudium sei der Datenschutz: Personen seien bis zu zehn Jahre nach deren Tod geschützt, bei Akten ende die Schutzfrist 30 Jahre nach dem letzten Eintrag.

Mit Widerstand in der eigenen Gemeinde müssen die Heimatforscher aber weiter alleine klarkommen. Ein Teilnehmer drückte es so aus: „Wenn ich mich auf die Suche nach dem Obernazi begebe, mach ich mich ganz schnell unbeliebt“.

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