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Bayern
Mittwoch, 13. Dezember 2017 11

Verkehr

Wie im Flug von der Isar an die Spree

Die DB macht Tempo: Die Schnellstrecke durch den Thüringer Wald soll kräftig Marktanteile von Straße und Airlines holen.
Von Marianne Sperb, MZ

Berthold Huber, DB-Vorstand für den Personen- und Güterverkehr (links), und Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt vor dem ICE-Sprinter: Der Zug beschleunigte bei der Premierenfahrt am Mittwoch erstmals auf 300 Stundenkilometer. Die neue Strecke bringt Reisende ab 10. Dezember in unter vier Stunden von München nach Berlin. Foto: Sperb

Erfurt.Bschschschsch... Der ICE-Sprinter, der am Mittwoch durch Deutschlands Mitte rast, beschleunigt sacht. Die Fotografen an Bord stellen sich in Position und richten die Kameras auf die Geschwindigkeitsanzeige. Als die Zahl 300 aufleuchtet, klickt ein Dutzend Auslöser gleichzeitig. Ansonsten spürt der Passagier vom Turbotempo 300: nichts. Am Ende der Fahrt auf dem Abschnitt Bamberg-Erfurt wird er allerdings verblüfft auf die Uhr schauen: 120 Kilometer in 45 Minuten. Bislang saß er rund drei Stunden im Zug, um von Bamberg nach Erfurt zu kommen.

Fahrgäste sparen ab 10. Dezember viel Zeit. Die Hochgeschwindigkeitsstrecke bringt sie künftig in 3:55 Stunden von München nach Berlin. Bisher dauerte die 623 Kilometer lange Reise von der bayerischen in die Bundeshauptstadt sechs Stunden. Sobald die letzten Engpässe, etwa in Bamberg, geweitet sind, wird die Reise von der Isar an die Spree nochmals zehn bis 12 Minuten kürzer. „Ein Quantensprung“, sagt Berthold Huber, DB-Vorstand für den Personen- und Güterverkehr.

Eine Fotograf richtet die Kamera auf die Geschwindigkeitsanzeige an Bord des ICE-Sprinter: Erstmals fuhr der Zug auf der neuen Strecke Tempo 300. Foto: Sperb

Zahlreiche Verbindungen profitieren von der neuen Strecke durch den Thüringer Wald. Von München nach Halle etwa wird die Fahrt nur noch 2:45 Stunden dauern (bisher: 4:50), von München nach Erfurt 2:15 Stunden (bisher: 4:30), von Nürnberg nach Berlin 2:50 Stunden (bisher: 4:50), von München nach Leipzig 3:15 Stunden (bisher: 4:50). Regensburg profitiert etwa bei Verbindungen Richtung Erfurt und Leipzig. Für die Fahrt von Regensburg nach Berlin braucht es künftig 4:15 Stunden (bisher: 5:15).

22 Tunnel, 29 Brücken

Nur Fliegen ist besser? Von wegen: Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt nennt das neue Angebot eine Kampfansage: an Airlines, aber auch an die Straße. Der Marktanteil auf der neuen Strecke wird rasant steigen, prognostiziert er: von 20 auf 40 Prozent, konkret: von 1,6 auf 3,8 Millionen Gäste pro Jahr. „Das attraktivste Verkehrsmittel von München nach Berlin ist künftig die Bahn.“ Der Erfolg ist ausbaufähig, bekräftigt Berthold Huber: „Wir haben drei ICE-Sprinter im Einsatz; wir könnten auf fünf erhöhen.“

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Die Testfahrt markiert einen entscheidenden Punkt im Marathon des Verkehrsprojekts Deutsche Einheit 8 (VDE), das 1991 an den Start ging. Zehn Milliarden Euro flossen in das Unterfangen. Zwischen Nürnberg und Berlin wurden 230 Kilometer neu und 270 Kilometer ausgebaut. Es wurden Gleise verlegt, Bahnhöfe errichtet, Brückenteile aus der Luft eingehoben, Tunnels gegraben, Schallschutz, Leit- und Sicherungstechnik montiert, ganze Flussläufe verschoben.

Das Großprojekt

  • Fahrbahn:

    156 000 Betonplatten bilden auf der Strecke München-Berlin die Fahrbahn. Jede Platte wiegt fünf Tonen, so viel wie ein kleiner Elefant.

  • Rekord:

    8577 Meter lang ist die Saale-Elster-Talbrücke bei Halle, und damit die längste Eisenbahnbrücke Europas. Aus Rücksicht auf die Auen wurden die Pfeiler aus der Luft in die Erde gesetzt.

  • Natur:

    3000 Hektar an Ausgleichsbiotopen wurden an der Strecke geschaffen. An einem Flussabschnitt etwa wurden Wiesen samt Erdreich und aller Tiere, vor allem der Ameisen, abgetragen und neu ausgelegt.

  • Brücken:

    214 Brücken wurden für die Strecke zwischen Isar und Spree errichtet. Einige fügen sich wie Kunstinstallationen in die Landschaft. Die Scherkondetal- und die Gänselbachtalbrücke zwischen Erfurt und Leipzig erhielten den Deutschen Brückenbaupreis.

„Klar: Ich nehme künftig den Zug“, sagt Olaf Drescher. Er leitet seit 2007 das Großprojekt, das „Deutschland näher zusammen bringt“, wie Berthold Huber sagt, und das bemerkenswerterweise die Zeit- und Kostenpläne eingehalten hat. Bis dato schnappt sich Olaf Drescher, intern „Mr. VDE“ genannt, für die Fahrt zur Arbeit (Leipzig-Erfurt) den Autoschlüssel. „Ab Dezember sitz’ ich gemütlich im Zug und spare Zeit.“ 17 Millionen Menschen profitieren laut Huber „von der größten Angebotsverbesserung in der DB-Geschichte“.

„Das ist die größte Angebotsverbesserung in der DB-Geschichte.“

Berthold Huber, DB-Vorstand

Der ICE-Sprinter rast am Mittwoch durch eine romantische Landschaft, über Täler und Auen, an Höhenzügen vorbei. Der Thüringer Wald wurde für die Strecke unterhöhlt und überbrückt. 22 Tunnel wurden zwischen Bamberg und Erfurt gegraben, 29 Brücken gebaut. Der längste Tunnel (8314 Meter) entstand unter dem Bleßberg. Dort tauchte eine spektakuläre Entdeckung auf: eine unbekannte Tropfsteinhöhle, die größte in Mitteleuropa, die bei den Arbeiten dann ausgespart werden musste. An anderer Stelle wurden archäologische Funde gemacht, die neue Erkenntnisse über 7000 Jahre Besiedlungsgeschichte brachten.

Eine Strecke ohne Signale

Für den Bundesverkehrsminister, zuletzt in der Abgas-Affäre mit Kritik überzogen, bietet der vollständig dieselfreie Pressetermin am Mittwoch ein angenehmes Setting. Dobrindt betont den technologischen Vorsprung der Bahn. Er nennt Rekordmittel, die in der aktuellen Wahlperiode für „die modernste Bahn, die es je gab“, zur Verfügung gestellt wurden. Und er verweist auf seine Initiative für einen geschlossenen Finanzkreislauf: „Jeder Euro an Dividende fließt zurück an den Schienenverkehr, wird reinvestiert und geht nicht im Bundeshaushalt unter.“

Lokführer Andreas Maucher steuerte den ICE-Sprinter am Mittwoch erstmals mit Tempo 300 über die neue Strecke durch den Thüringer Wald. Foto: Sperb

Der entscheidende Mann am Mittwoch ist Andreas Maucher. Der Lokführer sitzt ganz entspannt in der Glaskabine an der Spitze des Zugs. Bei internen Tests erreichte er auch schon Tempo 335. Angst, es könnte etwas passieren? „Nein. Alles sicher“, sagt er. Maucher schwärmt: „Bei E-Mobilität denken alle ans Auto. Dabei hat die Bahn die E-Mobilität vollständig durchgeplant.“ Auf Signale muss er am Mittwoch übrigens nicht achten: Das Zugleitsystem ETCS sorgt dafür, dass die Schnellstrecke völlig ohne Signale am Gleis auskommt.

„Mr. VDE“ Olaf Drescher über sein Projekt: Sehen Sie hier ein Video

Video MZ

Die Rückfahrt von Erfurt dauert 37 Minuten länger als geplant. Die „grüne Welle“, bei Testfahrten zwingend vorgeschrieben, konnte nicht durchgeschaltet werden. „Bei den regulären Fahrten ab Dezember existiert dieses Problem nicht“, erklärt Maucher. Da fährt der ICE-Sprinter gerade in Bamberg ein, mit einem sanften „Bschschschsch...“.

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