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Bayern
Sonntag, 17. Dezember 2017 10

Verkehr

Wie marode sind die Autobahnbrücken?

Viele Autobahnbrücken sind 40 Jahre und älter – und zu Nadelöhren geworden, weil Lkw nur noch langsam drüberfahren dürfen.

Die Luftaufnahme zeigt die Unfallstelle am Ersatzneubau der Talbrücke Schraudenbach der Autobahn 7 bei Werneck –nur eine von vielen Baustellen bundesweit. Luftbild: Hajo Dietz

Wie ist der Zustand der Brücken in Deutschland?

An den Autobahnen und Bundesstraßen gibt es mehr als 39 000 Brücken. Ein großer Teil wurde in den 60er bis 80er Jahren gebaut, oft als Spannbetonkonstruktion. Der Zustand hat über die Jahrzehnte gelitten. Als sehr gut oder gut gilt er noch bei 14 Prozent der Brückenflächen, wie mit Stand 2012 analysiert wurde. Ebenso groß ist der Anteil der Brücken in nicht ausreichender oder ungenügender Verfassung. Nach dem Aufbau Ost liegen kritische Punkte vor allem im Westen. Am stärksten betroffen sind Nordrhein-Westfalen, Bayern, Hessen, Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz, wie der ADAC erläutert.

Was sind Gründe für den Verschleiß?

Die Dauerbelastung mit tonnenschweren Sattelschleppern hinterlässt ihre Spuren und ist oft noch stärker als ursprünglich einkalkuliert. Der Lkw-Verkehr hat stark zugenommen, seit dem Jahr 1980 verfünffachte sich die Gütertransportleistung auf der Straße und soll weiter steigen. Zugleich werden Lkw immer schwerer. Erlaubt sind längst 44 Tonnen Gesamtgewicht, nachdem es in den 50er Jahren die Hälfte war. Dazu kommen extrem schwere Sondertransporte mit Spezialgenehmigung. Die vielen leichteren Pkw nutzen die Fahrbahnen im Vergleich dazu nicht so stark ab. An zahlreichen Brücken wurde nicht rechtzeitig auf den Erhalt geachtet – auch wegen leerer öffentlicher Kassen.

Bei dem Gerüsteinsturz auf der Baustelle ist ein Mann ums Leben gekommen. Foto: Nicolas Armer/dpa

Was wird gegen die Brückenprobleme getan?

Wenn eine Brücke nicht mehr funktionsfähig ist, dann sei auch die Straße davor und danach nicht mehr funktionsfähig, argumentiert Verkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU). Der Bund will daher mehr Geld in die Sanierung lenken und bündelt größere Vorhaben in einem Sonderprogramm. Daraus sind in diesem Jahr 450 Millionen Euro vorgesehen, im nächsten Jahr 520 Millionen Euro und 2018 weitere 640 Millionen Euro. Um Verfahren zu beschleunigen, wurde für einzelne dringliche Neubauprojekte eigens das Bundesverwaltungsgericht zur einzigen Klage-Instanz bestimmt. Entwickelt werden sollen auch neue Technologien, bei denen Sensoren online Hinweise auf Schäden geben.

Teileinsturz der Autobahnbrücke Schraudenbach zwischen Würzburg und Schweinfurt (MZ-Infografik)

Gibt es Brückenprobleme nur auf den Straßen?

Nein. Auch der Bahn bereiten marode Brücken Sorgen. Rund 9000 der 25 000 Konstruktionen sind bereits älter als 100 Jahre, knapp 1200 gelten als dringend sanierungsbedürftig. Im vergangenen Jahr schlossen der bundeseigene Konzern und der Bund eine Milliarden-Vereinbarung zum Erhalt des Schienennetzes. Bis 2019 muss die Bahn demnach 875 Brücken teilweise oder komplett erneuern. Der Bundesrechnungshof hält das noch für zu wenig: Zum dauerhaften Substanzerhalt müssten rein rechnerisch bis zu 400 Brücken pro Jahr erneuert werden.

Die Firma Bögl erhält Rückendeckung von der Gewerkschaft. Foto: Nicolas Armer/dpa +++(c) dpa - Bildfunk+++

Wie konnte es zu dem Unglück an der A7 kommen?

Der Präsident der Bayerischen Ingenieurekammer, Heinrich Schroeter, hält Fehler am Gerüst oder am Baugrund für die wahrscheinlichste Ursache des Brückeneinsturzes in Unterfranken. „Wenn zum Beispiel vor 40 Jahren ein Bauer da ein Loch gegraben hat, kann dadurch der Baugrund absinken“, sagte Schroeter gestern. Auch das falsche Einsetzen einer Schraube am Gerüst sei möglich. Es gebe „unendliche Möglichkeiten, wo man etwas falsch machen kann“. Zunächst werde eine Schalung aus Holz auf einem Gerüst errichtet, die Bewehrung aus Stahlstäben eingelegt und schließlich der flüssige Beton eingelassen, erklärte der Ingenieur. Wenn Gerüst oder Baugrund das Gewicht dann nicht tragen könnten, könne das Bauwerk einstürzen.

Ein Arbeiter ist bei dem Unglück gestorben. Sehen Sie mehr im Video:

Bauarbeiter stirbt bei Brückeneinsturz in Unterfra

War der Brückeneinsturz am Mittwoch der erste seiner Art?

Nein. 2002 ist bei Nittenau (Landkreis Schwandorf) ein 30 Meter langer Brückenneubau eingestürzt. Mehrere Bauarbeiter wurden verschüttet, aber gerettet. Es gab zehn Verletzte. Die Tragkonstruktion der Brückenschalung hatte nachgegeben. 1975 kamen in Kärnten zehn Menschen um, als beim Bau einer Brücke der Tauern-Autobahn ein Betonteil in einen Fluss fiel. Nur ein Jahr zuvor stürzte bei Kempten eine im Bau befindliche Autobahnbrücke ein, die Leubas-Brücke – neun Menschen starben. 1972 kam es an der im Bau befindlichen Südbrücke in Koblenz zu einem Unglück. Sechs Menschen stürzten in den Tod. Bereits 1971 knickte dieselbe Rheinbrücke ein – damals hatte es 13 Tote gegeben. Der bereits fertiggestellte Brückenteil hielt dem Gewicht eines schweren Baukrans nicht stand. (dpa)

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