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Freitag, 15. Dezember 2017 6

Kriminologie

Wie Tatorte digital konserviert werden

Mit dem LKA auf Verbrecherjagd: Die 3D-Spezialisten revolutionieren gerade die Kriminaltechnik. Ganze Tatorte werden eingescannt.
Von Katia Meyer-Tien, MZ

  • Mit den 3D-Aufnahmen wird auch schnell deutlich, welcher Zeuge aus welcher Position was gesehen haben kann. Schussbahnen werden nachvollziehbar und Distanzen exakt vermessen. Foto: BLKA
  • Ralf Breker, Geomedientechniker am BLKA Foto: Meyer-Tien
  • Die dreidimensionale Aufnahme eines Wohnzimmers. Blau schimmern weggewischte Blutspuren, die mit der Chemikalie Luminol sichtbar gemacht wurden. Foto: BLKA

München.Man stelle sich einmal vor: Ein Sachverständiger des Landeskriminalamtes erscheint vor Gericht und präsentiert einen Schädel. Deutlich ist darin das Loch zu sehen, dort, wo eine Kugel die Stirn durchbohrt hatte, der Schusswinkel ist exakt nachvollziehbar. Und das Opfer, zu dem der Schädel gehört, sitzt putzmunter daneben. Zukunftsmusik? Nein. Für Ralf Breker schon jetzt problemlos machbar.

Ralf Breker ist 3D-Spezialist am Bayerischen Landeskriminalamt. Er misst alles: Spuren, Leichen, Opfer und ganze Tatorte. Und stellt sie anschließend dreidimensional dar. Er kann, zum Beispiel, den Kopf eines Opfers mit einem kleinen Gerät vermessen. Das tut nicht weh und dauert nur ein paar Sekunden, anschließend erscheint ein perfektes dreidimensionales Bild auf Brekers Computer. Und das kann er dann mit einem 3D-Drucker in ein millimetergenaues, maßstabsgetreues Modell umwandeln.

Ein revolutionärer Wandel

Der Wandel, der sich derzeit in der Kriminaltechnik vollzieht, ist revolutionär. Noch nie war es dem Richter, den Beisitzenden, den Schöffen und Anwälten im Gerichtssaal möglich, sich ein so realistisches Bild von einer Tat zu machen. Bisher arbeiteten die Sachverständigen mit Fotos, die je nach Aufnahmequalität mehr oder weniger aussagekräftig waren. Heute kann Breker sogar rückwirkend 3D-Modelle erstellen. Wie bei dem Mann, der mit Wunden im Gesicht ins Krankenhaus gekommen war. Kein Beamter war dabei, der hätte Spuren sichern können, nur ein Freund machte mit seinem Handy zwei Fotos von den Verletzungen. Allein von den Fotos her hätte man die Wunden nie exakt vermessen können, zu schwierig ist die Messung auf einer gewölbten Oberfläche wie einer Stirn. So scannte Breker Wochen später, als die Wunden längst verheilt waren, den Kopf des Mannes. Und es gelang ihm, am Computer die Fotos der Wunden exakt auf das Modell des Kopfes zu legen. Das druckte er wiederum dreidimensional aus, und nun konnten die Ermittler genau nachvollziehen, welcher Schuh es gewesen war, der das Opfer an der Schläfe getroffen hatte.

Ralf Breker, Diplomingenieur für Geomedientechnik, ist 41 Jahre alt und hat ein großes Faible für die 3D-Technik. „Ich hätte nie gedacht, das ich hier mal lande“, sagt er, aber er war exakt das, was der Leiter des Fachbereichs Zentrale Fototechnik im BLKA im Jahr 2009 suchte. Das ist erst fünf Jahre her, aber damals war die 3D-Lasertechnik für die Münchner Kriminalisten noch ferne Zukunftsmusik. Tatorte, Opfer und Leichen wurden mit Maßband vermessen, gefilmt und fotografiert, Richter und Anwälte suchten sich oft durch hunderte Fotos, mussten sich immer wieder rückversichern, wo und wann genau am Tatort welches Foto gemacht worden war. Das Gesamtbild, was sie von einem Tatort bekamen, war trotz aller Mühen immer ein subjektives: Ein Ermittler war mit Videokamera und Fotoapparat durch die Szene gelaufen und hatte festgehalten, was ihm wichtig erschien. Was er nicht filmte, war verloren. Heute arbeiten vier Mitarbeiter an der dreidimensionalen Tatortvermessung: Drei davon sind Ingenieure, einer ist Bauzeichner.

Der erste Tatortscanner

Schon lange hatten die Techniker im LKA daher mit der Anschaffung eines 3D-Scanners geliebäugelt. Aber so etwas ist teuer, und man wollte erst die Erfahrungen anderer Kriminalämter abwarten. Doch als der Geomedientechniker Breker sich auf die offene Stelle im Sachgebiet bewarb, wurde er genommen. Und nur wenige Monate später schaffte das LKA tatsächlich den ersten Tatortscanner an. Seither sind Breker und seine drei Kollegen bei großen Kapitalverbrechen im Freistaat immer mit vor Ort. Sie stellen den Scanner in die Mitte des Raumes, zwei bis drei Minuten dauert es, bis er mit einem Laserstrahl 360 Grad seiner Umgebung abgetastet hat, bis zu 100 Meter weit. Um ein wirklich umfassendes Bild zu bekommen, wiederholen Breker und sein Team den Vorgang noch an mehreren anderen Stellen am Tatort. Das Ergebnis ist eine „Punktewolke“, jedem einzelnen Punkt im Raum ordnet der Scanner einen digitalen Punkt zu, 30 Millionen Punkte pro Scan. Auf dem Bildschirm erscheinen diese Punkte später nur als graue Schattierungen, die Spezialisten machen daher vom Standpunkt des Scanners aus noch hochauflösende Digitalfotos vom Tatort, die sie später über den Scan legen. Das Ergebnis zeigt Breker an seinem Computer: Hier kann er nun durch den Tatort laufen, hinter Stühle schauen, die Bilder an der Wand betrachten. Er kann sich virtuell auf den Boden legen oder die Räume aus der Vogelperspektive sehen. Detailfotos von wichtigen Spuren öffnen sich auf Knopfdruck exakt dort, wo die Spur gefunden wurde, er kann Schussrichtungen nachvollziehen, und wurden irgendwo weggewischte Blutspuren entdeckt oder Fingerabdrücke sichtbar gemacht, kann Breker auch das in das Bild hineinprojizieren.

„Das ist wie eine Zeitreise“

Für die Ermittler heißt das, dass ihr Tatort auf lange Zeit konserviert ist. Immer wieder können sie sich dort umschauen, Entfernungen auf den Millimeter genau ausmessen. Auch Zeugenaussagen können sie noch Jahre später überprüfen, und genau nachvollziehen, ob die Nachbarin von gegenüber den Mord durch ihr Fenster beobachtet haben kann oder nicht – auch wenn das Haus inzwischen längst abgerissen ist.

„Das ist wie eine Zeitreise“, sagt Breker. Und es eröffnet vollkommen neue Perspektiven, in jeder Hinsicht: Während der Ermittlungen der Weidener Staatsanwaltschaft gegen den mutmaßlichen KZ-Wachmann Johann Breyer hat Breker sogar das gesamte Gelände des Konzentrationslagers in Auschwitz vermessen und dreidimensional aufbereitet. Ein halbes Jahr war er damit beschäftigt. Und obwohl der 89-jährige Beschuldigte exakt an dem Tag starb, an dem ein US-Gericht dem Antrag auf seine Auslieferung stattgegeben hatte, und es nun nicht mehr zum Prozess kommen wird, wird Brekers Modell erhalten bleiben. Für zukünftige Ermittler, aber auch für Historiker und Wissenschaftler. Und dient so nicht nur dem Kampf gegen das Verbrechen, sondern auch dem Kampf gegen das Vergessen.

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