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Samstag, 16. Dezember 2017 10

Zwangsarbeit

Wo Idylle über das Grauen wuchert

Im KZ Gusen beutete Messerschmitt Regensburg Häftlinge aus. Stefan Hanke porträtierte drei von ihnen für „KZ überlebt“.
Von Katharina Kellner, MZ

  • Der Überlebende Miroslaw Celka vor dem heute privaten „Jourhaus“ in Gusen. Im Keller, genannt „Bunker“ wurden Häftlinge gefoltert und ermordet. Foto: Stefan Hanke
  • Stanislaw Zalewski, der vier Konzentrationslager überlebt hatte, kehrte 2014 nach Gusen ins österreichische Mühlviertel zurück. Vor den Baracken des ehemaligen KZ Gusen I stieß er auf ein „Betreten verboten“-Schild. Foto: Stefan Hanke
  • Den Überlebenden Dušan Stefancic, geboren 1927 in Slowenien, fotografierte Stefan Hanke 2013 vor dem Krematorium von Gusen I. Foto: Hanke

Sankt Georgen an der Gusen.Stanislaw Zalewski, der vier Konzentrationslager überlebt hatte, kehrte 2014 nach Gusen ins österreichische Mühlviertel zurück. Vor den Baracken des ehemaligen KZ Gusen I ließ sich der Pole vom Regensburger Fotografen Stefan Hanke fotografieren. Auf einem der Bilder ist ein Schild zu sehen: „Betreten des Grundstückes verboten!“ Hankes Foto ist nicht nur das Porträt eines Überlebenden, der sich am Ort seiner Qualen der Erinnerung aussetzt. Das Bild erzählt auch vom Vergessen und Verdrängen: Ein Zeitzeuge, der für seine Erinnerungen keinen würdigen Ort findet. Genauso erging es Miroslaw Celka. Der Überlebende aus dem polnischen Bedzin steht auf Hankes Foto vor dem „Jourhaus“ in Gusen, das Lagereingang und Kommandantur war. Im Keller dieses Hauses, im „Bunker“, wurden viele Häftlinge gefoltert und ermordet. Einst Sinnbild des Schreckens, ist das Haus heute eine adrette Villa im Landhausstil. Der private Besitzer hält sich Besucher mit einem hohen Zaun vom Leib. Doch Celka, der als 18-Jähriger in einer kommunistischen Volksgarde gekämpft hatte, bis die Nazis ihn 1942 verhafteten und nach Auschwitz und später nach Gusen I verschleppten, ließ sich nicht beirren: Er posierte 2013 für Hanke vor dem Zaun mit gestreifter Häftlingsmütze, Fahne und Schärpe, auf denen ein „P“ für Polen in einem roten Winkel zu sehen ist – letzteres ist das Kennzeichen der Nazis für die politischen Häftlinge.

Zalewski formulierte seine Kritik vorsichtig: „Wir Überlebenden dachten, der Tag der Befreiung von den Nazis würde den Österreichern wirklich dauerhaft in Erinnerung bleiben, aber die Erinnerung scheint hier heute zu fehlen.“

Lesen Sie auch: Ein Fotograf, der die Seele porträtiert. Der Regensburger Stefan Hanke hat KZ-Überlebende fotografiert. Er zeigt sie als starke Persönlichkeiten, nicht als Opfer.

Dass der größte NS-Bau des Landes dem offiziellen Österreich über 60 Jahre lang gleichgültig war, davon kann Martha Gammer berichten. Die Pädagogin und Heimatforscherin kämpft in ihrem Heimatort St. Georgen an der Gusen als Obfrau des Gedenkdienst-Komitees KZ Gusen seit Jahrzehnten gegen das Vergessen. Die Lebens- und Arbeitsbedingungen in Gusen zählten zu den schrecklichsten innerhalb des NS-Systems – Überlebende beschrieben dieses Lager, in dem nach Zählung polnischer Forscher 43 000 Menschen ermordet wurden, als „die Hölle der Höllen“. Gammer sagt: „Trotz jahrzehntelanger Erinnerungsarbeit und Forschung auf lokaler Ebene taucht in der österreichischen Geschichtsschreibung der Name Gusen in den Titeln der Veröffentlichungen nicht auf.“ Lange habe man sich damit zufrieden geben wollen, in Mauthausen eine Gedenkstätte zu haben. In Gusen ebenfalls zu gedenken, hielten viele für „übertrieben“.

Doch auch in Regensburg war das KZ Gusen weitgehend unbekannt, obwohl Häftlinge hier in einem unterirdischen Flugzeugwerk der Regensburger Firma Messerschmitt Zwangsarbeit leisten mussten. 2012 erinnerte eine Ausstellung in der Regensburger Staatlichen Bibliothek an das KZ Gusen: Es stellte farbige Aquarelle aus, die der Regensburger Antiquar Reinhard Hanausch in einem Nachlass entdeckt hatte: Der polnische Häftling Franciszek Znamirowski hatte sie für den aus Regensburg stammenden Vorarbeiter Karl Seider gemalt.

Der riesige Lagerkomplex wurde im Herbst 1939 gegründet, eineinhalb Jahre nach dem KZ Mauthausen. Gusen war, wie der Historiker Bertram Perz schreibt, „mehr ein Doppellager von Mauthausen als ein typisches Außenlager – in dem lange Zeit mehr Häftlinge festgehalten wurden und ums Leben kamen als im Hauptlager Mauthausen selbst“.

„Überleben war nicht vorgesehen“

Ab Mai 1940 hatte Gusen eine eigene Kommandostruktur, Verwaltung und Häftlingsnummerierung. 1944 kamen die Teillager II und III hinzu. Gusen und Mauthausen waren die einzigen KZ der sogenannten Lagerstufe III. Darin war „überleben nicht vorgesehen, aus dem Lager heraus gelangte man nur als Rauch aus dem Krematorium“, sagt Martha Gammer.

In Gusen internierten die Nazis Menschen, die sie als „minderwertige Rassen“ diffamierten – „Polen, Slowenen, Serben, sowjetische Kriegsgefangene und Juden, die schon in den ersten Jahren in Gusen massenweise vernichtet wurden durch Hunger, durch das von SS-Mann Heinz Jentsch erfundene ,Totbaden‘, durch Erschlagen und grausame Folter, und durch die beginnenden Vergasungen“, erläutert Gammer. Beim „Totbaden“ wurden nackte Häftlinge im Winter aus Schläuchen oder unter der Dusche mit eisigem Wasser angespritzt, bis sie qualvoll erfroren.

Ab 1943 wurde Gusen zu einem Zentrum der Rüstungsindustrie. Im März 1944 entstand das Lager Gusen II, in dem etwa 16 000 Häftlinge für Bau und Betrieb des Stollens „Bergkristall“ interniert wurden. Ihre Lebenserwartung betrug etwa vier Monate. Sie standen im Dienst der Deutsche Erd- und Steinwerke GmbH (DEST) – einer Kooperation zwischen Reichsluftfahrtministerium, Reichsführer SS und der Messerschmitt GmbH Regensburg. Viele Häftlinge fanden bei der Zwangsarbeit den Tod: in den Steinbrüchen, beim Bau der riesigen Infrastruktur und des unterirdischen Flugzeugwerks „Bergkristall“. Nach der Bombardierung des Regensburger Messerschmitt-Werks im August 1943 sollte die Produktion des Düsenjagdflugzeugs ME 262 geschützt vor Bombenangriffen in der weit verzweigten Stollenanlage produziert werden. Stanislaw Zalewski und Dušan Stefancic hatten im Kommando Bergkristall gearbeitet, wo Häftlinge brutal von den Kapos misshandelt oder in den Stollen getötet worden waren. Zusammen mit Miroslaw Celka wurden sie am 5. Mai 1945 von der US-Armee befreit.

Aus der Erinnerung getilgt

Nach Kriegsende wurde Gusen trotz seiner Größe und seiner historischen Bedeutung beinahe vollständig aus der Erinnerung getilgt. Die Amerikaner fanden bei der Befreiung etwa 25 000 lebende und 2000 tote Häftlinge vor. Sie brannten Gusen II wegen der hohen Typhusgefahr nieder. Soldaten der Sowjetarmee versuchten 1947 die Stollen zu sprengen. Diese wurden unbrauchbar, hielten aber stand. Danach wollte niemand das bröckelnde Erbe antreten. „Die Republik Österreich hat bei Bergkristall kein Denkmal gesetzt“, sagt Gammer, die schildert, dass die unterirdische Rüstungsanlage die Anwohner nie losließ: „Es gab Schüler, die wollten Erklärungen zu den vielen tiefen Stollenanlagen, in die sie zum Spaß hineinkrochen, sie brachten halbe Gewehre mit von diesen Un-Orten, in denen ein findiger Einheimischer Champignons gezüchtet hat.“ In den 1990er Jahren rächte sich die verdrängte Geschichte: Acht Häuser auf einem Hügel über „Bergkristall“ drohten einzustürzen – die Verfüllung der Hohlräume mit Beton kostete Millionen.

Die Chance, aus dem Lager einen Gedenkort zu machen, wurde vertan, als 1956 das Wohngelände des Lagers in Parzellen geteilt wurde. Eine Siedlung entstand, gepflegte Vorgärten überwuchsen die Orte des Grauens. Die Steinbrüche wurden privat weitergeführt, das einstige Lager-Bordell ist ein Wohnhaus.

Die österreichischen Behörden beseitigten trotz internationaler Proteste den von den Amerikanern angelegten Friedhof. Die Privatisierung des Lagerareals sei „ein Affront für die Opfernationen“, sagt Gammer: „Nicht mal eine Kennzeichnung der Gebäude mit ihrer einstigen Funktion kann ohne Zustimmung der Besitzer erfolgen.“ 1960 kauften ehemalige Häftlinge das Grundstück, auf dem die Reste des Krematoriums standen. 1961 stimmte die Gemeinde der Errichtung einer Gedenkstätte an diesem Ort zu. Häftlingsverbände brachten nicht nur das Geld dafür auf – sie zahlten auch Grundsteuer. Erst 1997 übernahm die Republik die Gedenkstätte. Auf Betreiben des polnischen Außenministers Wladyslaw Bartoszewski wurde 2002 ein Besucherzentrum eröffnet. 2005 kam eine Dauerausstellung hinzu.

Der Überlebende Dušan Stefancic sagte 2013, als er vor dem Krematorium von Gusen I stand: „Die Archive wie die Erinnerungen müssen weiter gepflegt werden. Neues Licht muss immer wieder auf das Schicksal der vielen Toten fallen – ein Auftrag für die kommende Generation.“

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