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Bayern
Donnerstag, 18. Januar 2018 7

Ausbildung

Zu wenig Bewerber in Bayern

Jeder neunte Ausbildungsplatz bleibt unbesetzt. Trotz des Überhangs finde nicht jeder Jugendliche eine Lehrstelle.

Um die 4000 Lehrstellen blieben im Jahr 2016 in Bayern frei. Foto: David-Wolfgang Ebener/dpa

Düsseldorf.Ausländische Jugendliche sowie Hauptschüler haben in Deutschland nur trübe Aussichten auf einen Ausbildungsplatz. Laut einer am Montag veröffentlichten Studie der Bertelsmann-Stiftung „Ländermonitor berufliche Bildung 2017“ kommt bundesweit gut die Hälfte aller „Jugendlichen ohne deutschen Pass“ nicht an eine Ausbildungsstelle im dualen System. Jugendliche mit einem Hauptschulabschluss oder ohne Schulabschluss haben es genauso schwer. In der Untersuchung werden allerdings die seit 2015 nach Deutschland zugezogenen Schutz- und Asylsuchenden noch nicht berücksichtigt.

Gleichzeitig mangelt es oft an Bewerbern: In Bayern bleibt mehr als jeder neunte Ausbildungsplatz unbesetzt. Im Freistaat sind laut der Studie im vergangenen Jahr elf Prozent der Lehrstellen nicht besetzt worden – höher ist der Anteil offener Stellen nur in Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern. 2016 boten Bayerns Betriebe gut 105 000 Ausbildungsplätze an. Gleichzeitig gab es etwa 101 000 Bewerber. Während etwa in Augsburg mit 98 Plätzen auf 100 Bewerber eine leichte Unterversorgung mit Ausbildungsplätzen bestehe, suchten Betriebe in Schwandorf in der Oberpfalz (114 Plätze auf 100 Bewerber) und in Regensburg (116 Plätze) händeringend nach Azubis.

Mehr über die Studie lesen Sie hier:

Der Ländermonitor

  • Der „Ländermonitor

    berufliche Bildung 2017“ der Bertelsmann-Stiftung betrachtet die Ausbildungssituation in Deutschland sowie in jedem einzelnen Bundesland zwischen 2007 und 2015/2016.

  • Die seit 2015

    zugezogenen Asylsuchenden werden in der Studie noch nicht berücksichtigt.

Chancen für Jugendliche ohne Abschluss

Den Betrieben in der Region geht es gut. Das bietet auch Chancen für Jugendliche, die die Schule ohne Abschluss verlassen. Foto: Sebastian Kahnert/dpa

Laut Ralf Koch, Bereichsleiter Berufsbildung der IHK Regensburg, gibt es dafür vor allem drei Gründe: Zum Teil unrealistische Vorstellungen der Azubis vom jeweiligen Berufsalltag, der Trend zu einer höheren Schulbildung und der demografische Wandel. Hans Schmidt, stellvertretender Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer Niederbayern/Oberpfalz, berichtet, dass sich im Handwerk der Markt gedreht habe. Wer Flexibilität in Bezug auf Wohnort und Wunschberuf mitbringe, könne sich Stellen aussuchen. Laut der Studie ist die Zahl der Lehrstellen in den vergangenen Jahren zudem stärker gestiegen als die Zahl der Interessenten.

Schulabgänger ohne Abschluss oder mit Hauptschulabschluss haben in Bayern daher bundesweit die größten Chancen auf einen Ausbildungsplatz: 70 Prozent von ihnen beginnen direkt nach der Schule eine Ausbildung – bundesweit sind es nur 49 Prozent. In den Regionen Regensburg, Deggendorf und Schweinfurt gelingt sogar mehr als 90 Prozent der Hauptschüler der direkte Sprung in eine Ausbildung. Laut Schmidt ist für diese gute Quote nicht zuletzt das dreigliedrige Schulsystem mit starker Berufsorientierung vor allem in der Mittelschule verantwortlich. Dazu komme eine enge Vernetzung von Schul- und Regierungsvertretern. Die gute wirtschaftliche Lage ermögliche auch Jugendlichen ohne Schulabschluss einen Einstieg in eine Ausbildung. Koch merkt an, dass die Situation in der städtischen Region Regensburg und der gesamten Bundesrepublik nur schwer zu vergleichen sei. Ein Grund für das gute Abschneiden der Region sei die hohe Zahl an Großbetrieben, die Leistungsschwächere durch gewachsene Strukturen gut unterstützen könnten.

Bewerber ohne deutschen Pass haben es schwer

Jugendliche ohne deutschen Pass sind besonders im Nachteil: Sie wechseln deutlich häufiger in berufsvorbereitende Angebote des Übergangssystems, in dem keine Berufsabschlüsse erworben werden können, als ihre deutschen Altersgenossen. Da in naher Zukunft geburtenschwache Jahrgänge die Schulen verlassen werden, sei es entscheidend, auch diese Jugendlichen in Ausbildung zu bringen, schreiben die Autoren der Studie. „Die Bereitschaft zur Unterstützung seitens der Betriebe ist hoch“, sagt Koch. Allerdings handle es sich hier um eine sehr heterogene Gruppe, was Vorbildung und Sprachkenntnisse angehe. 250 Lehrverhältnisse im Handwerk bestehen laut Schmidt in Niederbayern und der Oberpfalz. Vergangenen September seien wohl noch einmal so viele dazugekommen. Bei einer Gesamtzahl von 16 000 Handwerkslehrlingen keine große Zahl, aber die Handwerksbetriebe engagierten sich hier sehr stark, sagt Schmidt.

Auch Jörg Dräger als Vorstand der Bertelsmann-Stiftung betont die Wichtigkeit der Integration. Dazu sei es eine „Frage der Gerechtigkeit“, Hauptschülern den Zugang zu Ausbildungsplätzen zu erleichtern. „Denn wer Abitur macht, hat einen Ausbildungsplatz praktisch sicher. Wer einen Haupt- oder mittleren Schulabschluss hat, geht dagegen auf dem Arbeitsmarkt häufig leer aus“, erklärte Dräger.

DGB: „Hauptschülern eine Chance geben“

Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) rief die Betriebe auf, mehr Hauptschülern eine Chance zu geben. „Es birgt sozialen Sprengstoff, wenn Unternehmen lauthals über einen vermeintlichen Azubi-Mangel klagen, sich aber von Hauptschülern abwenden“, meinte Vizechefin Elke Hannack.

Laut Koch sind die Betriebe in der Region durchaus „sehr ausbildungsaffin und - interessiert“. Dass die Zahl der Ausbildungsverhältnisse tendenziell trotzdem rückläufig ist, liege daran, dass die Betriebe keine passenden Bewerber bekämen. Auch wenn Schwächere eine Chance bekommen müssten – der Arbeitsmarkt brauche qualifizierte Leute. (dpa/kw)


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