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Samstag, 23. Mai 2015 19° 4

Prozess in Regensburg

Zweites Opfer packt gegen Russenmafia aus

Mord hinter Gittern: Ein Kronzeuge der Bluttat in der JVA Straubing schildert die tödliche Messerstecherei.
Von Marion von Boeselager, Mz

Der Prozess am Landgericht Regensburg findet unter strengsten Sicherheitsvorkehrungen statt. (Foto: Tino Lex)

Regensburg. . Höchste Sicherheitsstufe im Prozess um einen Häftlingsmord in der JVA Straubing: Am dritten Verhandlungstag werden die Kontrollen und Straßensperren weiter verschärft. Drei schwarze Limousinen steuern am Freitag das Regensburger Justizgebäude an. In einer befindet sich der Kronzeuge Eugen B. (43), ein wegen Mordes verurteilter Moldawier. Er überlebte die Messerstecherei in einer Zelle des Hochsicherheitsgefängnisses vor drei Jahren schwerverletzt und war Augenzeuge der Attacken gegen das Mordopfer.

Ein Grund der extremen Vorsichtsmaßnahmen: Die Ermittler glauben, dass die „Russenmafia“ die Vorgänge hinter den Gefängnismauern steuerte.

Russen agierten nach hierarchischen Strukturen

Sicherheitskräfte bringen am Freitag den mit Handschellen und Fußketten gefesselten Zeugen in den Schwurgerichtssaal. Der widerspricht sogleich der Einlassung eines Angeklagten, in der JVA seien „alle gleich“ gewesen. Es habe sehr wohl hierarchische Stukturen unter den russischstämmigen Häftlingen gegeben.

Sprecher und Verwalter der internen Gemeinschaftskasse „Obschtschak“ sei der Hauptangeklagte Konstantin F. (45) gewesen. „Er hat entschieden, was zu tun ist.“ Aber anders als frühere Verwalter habe er starken Druck auf die Gefangenen ausgeübt, einzuzahlen. Der Frage des Vorsitzenden Richters Werner Ebner nach einem Ex-Verwalter namens Bor (Alexander Bor gilt als „Pate“ der Russenmafia) geht der Zeuge allerdings nicht ein.

Mehrere Häftlinge hätten bei ihm wegen des Drucks geklagt, so der Zeuge. Von einem Häftling seien gar 5000 Euro verlangt worden, die er nicht hatte. Als Andreas J., das spätere Opfer, erfuhr, dass der „Chef“ 1000 Euro aus dem Obschtschak abzweigen wollte, um seiner Ehefrau eine Goldkette zu kaufen, habe er mit ihm reden wollen. Doch, so der Zeuge und Vertraute des Opfers, F. sei der Bitte um ein Vier-Augen-Gespräch ausgewichen.

Den Mann fürs Grobe vorgeschickt

Stattdessen hätten F.’s Anhänger versucht, „Leute für dessen Seite abzuwerben“. Dann sei am Tattag eine Versammlung in der Zelle des Angeklagten Denis S. (28) einberufen worden. „Die Zelle war voll“, schilderte der Zeuge die Minuten, die ihn auf die Intensivstation und seinen Kumpel ins Grab brachten. „Dann erging Befehl, die Zellentür zu blockieren.“

Der zweite Hauptangeklagte Igor S. (40) habe sich bedrohlich vor Andreas J. aufgebaut und verkündet: „Wir werden jetzt einen richten.“ Der Zeuge war perplex: „Das war ungewöhnlich. In dieser Situation wäre nur F. berechtigt gewesen, das Gespräch zu eröffnen.“ Seine jetzige Einschätzung: „In unserer Sprache nennt man so einen Mann Torpedo, den man vorschickt und der das Grobe erledigt.“

Dann habe das Streitgespräch zwischen dem „Chef“ und dem Mordopfer um die abgezweigten 1000 Euro begonnen. J. sei völlig ruhig geblieben. F. habe dagegen zu schreien begonnen: Er sei keinem Rechenschaft schuldig, keinem der Männer im Raum, höchstens einem Höhergestellten.“

Zeuge wollte zunächst nichts sagen

S. sei erneut auf das Opfer zugetreten. Dann sah der Zeuge: „S. griff langsam mit der Hand in die Tasche und holte etwas mit einem dunklen Griff heraus. So wie er es hielt, dachte ich sofort an eine Waffe. Da bin ich aufgesprungen und schlug auf ihn ein. Ich wollte ihm die Waffe entreißen und sie allen zeigen.“

S. ging in die Hocke. Der Anführer drängte sich dazwischen, so der Zeuge. „Da sprang S. auf, ich sah kurz eine Klinge und spürte den Schlag in meine Brust.“ Blut floss. In seinem Kopf entstand „eine Leere“, „aber ich wusste, ich muss auf den Beinen bleiben“. Fragmentartig habe er gesehen, wie der „Mann fürs Grobe“ einen Schlag gegen J. führte.

Er nahm wahr, wie der „Chef“ auf dem Bett mit einem Messer auf das Opfer „einschlug“, das die Attacken mit den Füßen abzuwehren versuchte. F. habe dann mit dem Messer herumgewedelt, und einer der jüngeren Angeklagten habe mit einer Waffe die übrigen Häftlinge in Schach gehalten. Bevor der Schwerverletzte das Bewusstsein verlor, habe ihn ein Kumpel aus der Zelle gezerrt.

Erst habe er nicht aussagen wollen, „weil ich noch so lange sitzen muss“, so der Zeuge. Doch als er vom Tod des anderen erfuhr, habe er sich zur Aussage entschlossen.

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