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Bayern
Montag, 11. Dezember 2017 7

Serie

Zwischen Gospel und Gottesdienst

Unterwegs mit Andreas Schinko. Der Kaplan kümmert sich um des Menschen Seelenheil und -nöte. Auf Rat von außerhalb der Kirche will er nicht verzichten.
Von Reinhold Willfurth, MZ

Die Schulstunde nähert sich dem Ende, als Andreas Schinko endlich die Herzen aller Schüler der Klasse 1 a gewonnen hat. Na, fast aller. Die meisten flehen Schinko an, nochmal „Er hat das Leben in der Hand“ anzustimmen, ein Gospellied, das die Kinder in den vergangenen 40 Minuten gelernt haben –wenn nicht gerade einer herumalberte, -kicherte oder -zappelte. Aber jetzt hat Schinko seinen Sack Flöhe gezähmt.

Ein Montag in der Theobald-Schrems-Grundschule in Mitterteich (Kreis Tirschenreuth). Der Montag gilt unter Grundschullehrern nicht gerade als Spaziergang. Manche Kinder haben am Wochenende zu lange auf einen Bildschirm geblickt und sind entsprechend aufgedreht. Manche nehmen den Unterricht auch auf die leichte Schulter, wenn der Lehrer einen eher lockeren Stil pflegt, so wie Kaplan Andreas Schinko.

Nicht, dass ihm der Religionsunterricht eine lästige Pflicht wäre. Schinko mag Kinder gern, er nimmt sie ernst und versucht es zunächst mit Engelsgeduld, bevor er mal laut wird. „Ich mag das eigentlich gar nicht, so zu schreien“, sagt der junge Priester nach einem Ordnungsruf fast entschuldigend. Seit vier Wochen unterrichtet er katholische Religion in der Schule des Städtchens mit seinen 7000 Einwohnern. Anfang September ist er in die kleine Kaplanswohnung unter dem Dach des Pfarrhauses eingezogen. Und jetzt ist fast alles neu für ihn. Dass er vor seiner Priesterweihe einen Beruf erlernt hat, kommt ihm zugute.

Schon als Bub in der Priesterrolle

Der 29-Jährige gilt trotz seiner jungen Jahre als „Spätberufener“. Vor sieben Jahren ist er ins Priesterseminar eingetreten. Im Regensburger „Rudolfinum“ hat er den „dritten Bildungsweg“ zum Pfarrer absolviert, mit einem gewissen Alter und einer abgeschlossenen Berufsausbildung statt Abitur als Zugangsvoraussetzung. Obwohl er als kleiner Junge daheim in Obertraubling (Kreis Regensburg) schon immer gerne Pfarrer gespielt hat, stand sein Entschluss erst Jahre nach dem Eintritt ins „Rudolfinum“ hundertprozentig fest. „Das war bei meinem Pfarrpraktikum 2010 in Wolnzach“, erinnert sich Schinko. Ein Erweckungserlebnis kann er trotzdem nicht bieten: „Man fühlt sich gerufen. Aber mir ist nicht das große Licht aufgegangen“.

Nach dem Realschul-Abschluss 2002 entschied sich Andreas Schinko bereits für einen Beruf, dem es an männlichen Bewerbern mangelt: Er begann eine Ausbildung als Kinderpfleger. Jeweils ein jahr arbeitete er in seinem Heimatkindergarten in Obertraubling und im Pater-Rupert-Mayer-Zentrum in Regensburg. Davon zehrt er heute noch: „Man tut sich leichter im Umgang mit Kindern, man spricht ihre Sprache. Mir gefällt das“. Der Kindergottesdienst in der Mitterteicher Pfarrkirche St. Jakob am Mittwoch zähle deshalb auch zu seinen liebsten Pflichten.

Kurze Mittagspause in der Küche des Pfarrhauses. Pfarrer Anton Witt hat am Montag frei, dessen Schwester und Pfarrersköchin auch, weswegen heute die Küche kalt bleibt. Aber da gibt es ja noch die Metzgerei auf der anderen Seite des Marktplatzes mit ihrer Heißtheke. Eine Stärkung kann Kaplan Schinko gut gebrauchen. Nachmittags stehen drei Stunden Krankenkommunion an. Darauf freut sich der junge Priester schon. Die Menschen sind dankbar, wenn sich einer persönlich um ihre Seele sorgt.

Aber man kann nie wissen, was noch kommt. Der Kaplan ist traditionell als Notfallseelorger für die Mitterteicher Feuerwehr eingeteilt. Darauf werden Priesteranwärter in der Ausbildung kaum vorbereitet. Kaum war Schinko im Amt, als auch schon das Telefon läutete: In einem kleinen Nachbardorf lag ein Toter neben seinem Bett. Der Kaplan fuhr hin, mit dem Gefühl, ins kalte Wasser geworfen zu werden. Die Mutter und die Schwester des Toten warteten auf Trost. „Ich habe gelernt: Es genügt erst einmal, da zu sein und zuzuhören“, sagt Schinko. Man brauche nicht immer Antworten. „Die Menschen honorieren es, wenn man den Mut hat zu sagen: Ich weiß jetzt auch nicht“. Er habe auch keine Scheu, Menschen in Notlagen auf die einschlägigen Beratungsangebote hinzuweisen. Das schützt ihn auch vor Überforderung, einem Leiden vieler Pfarrer.

„Das Wichtigste sind Freunde“

Viel braucht Andreas Schinko nicht, um in seiner knapp bemessenen Freizeit abzuschalten und aufzutanken. „Das Wichtigste sind für mich Gespräche mit Freunden außerhalb der Kirche“, sagt er. „Man braucht den Blick von draußen“. Das geht so weit, dass er so manchen Predigtentwurf einem Freund vorlegt. Der sei aus der Kirche ausgetreten und lege schonungslos den Finger auf Argumentationslücken. Mit Freunden zusammenzusein steht für den Schinko ganz oben auf der Liste lebensnotwendiger Dinge. Deshalb ließe er sich als Priester überall hin versetzen in der großen Diözese Regensburg – „Hauptsache, eine Autobahnausfahrt ist in der Nähe“.

In seiner Kaplanswohnung beamt sich Andreas Schinko ab und zu in die unendlichen Weiten des Weltalls – bevorzugt an Bord des Serienraumschiffs „Enterprise“, dessen Abenteuer er auf einem großen DVD-Regal hortet. Ansonsten erkundet er gerne die Umgebung von Mitterteich, seiner Heimat für die nächsten drei, vier Jahre, mit seinen beiden Autobahnausfahrten.

Ihm fehle es hier an nichts, sagt Andreas Schinko. Die Sache mit dem Zölibat hat er für sich klar entschieden, zumindest für die Gegenwart: „Jetzt geht es mir gut damit“. Was später komme, könne man nicht sagen. Man könnte auch sagen, es liegt in Gottes Hand.

Mit Hingabe singen die Kinder der Klasse 1 a das stimmungsvolle Gospellied. Beinahe hätten sie den Gong verpasst. „Alles zusammenpacken“, sagt Schinko. Für ihn ist die Schule für heute beendet. Am Donnerstag kommt er wieder. Fünf Religionsstunden am Stück. Dagegen war der Montag ein Spaziergang.

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