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Sonntag, 29. März 2015 10° 7

Aufarbeitung

Bistum wird Missbrauchsskandal nicht los

Während in Kloster Ettal die Opfer des Missbrauchs aufatmen, bleibt es in Regensburg still. Nun nimmt der Sprecher des Bistums Stellung.
von Pascal Durain, MZ

Die Aufarbeitung des Missbrauchsskandals in der katholischen Kirche kommt in vielen Teilen nur sehr schleppend voran. Auch vom Bistum Regensburg fordern Opfer, mehr Details an die Öffentlichkeit zu geben. Foto: dpa

Regensburg.Als im Jahr 2010 Fälle von sexuellen Missbrauch und Misshandlungen in zahlreichen katholischen Einrichtung in Deutschland bekannt wurden, erschütterte der Skandal auch Regensburg. Denn auch in einem der ältesten Knabenchore der Welt, den Regensburger Domspatzen, kam es zu Übergriffen und Gewaltexzessen. Das Bistum versprach Aufklärung und betonte immer wieder, nichts unter den Teppich kehren zu wollen. Doch zahlreiche Opfer hegen schon lange Zweifel daran.

Die Suche nach der Glaubwürdigkeit

Bistumssprecher Clemens Neck weist diese Kritik zurück. Persönliche und individuelle Aufarbeitung könne sehr unterschiedlich sein. Diese könne zum Beispiel Therapieangebote umfassen oder auch Gespräche mit Beschuldigten.

Er erklärte, dass man sich bei der Aufarbeitung an die Leitlinien der katholischen Kirche halte. Und: „Jede Beschuldigung sexuellen Missbrauchs, die das Bistum Regensburg erreicht, wird umgehend veröffentlicht, indem sie der Staatsanwaltschaft zur Kenntnis gebracht wird“, so Neck schriftlich.

Wenn aber die Staatsanwaltschaft kein Verfahren eröffnen kann, weil der Fall verjährt ist und auch ein kirchenrechtliches Verfahren nicht eingeleitet werden kann, setze man auf ein sogenanntes Anerkennungsverfahren. Dieses Verfahren sei „ein rechtsförmiger Weg, eine Beschuldigung auch dann anzunehmen, wenn die strafrechtlichen Mittel der Rechtsfindung nicht mehr zum Einsatz kommen können“. Dazu müsse der „Beschuldigende“ einen entsprechenden Antrag stellen. Hilfe dazu biete die Missbrauchsbeauftragte des Bistums. Dieses Anerkennungsverfahren helfe, Anschuldigungen zu verfolgen – auch ohne strafrechtliche Mittel. Von einem unabhängigem Juristen werde dann geprüft, ob die Beschuldigung in sich nachvollziehbar ist.

Zehn Täter wurden verurteilt

Seitdem Missbrauchsskandal ist laut Neck ein breites Bündel an Präventionsmaßnahmen zum Einsatz gekommen. Auch er habe beim Antritt seiner Stelle ein erweitertes polizeiliches Führungszeugnis vorliegen müssen. Eine Übersicht möglicher Maßnahmen finde man auf der Homepage der Deutschen Bischofskonferenz. Zudem habe das Bistum Regensburg im Jahr 2011 auch die Personalakten aller Mitarbeiter im seelsorglichen Dienst nach Hinweisen auf einschlägige Straftaten durchsucht. Ergebnis: „Die Untersuchung ergab keine neuen Erkenntnisse.“ Bisher seien aber zehn Täter strafrechtlich verurteilt worden.

Vertuschen wolle man nichts: Anerkennungsleistungen gebe man an das Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz weiter; Opfer, deren Anschuldigungen also nachvollziehbar seien, erhielten eine „materielle Leistung“. Neck: „Diese Leistung ist keine Entschädigung, da eine Entschädigung nur ein verurteilter Täter dem Geschädigten erbringt.“

Das Bistum lege weiter die Prinzipien und Vorgehensweisen offen, nach denen man aufarbeite. Nach zwei Zwischenberichten ist aber ein Abschlussbericht nicht in Sicht. Neck: „Ein Abschlussbericht wäre ein falsches Signal.“ Man könnte das so verstehen, also wolle man einen Schlussstrich ziehen. „Das wollen wir nicht tun.“ Bilanzierende Berichte, die auch die Zahlen aus Regensburg enthalten, veröffentliche die Bischofskonferenz.

Wichtigste Studie bald in Regensburg?

Das Bistum geriet zuletzt Anfang des Jahres in die Schlagzeilen, als die wichtigste Studie zum Missbrauchsskandal der Deutschen Bischofskonferenz, die das Kriminologische Institut in Hannover erarbeiten soltle, abgebrochen wurde. Als Grund dafür nannte der renommierte Kriminologe Widerstände aus den Diözesen München und Regensburg. Wieder keimte der Verdacht, dass nie geklärt werden könne, wie es zu sexuellen Übergriffen in katholischen Einrichtungen kommen konnte. Michael Osterheider, Regensburger Professor für Forensische Psychiatrie, sitzt seit März 2010 am Runden Tisch „Sexueller Missbrauch“, einer Arbeitsgruppe der Bundesregierung. Er weiß aus erster Hand, dass die Bischöfe bemüht sind, einen neuen Partner für diese Studie zu finden. Nach den Geschehnissen in Hannover solle das ganze „aber nicht mit der heißen Nadel gestrickt werden“.

Ein Beirat der Kirche arbeitet derzeit daran, eine Forschergruppe zusammenzustellen. „Es ist vernünftig, das ganze auf mehrere Schultern zu verteilen“, sagte Osterheider. Für Spekulationen sei es zwar noch zu früh, aber er weiß, dass auch sein Institut im Gespräch ist. „Und wir sind sicher interessiert.“

Warum auch nach mehr als drei Jahren das Bistum Regensburg keinen Abschlussbericht vorgestellt hat, kann Osterheider nicht nachvollziehen. Üblicherweise dauert das nicht so lange. Das Bistum Regensburg habe sich wohl der Phalanx der Deutschen Bischofskonferenz angeschlossen, um sich auf eine einheitliche Entschädigung für Opfer zu einigen.Osterheider sei damals zum Aufarbeitungsprozess nicht zu Hilfe gezogen worden, sagt er, weil er sich seinerzeit mit dem amtierenden Bischof, Gerhard Ludwig Müller, überworfen habe. Es habe Müller damals nicht gepasst, dass Osterheider in einem Interview erklärte, dass sich Männer mit gestörter Sexualität von den Strukturen der katholischen Kirche, einem „Biotop“ quasi, angezogen fühlten. „Und dazu stehe ich auch heute noch.“

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