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Verbrechen

Der junge Mann vom Totenkopf-Orden

Ein Dokument aus einer SS-Schreibstube belastet einen ehemaligen KZ-Wachmann, der nach dem Krieg in einem Dorf in der Oberpfalz Unterschlupf fand.
Von Reinhold Willfurth, MZ

Je länger der Krieg dauert, desto mehr Wachleute rekrutierte die SS – so auch den damals 17jährigen Johann B.Foto: KZ-Gedenkstätte Flossenbürg

WEIDEN. Ein Schriftstück aus dem US-Justizministerium könnte dafür sorgen, dass dem einstigen SS-Mann Johannes B. der Prozess wegen Beihilfe zum Mord gemacht wird. B., dessen letzter deutscher Wohnsitz in einem Dorf bei Weiden lag, wird vorgeworfen, als junger Mann bei der Ermordung von 344.000 Juden im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau beteiligt gewesen zu sein. Der heute 87-Jährige streitet dies ab.

Der ermittelnden Staatsanwaltschaft Weiden liegt die Kopie eines Antrags vor, mit dem B. am 17. Januar 1945 bei einem Fürsorgeoffizier der Waffen-SS Beihilfen für seine Familie erbittet. Entscheidend für die Mordanklage könnte sein, dass das Dokument eindeutig das Lager „Auschwitz II“ als Einsatzort für Johann B. benennt. Johann B. räumte in einem Interview mit der Nachrichtenagentur AP im vergangenen September ein, als SS-Wachmann in Auschwitz eingesetzt worden zu sein. Er habe aber im Lager Auschwitz I gearbeitet, in dem Häftlinge durch Arbeit ausgebeutet wurden, aber nicht im Lager II in Birkenau. Dort wurden die meisten Opfer des Naziterrors in Auschwitz vergast und verbrannt.

Als 17-Jähriger in der Waffen-SS

„Ich habe niemanden getötet, vergewaltigt oder nur ein Haar gekrümmt“, beteuerte B. gegenüber dem AP-Reporter. Er sei sich bewusst gewesen, was im Lager vor sich gegangen sei. Gesehen habe er aber die Massenmorde nie. Das Dokument aus der SS-Schreibstube in der slowakischen Hauptstadt Bratislava (Preßburg) scheint das jetzt zu widerlegen.

Johann B., geboren 1925 als Mitglied der karpatendeutschen Minderheit in der Slowakei, ließ sich 1942 als 17-Jähriger in die Waffen-SS aufnehmen. Die SS drängte Angehörige deutscher Minderheiten in Osteuropa damals darauf, in ihre Reihen einzutreten. Der Bedarf an SS-Wachleuten war seit Kriegsbeginn ebenso angewachsen wie die Zahl der potenziellen Opfer. Nach eigenen Angaben war B. zunächst im KZ Buchenwald eingesetzt und dann im KZ Auschwitz. Spätestens im Dezember 1943 soll er seinen Dienst dort angetreten haben.

Dass B. dann im August 1944 desertiert sei, wie er in seinem Ausreiseantrag in die USA kurz nach dem Krieg angab, widerlegt ein anderes Dokument aus den Archiven. Der US-Militärgeheimdienst stellte fest, dass B. noch im Dezember 1944 im „7. SS-Totenkopf-Sturmbann“ in Auschwitz eingesetzt war. Die Emigration aus der Oberpfalz, wohin es B. nach Kriegsende verschlagen hatte, in die USA wurde genehmigt, weil B.s Mutter gebürtige Amerikanerin war.

Trotzdem versuchten US-Gerichte noch Jahrzehnte später, B. die amerikanische Staatsbürgerschaft abzuerkennen. 2003 urteilte das Distriktsgericht in Philadelphia, der neuen Heimat von Johann B., abschließend, dass dieser seinen US-Pass behalten könne. Ausschlaggebend war dabei das jugendliche Alter, in dem Johann B. der Waffen-SS beigetreten war.

Dass B. damals noch nicht volljährig war, würde auch bei einem möglichen Prozess in Weiden zu der Kuriosität führen, dass sich ein fast 90-Jähriger vor einer Jugendstrafkammer für die Morde von Auschwitz verantworten müsste – vorausgesetzt, die Staatsanwaltschaft Weiden entscheidet sich für eine Anklage. Der Chef der Weidener Anklagebehörde, Leitender Oberstaatsanwalt Gerd Schäfer, wollte sich nicht zu einem Zeitpunkt für die Entscheidung äußern. Schäfer bestätigte im Gespräch mit der MZ den Eingang des Dokuments aus dem Staatsarchiv der USA. Jetzt gehe es allerdings erst einmal darum, dessen Inhalt zu verifizieren – auch, um das Schreiben für einen möglichen Prozess „wasserdicht“ zu machen. „Wir müssen uns auf alle Eventualitäten vor Gericht vorbereiten“, so Schäfer.

Vorwürfe gegen Staatsanwaltschaft

Anwalt Thomas Walther, der in dem Verfahren gegen Johann B. acht Nebenkläger – ehemalige Opfer oder Angehörige – kostenlos vertritt, gehen die Ermittlungen der Weidener Ankläger viel zu langsam. Walther, vor seiner Pensionierung langjähriger Staatsanwalt und Richter, stößt sich vor allem daran, dass die Staatsanwaltschaft die acht Nebenkläger in dem Verfahren vernehmen will. „Das ist völliger Unsinn“, sagt Walther im Gespräch mit der MZ. „Die Menschen können sich doch nicht an Namen von KZ-Aufsehern erinnern“. Das hätten sie bereits schriftlich mitgeteilt. Die hochbetagten ehemaligen Opfer und deren Angehörige seien durch das Rechtshilfeverfahren sehr beunruhigt. „Die sind teilweise fix und fertig“, sagt Walther. Sollte die Staatsanwaltschaft Weiden auf der Vernehmung durch Polizeibeamte in Ungarn und in den USA bestehen, sei das Verfahren „faktisch tot“.

„Wir führen das Verfahren mit größtmöglicher Beschleunigung“, kontert Oberstaatsanwalt Schäfer. Schließlich gehe es um Mord oder Beihilfe, „ein bedeutsames Verfahren“. Die Staatsanwaltschaft Weiden, mit zehn Sachbearbeitern eine der kleinsten Anklagebehörden in Bayern, sei zwar mit Arbeit gut eingedeckt, seit geraumer Zeit auch mit vielen Fällen in Zusammenhang mit „Crystal Speed“. Um Verstärkung für den potenziellen Mordfall B. habe er aber noch nicht gebeten, so Schäfer. „Noch sind wir in der Lage, das zu stemmen“.

Weder Johann B. noch dessen Anwalt Dennis Boyle wollten auf Anfrage von AP zu den neuen Vorwürfen Stellung nehmen.

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