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Freitag, 15. Dezember 2017 6

MZ-Serie

Der Mittlere Ring kommt unter die Erde

München verändert sein Gesicht: Unter dem Luise-Kiesselbach-Platz entstehen 2520 Meter unterirdische Fahrbahn. 2015 soll der Tunnel fertig werden.
Von Katia Meyer-Tien, MZ

  • So sah die Heckenstallerstraße vor den Baumaßnahmen aus. Bild: form3d/München
  • Wenn die Bauarbeiten beendet sind, fahren die Autos an der Heckenstallertraße durch eine Tunnel. Bild: form3d/München
  • Projektleiter Johann Wittmann ist zuversichtlich. Foto: Meyer-Tien
  • Einige Teile des Tunnels sind schon nahezu fertig. Foto: Meyer-Tien

München.Dröhnend schieben sich die Autos sechsspurig durch die Baustelle. Gelbe Streifen zeigen leuchtend den Weg, rot-weiße Barrieren trennen eine Fahrtrichtung von der anderen, trennen Verkehr von Fußgänger und Asphalt von Schotterweg. 120 000 Autos drängen sich hier jeden Tag. Wer im Südwesten Münchens über den Mittleren Ring fährt, von oder zur Autobahn nach Garmisch-Partenkirchen, der muss hier durch, vorbei an Wohnungen, einem Seniorenwohnheim, einem Fitnessstudio. Noch. Ab dem kommenden Jahr soll der größte Teil der Autos unter der Erde fahren. Und dafür, dass das klappt, sorgt Johann Wittmann.

Wittmann, Bauingenieur im Baureferat der Stadt München, 62 Jahre alt, ist ein Mann, der keinen Konjunktiv kennt. Zumindest nicht, wenn es um sein Projekt geht. „2015 wird der Tunnel am Mittleren Ring West unter der Garmischer Straße und dem Luise-Kiesselbachplatz dem Verkehr übergeben“, sagt Wittmann. „2017 wird die Begrünung der Oberfläche fertig sein.“ Fragezeichen gibt es nicht. „Wir setzen um, was die Politik beschließt“, sagt er und lächelt. Dann zieht er sich eine orange leuchtende Weste an, kniehohe Sicherheitsschuhe, einen knallgelben Helm, und tritt aus dem Infocontainer hinaus in den Sonnenschein.

Große Akzeptanz

Beschlossen hat die Politik den Tunnelbau vor mittlerweile 17 Jahren. Und schon bevor sie beschlossen waren, hatten Münchens neue Tunnel unter dem Mittleren Ring bereits Geschichte geschrieben. Denn in einem bis dahin einzigartigen Verfahren hatten die Bürger den Bau gefordert und Münchens ersten Bürgerentscheid initiiert. Der war erfolgreich, 1997 begannen die Bauarbeiten zum Petueltunnel, 2003 zum Richard-Strauss-Tunnel, und seit 2009 baut Wittmann am Tunnel unter dem Luise-Kiesselbach-Platz. Wenn der fertig ist, sind dort 2520 Meter neue unterirdische Fahrbahn entstanden. Damit schlägt die Baustelle alle Münchner Tunnel-Rekorde: 398,5 Millionen Euro sind für das Projekt veranschlagt, 800 000 Kubikmeter Kies und Erde haben die Bauarbeiter bereits aus der Erde geholt, 10 091 Bohrpfähle stützen die Betondecke, die zuerst gegossen wurde, bevor darunter der Tunnel ausgehoben wurde.

Die Ampel vor dem Container springt auf grün, Wittmann überquert die Straße. „Zum Glück haben wir bei den Anwohnern eine große Akzeptanz“, sagt er, und erzählt, dass für die Tunnelarbeiten mehr als 1600 Bäume gefällt werden mussten – ohne dass es nennenswerte Proteste gab. Außerdem haben die Bauarbeiter unzählige Gas- Strom-, Wasser- und Fernwärmeleitungen umgelegt, zum großen Teil in die Vorgärten der Anwohner hinein. Doch auch hier: Akzeptanz. Die Münchner wollen ihren Tunnel. Und nehmen dafür sechs Jahre Dauerbaustelle und Stau vor der Haustür in Kauf: Allein die Pläne für die provisorische Verkehrsführung während der einzelnen Bauabschnitte sind mehrere Meter lang.

Neueste Sicherheitsanlagen

Wittmann steuert auf einen unscheinbaren Verschlag am Straßenrand zu, öffnet eine Tür und geht eine Treppe hinab. Langsam verstummt das dum-pfe Dröhnen des Verkehrs. Dort, wo in wenigen Monaten täglich mehr als 100 000 Autos unter der Erde fahren sollen, herrscht Stille. Während Wittmann über unebenen Boden führt, der einmal eine Straße werden will, erzählt er, was in den einzelnen Bauabschnitten noch getan werden muss: „Ein Teil des Tunnels ist schon fast fertig, dort fehlt nur noch die Wandverkleidung und die die Technik: Beleuchtung, Brandmeldeanlagen, Lüftung, Videoüberwachung, Lautsprecher. Jeder Tunnel wird mit den neuesten Sicherheitsanlagen ausgerüstet.“

Andere Abschnitte sind noch im Rohbau. Dort wird noch Kies auf den Fahrweg geschüttet und mit dem Fahrbahnbelag versiegelt, rechts und links der Fahrbahn legen Bauarbeiter dicke Rohre für die Kabel aus: Jeder Tunnel in jede Fahrtrichtung hat seine eigene Stromversorgung. Besonders anspruchsvoll ist der Bau an der Zufahrt von der A 95: Hier müssen die Bauarbeiter zweistöckig bauen, außerdem soll die Tunneldecke hier so stabil werden, dass darauf ein mehrstöckiges Haus gebaut werden könnte.

Wittmann wirkt zufrieden, wenn er durch seine Baustelle geht. So oft wie möglich ist er hier, mindestens einmal pro Woche. Hier sieht er ein zerdrücktes Rohr „Bitte nicht zubetonieren!“, dort ein wenig Müll. Es sind Kleinigkeiten, die ihm auffallen, wohl auch, weil im Großen und Ganzen alles rund läuft. Nicht selbstverständlich für ein Großprojekt in diesen Tagen, aber der Tunnelbau liegt voll im Zeit- und Kostenrahmen. „Es ist doch schön“, sagt er, als am Ende des Tunnels wieder Licht erscheint. Ein klein wenig Stolz schwingt in seiner Stimme, als er fortfährt: „Schön, wenn man sieht, wie so etwas entsteht“.

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