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Dialekt-Wörter
Sonntag, 10. Dezember 2017 11

Serie

250 Mal Zehetner – des basst scho!

Seit fast zehn Jahren gibt es die Serie, die einen Nerv getroffen hat. Dem Dialektpapst gehen die Erklärungen nicht aus.
Von Isolde Stöcker-Gietl, MZ

Professor Ludwig Zehetner hat mit der MZ-Serie die Lust am Dialekt neu erweckt. Foto: Helmut Koch

Regensburg.Ein „Gloifl“ – in Nieder- und Oberbayern „Gloiffe“ ausgesprochen – ist ein ungehobelter, ungebildeter, unverschämter, grober, blöder Kerl. Über die Bedeutung ist man sich einig. Aber wie lässt sich das Wort erklären? Mit diesen Worten begann am Nikolaustag 2007 eine Erfolgsgeschichte. An jenem Donnerstag veröffentlichte die Mittelbayerische Zeitung den ersten Beitrag von Professor Dr. Ludwig Zehetner aus Lappersdorf über den bairischen Dialekt. Mittlerweile ist die Serie zum 250. Mal erschienen. „Auch ich habe in diesen zehn Jahren viel gelernt und meinen eigenen Dialektbegriff erweitert“, sagt Zehetner.

Tatsächlich gehen den Lesern die Fragen nicht aus. Viele betten sie in ihren persönlichen Schreiben an den inzwischen als „Dialektpapst“ verehrten Professor für bayerische Dialektologie ein. So beginnen die Briefe und E-Mails mit Ausführungen, wo das nachgefragte Wort aufgeschnappt wurde. „Auf einer Hochzeit im Bayerischen Wald“ oder „in meinem Heimatdorf in der nördlichen Oberpfalz“, heißt es dann. „Es gibt Formulierungen und Wörter, die immer und immer wieder nachgefragt werden“, sagt Zehetner. „Jedes Jahr, wenn es auf Weihnachten zugeht, dann taucht ein Begriff aus der Heiligen Nacht von Ludwig Thoma auf.“ Dort heißt es: „A diam is, als kam aus der Höh. A diam is, als kam übern Schnee.“ Das Wort „a diam“ steht für gelegentlich, hin und wieder und ist im heutigen Sprachgebrauch selten geworden. „Es ist schön, dass durch das wieder erwachte Interesse am Dialekt solche Ausdrücke nicht komplett in Vergessenheit geraten.“

Volksetymologien entwickelt

Allerdings haben sich im Laufe der Zeit zu so manchen Begriffen Volksetymologien entwickelt, die zwar schön anzuhören sind, aber mitnichten als Erklärung dienen, sagt Zehetner. Zu „Fisimatenten“ kennen viele eine der beiden folgenden Anekdoten: Ein französischer Soldat habe sich vom Dienst befreien lassen, weil er angeblich seine Tante besuchen müsse: „visiter ma tante“. Oder einer habe die flüchtige Begegnung mit einer jungen Dame am Abend vertiefen wollen und sie eingeladen, ihn am Abend in seinem Zelt zu besuchen: „Visite ma tente“. „Beides sind hübsche, gut erfundene Geschichten, aber die Herkunft des Wortes ist damit nicht erklärt“, sagt Zehetner. „Fisimatenten“ ist wohl am ehesten dem mittellateinischen „visae patentes“ (ordnungsgemäß geprüfte Patente) sowie „visimatent“ (Ausschmückung, Erfindung) und „visament“ (kunstvolle Auszierung eines Wappens) zuzuordnen. Es scheint so zu sein, dass der Ausdruck ursprünglich spöttisch für bürokratische Gründlichkeit gebraucht wurde.

So hat sich Zehetner auf der Suche nach Erklärungen in zehn Jahren und 250 Folgen durch so manche Grundlagenliteratur gearbeitet, insbesondere durch das vielzitierte Wörterbuch von Johann Andreas Schmeller. Inzwischen wird selbst als dessen Enkel bezeichnet. Denn was bei Schmeller eher hartes Brot für die Wissenschaft ist, das wurde durch die Bücher von Zehetner zur Volksliteratur. Aus der MZ-Serie sind drei Bücher entstanden. „Basst scho“ hat wohl jeder im Bücherschrank, der Dialekt auf humorvolle Art verstehen lernen möchte. Inzwischen kam „Der kleine Zehetner“ hinzu, ein kompaktes Wörterbuch bairischer Begrifflichkeiten. „Ein Verkaufsschlager“, wie Zehetner sagt.

Bairische Sprachökonomie

Die Dialektserie diente auch als Ausgangspunkt für das Theaterstück „Mei Fähr Lady“ von Joseph Berlinger, in dem der Dialektprofessor sich selbst spielt und der Chinesin Mei Ding das Bairische beibringt. Ein paar Aufführungen im Regensburger Turmtheater waren geplant, mittlerweile standen Zehetner und die Schauspieler Eva Sixt und Titus Horst in 234 Vorstellungen in ganz Bayern auf der Bühne. „Schön wäre es, wenn wir es auch noch auf eine Berliner Bühne schaffen“, sagt der Dialektexperte. Obwohl er, wie er einräumt, mit 78 Jahren nun seine Kräfte gut einteilen muss. Mit dem „Hatschn“, also Laufen, habe er mittlerweile Probleme und dennoch schiebt er eine Knie-OP weiter auf die lange Bank, um nicht monatelang auszufallen. „Da muss die Gesundheit hinten anstehen, schließlich geht es um ein ganzes Ensemble, das vom Erfolg des Theaterstücks lebt.“

Dass das Bairische mittlerweile bei den jungen Leuten wieder so in Mode gekommen ist, das führt Zehetner auch auf die Kurznachrichtendienste zurück. „Wenn man, wie bei einer sms, nur wenige Buchstaben hat, um eine Botschaft zu verfassen, dann bietet sich ja der Dialekt förmlich an.“ „HBdere“ für Habe die Ehre“ oder „I kim a“ für „Ich komme auch“ sind heute wieder Jugendsprache. „Es geht eben nichts über die bairische Sprachökonomie“, sagt Zehetner, der für sich reklamieren darf, dass er ein entscheidendes Stück zu dieser Entwicklung beigetragen hat.

Wenn man den Dialektexperten nach seinem Lieblingswort fragt, so muss er kurz überlegen. „So ein richtiges Lieblingswort habe ich eigentlich nicht. Aber „houlos“ gefällt mir klanglich sehr gut. Es bedeutet nämlich nicht „haarlos“, wie man auf den ersten Blick meinen könnte, sondern heil-los.“

Lesen Sie hier Beiträge von unserem Dialektpapst Professor Ludwig Zehetner

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