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Dialekt-Wörter
Montag, 18. Dezember 2017 5

MZ-Serie

Des Weda is hold da Wahnsinn, nä!

Dialektexperte Ludwig Zehetner beantwortet wieder Fragen der MZ-Leser. Diesmal kommt er einem Satzanhängsel auf die Spur.

Wenn der Himmel eine bedrohlich dunkle Farbe annimmt, entkommt einem schnell mal der Satz „Des Weda is hold da Wahnsinn, nä!“. Foto: dpa

Hütlbrummen – was ist das?

Wenn es heißt: „De Kinda in da Schul dàn mid eanam Lehra hiadlbrumma“, so ist gemeint: Die Schulkinder tanzen ihrem Lehrer auf der Nase herum. „Hiadlbrumma“, in oberpfälzischer Lautung „Häidlbrumma“, ist verhochdeutscht „Hütl-Brummen“. Darunter versteht man einen hinterfotzigen, derben Scherz, den Eugen Oker in seinem Gedichtband „so wo schüins mou ma soucha“ unübertrefflich beschreibt: „äiz wiar e eng faroun / wäi s häilbrumma gäid / lusz af / bein häilbrumma / mou ma wenixdns zo dridd saa / zwoi / wou s oin / dea wou s no
niad ko / leana / brouda dea wiad schbizzn / also / däi zwoi song zo oin / moxd niad mid häilbrumma / bal a moch / doud oina sein houd owa / um beisd en grembm ei / und machd sum sum sum / des söl macha nou de andan aa / und dear oi wou s no niad ko / dengd sa / wos äbba äiza kumd / owar easchd / wen s eam woam an de fäiss owe rind / wois a / das n de andan / obrunzd homm“. Für diejenigen, die Okers eigenwillige Schreibung des Oberpfälzer Dialekts nicht ohne weiteres entziffern können, sei hier die Übersetzung ins Standarddeutsche angefügt: „Jetzt werde ich euch verraten, wie das Hütlbrummen geht. Horcht her! Beim Hütlbrummen muss man wenigstens zu dritt sein: zwei, die es einem, der es noch nicht kann, beibringen. Bruder, der wird sich wundern. Also: Die zwei sagen zu einem: ‚Magst nicht Hütlbrummen?‘ Sobald er mag, tut einer seinen Hut herunter und beißt in die Krempe hinein und macht ‚Summ, summ, summ‘. Dasselbe machen dann die anderen auch. Und der eine, der es noch nicht kann, denkt sich: ‚Was etwa jetzt kommt?‘ Aber erst, wenn es ihm warm an den Füßen hinab rinnt, weiß er, dass ihn die anderen angebrunzt haben.“

Diese Erklärung wünschte Axel Karg.

Dialekt Bairisch – Hätten Sie’s gewusst?

Des Weda is hold da Wahnsinn, nä!

In mündlichen Äußerungen tritt das Satzanhängsel „nicht wahr?“ auf als „nedwor, nedwoa, nedwo“, gekürzt als „newoa, newo“ oder einsilbig als „ned, ne, nä“. Auch die verlängerte Form „neda“ kommt vor. In einem Tondokument des Deutschen Spracharchivs erzählt Herr E. W. aus Rottenburg an der Laaber von einem dramatischen Fußballspiel gegen Plattling: „Do is’s um an Bokàl ganga, nedwo, do war ’s Endspäi zwischn Roumbuach und Blàttling, nedwo. B’Blàttinga ham zwoa Glàssn häha gspäid ois wia d’Roumbuacha, nedwo. … I war da Tormann, nedwo. Nach fünf Minuttn hoaßt’s ‚oans – null‘ fia Blàttling. Dengi ma: Des geht sauwa oo, nedwo. No ja, na späima do aso weida, ned, na hoaßt’s ‚zwoa – oans‘. A hoiwe Stund vor Schluss hamma wieda a Diall gschossn, nedwo. Na hod’s ‚drei – oans‘ ghoassn fia uns, ned. Ja Mensch, haud scho! An Bokàl hamma, nedwo.“ Kurz vor Spielende bricht der gegnerische Mittelstürmer allein durch, steht drei Meter vor dem Tormann „und ziagt aus. Und ii, weili Angst ghabt hob, Schiss howi ghabt, nedwo, dea ziagt aus, und i dràh mi um im Doa, dràh mi um, ned – schiasst ma dea an Boi aufn Orsch auffi! D’Leid ham s’Bräin ogfangt, nedwo, vo lautta, wei dea mi aufn Orsch auffi gschossn hod, ned. Und mi ham’s aso dabläckt. ‚Awa‘, hams gsogt, ‚d’Hauptsach is, dàssd as ned einilassn host!‘ Dees war des Pfundige, nedwo.“ Bei fast jedem Satz, insgesamt 14 Mal, versichert sich der Erzähler der Aufmerksamkeit des Zuhörers mit der Floskel „nicht (wahr)“.

In ähnlicher Funktion wird „gell“ gebraucht. Unter „gelt“ verzeichnet es J. A. Schmeller bereits in der 1. Auflage seines Bayerischen Wörterbuchs (2. Band, 1828) und beschreibt es als eine „Interjection, welche zur Bejahung, wohl auch zur Mitverwunderung auffordert“. Er erklärt, dass es sich um eine erstarrte Konjunktiv-I-Form zum Verb „gelten“ handelt: „(es) gelte“ oder „gelte (es)?“ Häufig hört man die lautliche Vereinfachung „gä“. Auch mit dem Satzanhängsel „wo“ erwartet der Sprecher Zustimmung oder Ablehnung: „Da Done mou heind niad oawan, wo?‘ (Der Anton muss heute wohl nicht arbeiten, oder?)

Eine ebenfalls sehr geläufige Partikel ist „halt“: „Man muss die Dinge halt nehmen, wie sie sind“ – durchaus ein hochsprachlicher Satz, mit dem Wort „halt“ anstelle von: eben, ja, freilich oder einer ähnlichen Abtönungspartikel. Mit dem Einschub von „halt“ kommt einerseits Resignation, Ergebenheit ins Unvermeidliche zum Ausdruck: „Mein Zug geht erst in einer Stunde, muss ich halt warten.“ Andererseits kann die Partikel widerwillige Zustimmung, Bekräftigung oder Aufforderung signalisieren: „Dann lass es halt bleiben. Das heiß ich halt durchgreifen, Respekt! Komm halt endlich! Dann setz dich halt hin, in Gottes Namen!“

Die Partikel „halt“ steht in keinem Zusammenhang mit dem Verb „halten“. Um 800 tritt im Althochdeutschen „halt“ auf als endungsloser Komparativ zum Adverb „halto“ (bald, rasch), dem Vertreter eines germanischen Wortstammes mit der Bedeutung: geneigt, schief (verwandt sind „Halde, hold, Unhold“). Vom Süden Deutschlands aus hat sich das Wort in jüngerer Zeit auch im Norden verbreitet. Es sei erwiesen, stand im März 1996 in der Süddeutschen Zeitung, dass oberdeutsch „halt“ mittlerweile große Teile des niederdeutschen Raumes erobert habe; dies sei die Rache des Südens für das aus dem Norden eingewanderte „Tschüs“.

Die Fragen wurden eingesandt von Michael Kümmel.

Für einen norddeutschen Urlauber in Bayern kann es oft schwierig sein, mit den Einheimischen zu kommunizieren. Aber woran liegt es, dass Bairisch so schwer zu verstehen ist? Einige Antworten, Fakten und Kuriositäten liefert unsere Bilderstrecke mit Informationen zum Bairischen Dialekt:

Des konnst leicht groun.

Mit dem Satz „Des konnst leicht groun“ versucht man jemanden davon zu überzeugen, dass er/sie leicht auf etwas verzichten, es entbehren könnte, was man selbst haben möchte. „Groun“ ist die mundartliche Lautung von „geraten“, was im alten Deutsch langes â hatte, das im Nordbairischen zum Zwielaut ou wurde: „gerâten – groudn – groun“. In gewählter, veralteter Hochsprache kannte man den Ausdruck „eines Dings entraten“. Ein heute nicht mehr möglicher Beispielsatz wäre: „Er kann des Bieres gerne entraten“, das heißt: er kann aufs Bier leicht verzichten. Im Dialekt aber sagt man sehr wohl: „’s Bier kon-a leicht groon“, nördlich der Donau „groun.“ Auch in positivem Sinne wird „geraten“ verwendet, nordbairisch mundartlich „groun“. In einem Gedicht von Eugen Oker heißt es: „bal de dei wei eachad / bal da nixn groudd / woarum solsd nouchand / niad ens wiazhaus güi“ (Wenn dich deine Frau ärgert, wenn dir nichts gerät (gelingt), warum sollst du dann nicht ins Wirtshaus gehen?).

Die Frage stellte Ingeborg Trommer aus Berching.

Der ko ned groan.

Über einen kleinwüchsigen Menschen, der recht boshaft ist, befindet man: „Vor lauter Bosheit ko der ned groan“ (kann er nicht wachsen). Die mundartliche Lautform „grõan“ geht zurück auf althochdeutsch „gruoên“, was dem hochsprachlichen Wort „grünen“ entspricht mit der ursprünglichen Bedeutung: wachsen. Die Farbbezeichnung „grün“ hatte in alter Zeit den Sinn: wachsend. Der germanische Wortstamm taucht auch auf im englischen Verb „to grow“ (wachsen, werden). Das bairische Verb „grõan“ weist die gleiche Lautentwicklung auf, wie sie vorliegt bei „dõa, Grõamad, Dõana“ aus mittelhochdeutsch „tuon, Duonouwe, gruonmât“ für: tun, Donau, Grummet (zweite Heumahd).

Die Erklärung wünschte Josef Eder aus Neutraubling.

So können Sie Fragen stellen

  • Regelmäßig beantwortet

    Sprachwissenschaftler Ludwig Zehetner Dialekt-Fragen der MZ-Leser. Die Serie erscheint am letzten Freitag im Monat.

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    Mittelbayerische Zeitung, Bayernredaktion, Stichwort: Dialekt, Kumpfmühler Straße 15, 93047 Regensburg.

Weitere Teile unserer Dialektserie finden Sie hier.

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