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Dialekt-Wörter
Montag, 23. Oktober 2017 12° 7

MZ-Serie

Die Reiher zwischen den Häusern

Wissenswertes rund um den Dialekt zum Monatsende: Diesmal geht es um schmale Gassen und Menschen wie den Fischer Sepp.

In ihren Erinnerungen schrieb Maria Mayer: „Die Reiher zwischen unserem und dem Nachbarhaus war verboten.“ Foto: dpa

Die Reiher – ein altes Dialektwort

„Reiher, Reichen, Reichern“ bezeichnet im Dialekt einen schmalen, dunklen Durchgang zwischen zwei Häusern in der Stadt, auf dem Bauernhof den engen Raum zwischen Scheune und Zaun. In dem Buch „Aus meinem Kinderland“ von Maria Mayer (geboren 1897 in Hauzenberg im Bayerischen Wald) heißt es darüber: „Ein verwunschen totes Flecklein, das nie ein Fuß betrat, war die Reiher zwischen unserem und dem Nachbarhaus. Diese Reiher war verboten und vorn und hinten mit starken Brettern vernagelt.“ Das Wort könnte zusammenhängen mit althochdeutsch „rîho“ (Kniekehle) und verwandt sein mit englisch „row“, das in der oben beschriebenen Bedeutung auftreten kann. Ob der Ausdruck „derreichern“ auch hierher gehört, bleibe dahingestellt. Über ein zerwühltes Bett hat man befunden, es sei „dareichad“, also quasi zerfurcht.

Eine Frage von Edith Stierstorfer aus Alteglofsheim

Der Fischer Sepp hat eine Frage.

Das Voransetzen des Familiennamens ist in Ungarn selbstverständlich. Prominente Ungarn kennen wir als Bela Bartók, Zóltan Kodály, István Szabó, Imre Nagy. In ihrem Heimatland aber heißen sie Bartók Bela, Kodály Zóltan, Szabó István, Nagy Imre. Das Bairische hält es wie das Ungarische und setzt sich damit von der Hochsprache ab. Insofern sind „Vor-, Nachname“ ungünstige Bezeichnungen; besser ist „Ruf-, Familienname“. Bei uns steht jedenfalls der Familienname vor dem Rufnamen. Warum das so ist, lässt sich aus der Geschichte erklären.

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Im Mittelalter gab es noch keine Familiennamen, die Personen trugen nur ihren Taufnamen: Hans, Karl, Friedrich, Maria, Anna, Agathe usw. Als die Siedlungsgemeinschaften umfangreicher wurden, vorab in den Städten, genügte dies alsbald nicht mehr zur eindeutigen Identifikation, gab es doch Dutzende, die Hans, Karl usw. hießen. Wie schon im alten Rom kam es zu Cognomen, Beinamen. Eine Möglichkeit war das Heranziehen des Berufs. Ein Hans, der von Beruf Müller war, wurde „Müller Hans“ genannt, ein anderer war Schmied und wurde zum „Schmied Hans“, und der Gastwirt namens Hans war der „Wirth Hans“.

Dialekt Bairisch – Hätten Sie’s gewusst?

War jemand nach Einschätzung der Mitmenschen zu groß oder zu klein, zu dick oder zu dünn, besonders ansehnlich oder hässlich, so konnte sich das niederschlagen in Beinamen wie „Groß, Lang, Klein, Winzig, Dick, Feist, Dürr, Mager, Schön, Greulich“. Der „Feist Hans“ konnte nicht verwechselt werden mit dem „Dürr Hans“. Auch Haarfarbe oder Haartracht konnte zur Unterscheidung dienen: „Rot(h), Weiß, Schwarz, Schwarzkopf, Gelhaar, Kraus“ usw., ferner auffallende Charaktereigenschaften oder Gewohnheiten. Einen arbeitsscheuen Bauern titulierte man als „Scheuchenpflug“ (Scheu den Pflug), einen Geizhals nannte man „Kistenpfennig“ (Küss den Pfennig), besonders Trinkfeste nannte man beispielsweise „Biersack, Saufaus, Trinkaus, Trinkl, Schlicksbier“ (Schluck das Bier).

Als Beiname kam auch die Herkunft in Frage. Als „Wiener“ oder „Hamburger“ wurde bezeichnet, wenn er von dort stammte oder seine Vorfahren von dorther kamen. Die Wohnstätte scheint auf in Namen wie „Mittendorfer, Voderholzer“ (vorder, also vor dem Wald ansässig). Ebenso wurden Hausnamen herangezogen. Besaß einer das Haus „Zum Schwan“, nannte man ihn den „Schwan Hans“ oder „Schwaner Hans“. Solche Beinamen waren anfangs weder fest noch erblich. Erst im späten Mittelalter und in der frühen Neuzeit wurden sie aktenkundig, weil sie in Urkunden und Zeugenlisten auftauchten. Damit war der Weg geebnet, dass aus den Beinamen richtige Familiennamen wurden.

So können Sie Fragen stellen

  • Regelmäßig beantwortet

    Sprachwissenschaftler Ludwig Zehetner Dialekt-Fragen der MZ-Leser. Die Serie erscheint am letzten Freitag im Monat.

  • Sie können Ihre Fragen

    als E-Mail an dialekt@mittelbayerische.de schicken oder Sie folgen uns auf Facebook unter www.mittelbayerische.de/facebook.

  • Ihre Briefe richten Sie an

    Mittelbayerische Zeitung, Bayernredaktion, Stichwort: Dialekt, Kumpfmühler Straße 15, 93047 Regensburg.

Wenn im Bairischen auch heute noch der Familienname vor dem Rufnamen steht, so lebt damit ein Rest der Tradition fort, dass der Rufname wie im Mittelalter der eigentliche Name war und der Familienname nur als differenzierender Zusatz dazu kam. Außerdem setzen wir bei Personennamen und Verwandtschaftsbezeichnungen grundsätzlich den bestimmten Artikel: „der Fischer Sepp, die Huaber Rosalie, der Vatter, d’Muatter“ usw. Zu sagen: „Ich beantworte Josef Fischers Frage. Am Sonntag erwarten wir Oma zu Besuch“ wirkt steif und deutlich angepasst an den norddeutschen Usus. Vertrauter klingt: „… d’Frog vom Fischer Sepp“ oder „… am (= dem) Fischer Sepp sei Frog“ und „Mia griangma Bsuach von da Oma.“

Auskunft zu einer Frage von Josef Fischer

Dases bein hois bagg und dagarm

In „kuacha & kafä“, einem 1972 erschienenen Gedichtband von Josef Wittmann, findet sich: „dases bein hois bagg & dagarm“. Das bairische Verb „dagàrma (dergàrben, dergärwen)“ bedeutet: erdrosseln, erwürgen. Der zugrundeliegende Wortstamm ist mittelhochdeutsch „gar, garwes“, wovon sich das Verb „gerben“ herleitet, das sekundär die Bedeutung „würgen, sich erbrechen“ bekam, weil das Leder beim Gerben geknetet und gepresst wird. Verben mit der Vorsilbe „der-“ (oft anstelle von „er-, ver-, zer-“) sind ein untrügliches Kennzeichen fürs Bairische; es gibt Dutzende davon: „derraten, derbarmen, derleben, derbremsen“ usw. Eine Gruppe bilden diejenigen, die ausdrücken, dass ein negatives Ergebnis herbeigeführt wird, Vernichtung, Tod: „derbàtzen, derwuzeln, derhungern, derschmeißen, sich derrennen, derstechen, dersticken“ und eben „dergàrmen“ im gleichen Sinn wie „derdrosseln“. Schriftsprachlich heißt der zitierte Satz: „…, dass ich sie beim Hals packe und erwürge.“

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In dem Wittmann-Bändchen heißt es an anderer Stelle: „do griagadi do glei s hilaffads“ – was, in die Schriftsprache übertragen, in etwa bedeutet: Da würde ich den Drang verspüren, doch gleich zu dieser begehrenswerten Frau hinzulaufen, mich ihr zu nähern. Mit „Hilaffads“ liegt eine bairisch-mundartliche Wortbildung vor, die der Hochsprache fremd ist: Das Präsens-Partizip „hinlaufend“ wird mit der Genitiv-Endung „-s“ versehen und wandelt sich damit zum Substantiv. Obwohl der Entstehung nach eigentlich „-endes – -ends – -ads“ vorliegt, erscheint die Endung „-ads“ in der Schreibung meist als „-erts“. Wörter dieser Art sind: „das Raufferts (Ràffads), Fresserts, Saufferts, Speiwerts, Gspeiwerts, Oweicherts, Zsammkehrerts“ (Rauferei, Fress-, Saufgelage, Erbrechen, Erbrochenes, Durchfall, Kehricht).

Die Fragen wurden eingesandt von Robert Utz.

Weitere Teile unserer Dialektserie finden Sie hier.

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