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Dialekt-Wörter
Montag, 11. Dezember 2017 3

MZ-Serie

Einfach mitm Waschlappm kàmpln

Zum Monatsende geht es wieder um den Dialekt. Dieses Mal geht es um Zidracha, Stranizn und einen vollends platterten Mann.

Diesen Spruch bekommt so mancher Glatzkopf wohl öfter zu hören: „Praktisch, jetz konnst di mitm Waschlappm kàmpln!“ Foto: dpa

Der kann si mitm Waschlappm kàmpln.

Hat ein Mann nur mehr sehr spärlichen Haarwuchs auf dem Kopf oder ist er vollends plattert (glatzköpfig), kann er über sich spötteln hören: „Praktisch, jetz konnst di mitm Waschlappm kàmpln“; denn zum Frisieren braucht er keinen Kamm. In Zeiten des Nahrungsmangels entstand die Redensart: „Wenn die Kinder nach Brot schrein, wern’s kàmplt.“ Nicht sofort verständlich ist der Satz „Kàmàda kàmpman kàmpen“ (Käme er, könnten wir ihn kämmen, hier wohl im Sinn von: verprügeln). Der Kamm auf dem Kopf männlicher Hühnervögel heißt ebenfalls „Kàmpl“, und schließlich kann ein flotter junger Bursch als „Kàmpl“ bezeichnet werden. In den bairischen Mundarten südlich der Donau gelten die Ausspracheformen „Kàmpe, kàmpen“, weil „l“ der Vokalisierung unterliegt.

Man fragt sich, wieso man im Bairischen „Kàmpel, kàmpeln“ sagt und nicht einfach „Kamm, kämmen“. Der Grund: Mundartlich blieb der alte Konsonantenstand bewahrt, während die Schriftsprache „mb“ vereinfacht hat zu „mm“. Dem althochdeutschen „chamb“ steht englisch „comb“ nahe, wo das „b“ zwar noch geschrieben, wenngleich nicht mehr gesprochen wird. Gleiches gilt für englisch „lamb“, dem sich bairisch „Làmpl, Làmperl“ (Lämmlein) an die Seite stellt. Ebenfalls erhalten ist „p“ im Bergnamen „Kampenwand“ (früher: „Hochkampen“) sowie in „Kamprad“, einer älteren Bezeichnung für Zahnrad. Der Berg und das Rad sind gezackt, gezähnt wie ein Kamm.

Können die Baiern den Laut „ü“ nicht sprechen?

Auf der Suche nach einer Erklärung, warum regionsloyale Einheimische sich nicht mit „Tschüs, Tschüss“ verabschieden, kam jemand auf die Idee, dies geschehe aus lautlichen Gründen, und schloss daraus: Baiern können den Laut „ü“ nicht sprechen. Dies trifft absolut nicht zu. Richtig ist vielmehr, dass einerseits vor „ck, pf“ der Vokal nicht umgelautet wurde und „u“ blieb: „drucken, bucken, zruck, Bruck; hupfen, lupfen“ usw. Andererseits wandelt sich „ü“ zu „i“ (Umlautentrundung): „Hittn, Schlissl“ (Hütte, Schlüssel; auch der Name der Landeshauptstadt ist davon betroffen: „Minka, Minga, Miicha“).

Liegt einem hochsprachlichen „ü“ der alte Zwielaut „üe“ zugrunde, so resultiert „ia“ / nordbairisch „ej“: „hiatn, Fiass / hejtn, Fejss“ (hüten, Füße). Bei Wörtern, die aus der Schriftsprache übernommen sind, unterbleibt die Entrundung; man artikuliert den Umlaut „ü“ sehr deutlich in „TÜV, Schüler, Müll“, meist auch in „Prüfung, üben, Güte“ und anderen. Außerdem sind in den oberpfälzischen Mundarten Lautungen wie „vüll, er wüll“ (viel, will) eine Selbstverständlichkeit, ebenfalls in Österreich: „vüü zvüü Gfüü“ (viel zu viel Gefühl). Die Baiern können also den Laut „ü“ sehr wohl sprechen. „Tschüs(s)“ wird in erster Linie deshalb abgelehnt, weil es sich um eine Verabschiedungsformel handelt, die aus dem Norden bei uns eingeschleppt wurde.

Um die beiden Auskünfte ersuchte Michael Pongratz.

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Du hast an Zidracha aufm Backa.

Eine flechtenartige Hautunreinheit im Gesicht, eine raue Stelle ähnlich einem Ekzem, heißt mundartlich „Zidera“. Dies ist eine Kürzung von „Zitterach(en)“. Schon im Althochdeutschen, also vor mehr als 1000 Jahren, gab es das Wort „citaroch“, das im bairischen Dialekt als „(der) Zitteroch, Zittroch, Zitrochen, Zidracha, Zitrach, Zitterachen, Zitterer“ bis in unsere Zeit erhalten geblieben ist, teilweise in der Form „Ziahdracha“, was eine volksetymologische Annäherung an die geläufigen Wörter „ziehen“ und „Drachen“ darstellt. In Wirklichkeit lässt sich das Wort zurückverfolgen auf die indogermanische Wurzel „dedru-“, die auch in anderen Sprachen zu Bezeichnungen für Hautkrankheiten geführt hat, zum Beispiel englisch „tetter“, französisch „dartre“ (Flechte). Ich erinnere mich an meine eigene Kindheit (1940er/1950er Jahre), da hatte ich immer wieder einmal „an Zidracha“ im Gesicht. Meine Mutter kannte ein bewährtes Hausmittel. Sie löste ein dickes Blatt aus einer Hauswurz, presste den Saft aus und bestrich damit den Zidracha, der auch rasch abheilte.

Eine Anfrage von Wolfgang Hofer

Ein russisches Wort im Bairischen?

Wörter wandern von Land zu Land. Wir haben im Deutschen und auch im bairischen Dialekt eine große Menge von Entlehnungen aus dem Französischen, Italienischen, Englischen. Unter den Sprachen, aus denen Wortgut zu uns gelangt ist, wird oft auch das Russische genannt, und zwar einzig wegen „Stranizn“ als Bezeichnung für Spitztüte. Dieses Wort sieht wirklich so aus, als wäre es aus dem Russischen übernommen, wo „straniza“ Buchseite oder Tapete bedeutet. Wie soll es aber geschehen sein, dass sich für einen Gegenstand des täglichen Gebrauchs bei uns ein russisches Wort verbreitete? Der umgekehrte Weg funktionierte häufig; das Russische hat vieles aus dem Deutschen entlehnt. In Anbetracht der Varianten „Stranize, Stanize, Starize, Stramitzl, Stamitzl, Scharnitzl, Scharmitzl“ usw. zerschlägt sich die Russisch-Hypothese rasch. Vieles spricht dafür, dass ein romanischer Wortstamm zugrunde liegt. Im Ladinischen des Grödnertals heißt die Tüte „scarnus“. Auch das italienische Adjektiv „scarno“ (mager, vom Fleisch gefallen) verdient Erwähnung. Auszugehen ist von lateinisch „excarnare“, das heißt vor dem Gerben der Tierhaut das Fleisch (caro, carnis) entfernen (ex-). Die Vorläufer von Papiertüten waren wohl lederne Beutel, also aus Tierhäuten hergestellt. Trotz verblüffender Ähnlichkeit mit dem russischen Wort „straniza“ ist die Annahme einer Entlehnung ins Bairische höchstwahrscheinlich zu verwerfen. Andere mundartliche Bezeichnungen für die Tüte sind „Rogl, Gucke(n)“.

Zu einer Frage von Franz Ederer

A so a letzer Kund!

Das Eigenschaftswort „letz“ gibt es nur in den Mundarten. Es hat immer negativen Sinn; die Grundbedeutung ist: verkehrt, gegensätzlich zu dem, was gut und richtig ist. Wenn einer sagt: „Mir is recht letz“ oder „Letz beinand bin-e“, so heißt das, dass er sich krank fühlt. In Bezug auf Dingliches kann es bedeuten: in schlechtem Zustand, fehlerhaft, brüchig; auf Zustände bezogen: unangenehm, lästig, belastend, schmerzhaft. Im Januar klagte man über „de letze Kältn“, im Sommer mag uns „a letze Hitz“ peinigen. Wenn von einem Menschen gesagt wird, er sei letz, dann ist er entweder kränklich, altersschwach, hautig beinand oder aber bösartig, unverträglich, zornmütig, streitsüchtig: „a letzer Deife. Jetz wer i fei letz.“ Im mittelalterlichen Deutsch gab es das Verb „letzen“ (beschädigen), was in „ver-letz-en“ greifbar geblieben ist. Das bairische Adjektiv „letz“ gehört zu diesem Wortstamm.

Die Frage stellte Thomas Felixberger.

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