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Dialekt-Wörter
Dienstag, 17. Oktober 2017 20° 2

MZ-Serie

Sind die Kallmünzer aus Kallmünz?

Es gibt wieder Wissenswertes rund um den Dialekt. Dieses Mal geht es um große Sandsteinbrocken und träge Zeitgenossen.

Außer den Bewohnern des Marktes mit seiner Burgruine werden auch große, harte Steinbrocken Kallmünzer genannt.Foto: lsn

Da hadschad Schmied hadscht aa mit.

Eine Litanei-Parodie beginnt so: „Heit gemma wieder wallfahrtn, / i und mei Voda / und da kropfad Boda, / und da hadschad Schmied / hadscht aa mid.“ Das Verb „hàtschen“ (gesprochen mit langem hellem a, also eigentlich „hààdschn“) ist in Bayern und Österreich sehr geläufig. Es hat folgende Bedeutungen: a) sich in langsamer, schleppender Art zu Fuß fortbewegen; b) mühsam gehen, schlurfen, hinken, (bairisch: hupfen, hàrpfen); c) zu Fuß gehen im Gegensatz zu fahren.

Als „Hàtscher“ oder „Hàtsch“ bezeichnet man einen anstrengenden langen Fußmarsch. Hinsichtlich Lautung und Bedeutung liegt es nahe, an die „Hadsch“ zu denken, die Pilgerreise nach Mekka, die jeder fromme Moslem wenigstens einmal im Leben unternimmt. Auf diese verblüffende Ähnlichkeit verweist jedoch keines der Nachschlagewerke, eine Entlehnung aus dem Arabischen wird nirgends erwogen. Wegen des Zischlauts rückt man „hàtschen“ in die Nähe anderer expressiver Verben wie „rutschen, knutschen, quetschen“.

Sinnvoller erscheint der Hinweis auf die sich perfekt reimenden Verben „ràtschen“ und „làtschen“; letzteres deckt sich sogar bedeutungsmäßig teilweise mit „hàtschen“. Schmeller führt in seinem Bayerischen Wörterbuch (Band I, Spalte 1191 f.) an: „’s Mensch hat an hidschadn, hàdschadn Gang, und so kemmand zwoa Hidschade, Hàdschade zam“ (Das Mädchen hat eine schlurfende Gangart, ihr Partner ebenfalls). Er erwähnt auch „d’Schuach o-hàdschn“ (die Schuhe schief abtreten). Noch heute bezeichnen wir einen ausgetretenen Schuh als „Hàtscher“. Ferner verweist Schmeller auf „hetschen“ (schwanken) und auf „hutschen“ (ehedem: auf dem Hintern fortrutschen wie kleine Kinder; heute: schaukeln). So verlockend es scheint, einen Zusammenhang mit der Hadsch nach Mekka herzustellen – ein solcher ist nicht nachweisbar. Im Lexikon „Arabische Wörter im Deutschen“ von Andreas Unger taucht „hàtschen“ nicht auf.

Die Frage stellte Herbert Schenk aus Waldmünchen.

Bind dir an Fiafleg um fia de Arwad!

In geschriebenen Dialekttexten findet man Beispiele wie: „Des kimmt ma gspassig via.“ Ein lateinisches Wort im bairischen Satz (via, der Weg)? Noch kurioser ist: „Do schaugt da Zecha viara.“ Gemeint ist mit „via“ eindeutig „für“ im Sinne von: vor, und mit „viara“: hervor. Die schriftsprachliche Differenzierung zwischen „für“ und „vor“ ist relativ jung. Im Dialekt steht „für“ (ausgesprochen „fia“) heute noch für „vor“. Als Schreibung ist unbedingt „fia“ zu wählen, auch in Wortbildungen wie „Fiada, Fiafleg, Fiahang“ – eigentlich „Fürtuch, Fürfleck, Fürhang“ (Vorbindschurz, Vorhang) – und „hifiari“ (hin-für-hin: ganz nach vorn).

Die Klärung wünschten Hans und Waltraud Maier.

Ich habe nicht ausgeschlafen gehabt.

Ist dieser Satz richtig? Müsste es nicht heißen: „Ich war nicht ausgeschlafen“ beziehungsweise mundartlich: „I bin ned ausgschlaffa gwen“? Ob ein Verb die zusammengesetzten Vergangenheitsformen (Perfekt, Plusquamperfekt) mit „haben“ oder „sein“ bildet, hängt unter anderem davon ab, ob es ein Geschehen bezeichnet oder einen Zustand. Bei den Verben „stehen, sitzen, liegen“ verfährt der Norden des deutschen Sprachraums anders als der Süden. Im nördlichen Deutsch heißt es: „Er hat gestanden / gesessen / gestanden“, im südlichen Deutsch aber „Er ist gesessen / gestanden / gelegen“. Beide Varianten sind hochsprachlich und korrekt. Im Süden können wir differenzieren zwischen „er ist gestanden“ (in stehender Haltung) und „er hat gestanden“ (Bekenntnis einer Tat). Die Körperhaltungen „stehen, sitzen, liegen“ betrachtet man nicht als Bezeichnung eines statischen Zustands, sondern als Nullbewegung eines dynamischen Vorgangs. Das kann auch für „ein-/ausschlafen“ gelten, allerdings nur in mundartnaher Rede: „I hob lang ned ei-gschlaffa.“

In Werner Fritschs Roman „Cherubim“ findet sich: „Jetzt hab ich früh nicht ausgeschlafen gehabt.“ In glatter Hochsprache stünde dafür „Ich war nicht ausgeschlafen“, wobei „ausgeschlafen sein“ einen Zustand, eine Eigenschaft benennt (wie: „ich war munter, hellwach“), „ausgeschlafen haben“ hingegen den Abschluss eines Vorgangs, einer Tätigkeit (wie: „ich habe ausgetrunken“).

Eine Klärung wünschte Josef Winkler.

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Sie wohnen in Sinzing Am Hohen Ranken.

Als „Ranken“ bezeichnet man eine kleine steile Geländestufe, eine Böschung in einem Grundstück, einen Rain zwischen Ackerflächen, Wiesen und in Gärten. Der Ranken kann mit Gras oder Strauchwerk bewachsen sein. Im Rahmen der Flurbereinigung hat man leider zahlreiche Ranken eingeebnet, womit den Vögeln ein willkommener Platz zum Nisten genommen wurde, anderen kleineren Wildtieren ein sicherer Zufluchtsort inmitten kahler Gefilde.

In der Gemeinde Sinzing bei Regensburg gibt es den Straßennamen „Am Hohen Ranken“. Ein großes, unregelmäßiges Stück Brot oder Geräuchertes kann als „Ranft, Rànftl“ bezeichnet werden oder ebenfalls als „Ranken“, auch in der Ausspracheform „Reankn“. In einer Erzählung findet sich der Satz: „Die Mutter übergab dem Buben als Wegzehrung ein Rànkerl Geselchtes“, also ein kleines Stück davon. Inwieweit das mundartnahe Verb „rànkeln, rànggeln“ (balgen, im Scherz raufen, ringen) und hochsprachlich „Ränke (schmieden)“ ebenfalls zu dieser Wortfamilie gehören, bleibt unklar.

Die Frage stellte Michael Pongratz.

Regensburger, Wiener und Kallmünzer

Mit „Regensburger, Kassler, Regensburger, Wiener (in Österreich heißen sie: Frankfurter), Hamburger“ sind nicht nur Bewohner dieser Städte gemeint, sondern auch bestimmte Fleischprodukte. Ähnlich scheint der Fall „Kallmünzer“ zu liegen. Außer den Bewohnern des Marktes am Zusammenfluss von Naab und Vils werden auch große, harte Steinbrocken so genannt, die in Wäldern und Fluren zu finden sind und beim Ackern sehr stören. Nach Auskunft von Wikipedia handelt es sich dabei um verkieselten Sandstein, der verwitterungsresistent ist; die Findlinge sind mehr als 60 Millionen Jahre alt.

Der größte ist der Zyprianstein bei Neuhaus an der Pegnitz im Landkreis Nürnberger Land mit einem Volumen von 40 Kubikmetern und einem Gewicht von etwa 100 Tonnen. In der Oberpfalz nimmt man natürlich an, dass diese Steine nach dem Ort Kallmünz benannt sind, was nicht zutrifft. Nebenformen wie „Kalminzer, Kulmitzer“ verweisen auf ein slawisches Wort für Stein, das auch in Orts- und Bergnamen mit „Kulm“ vorliegt.

Anfrage eines Geologen, weitergeleitet von Stefan Eber

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