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Bayern
Samstag, 16. Dezember 2017 10

MZ-Serie

Die Experten für falsche Picassos

Mit dem LKA auf Verbrecherjagd: Im Sachgebiet 622 geht es um Kunst, nicht selten um wertvolle Stücke. Fälscher werden entlarvt.
von Katia Meyer-Tien, MZ

  • Franz Weber ist beim LKA Experte für Kunstraub und Kunstfälschung. Er brachte schon manches wertvolle Stück zurück zu den Eigentümern.Foto: kmt
  • So werden nachträgliche Veränderungen an Bildern sichtbar gemacht. Foto: kmt
  • Jürgen Bügler ist Chemiker und Experte für Echtheitsbestimmungen. Foto: kmt

München.Manchmal ist es einfach der Zufall, der den LKA-Mann Franz Weber und sein Team vom Sachgebiet 622 mit dem sperrigen Namen „Sonderermittlungen/Kunst/NSG“ auf den Plan ruft. Da schaute ein Mann im Jahr 2011 Fernsehen, es lief ein Spielfilm: „Die Trödelqueen – Gelegenheit macht Liebe“. Nicht weiter aufregend, bis im Film plötzlich eine lebensgroße Christusstatue zu sehen war. „Das ist unsere!“ erkannte er erstaunt und wandte sich an die Polizei: 1974 sei ebenjene Figur aus dem Garten seiner Familie gestohlen worden. Die Kunstfahnder im LKA machten sich an die Arbeit, ermittelten den Besitzer der Statue und verfolgten ihren Weg zurück. Von Händler zu Händler, von Ingolstadt nach Frankfurt und wieder nach Bayern, quer durch Deutschland war die Skulptur in den vergangenen 33 Jahren gereist. Ein Fototechniker des LKA bestätigte dann, dass es sich mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit tatsächlich um die gestohlene Figur handelte. Und weil sich der rechtmäßige Besitzer mit dem aktuellen Besitzer gütlich einigen konnte, kehrte die Ikone gerade rechtzeitig zur Taufe des Enkelkindes des Mannes zurück in die Heimat.

Anfragen von Auktionshäusern

Happy End einer Odyssee, Routine für Franz Weber, 59 Jahre alt, Kriminalhauptkommissar mit schneeweißen Haaren. Seit bald 40 Jahren ist er beim LKA. Sein Traumberuf. Schon immer, sagt er, habe er zur Kriminalpolizei gewollt. Nun leitet er das Sachgebiet, das sich in seinen Anfängen in den 1960er Jahren hauptsächlich mit Einbrüchen in Kirchen befasste. Und das sich nun, da die Kirchen dazu übergegangen sind, ihr Inventar zu fotografieren und besser zu schützen, vor allem mit Kunstraub und Kunstfälschung beschäftigt.

Häufig werden Franz Webers Leute von Auktionshäusern gerufen, von Sammlern oder Gutachtern, denen zweifelhafte Stücke angeboten werden. Die Fragen dann sind immer die selben: Wer hat Kontakt mit dem Kunstwerk? Mit wem haben wir es zu tun? Fehlt das Stück irgendwo, ist es in einer Datenbank gelistet? Wer ist der letzte Besitzer? Im Idealfall führt die Spur bis zurück zu einem Diebstahl, dann ist für Weber und seine Kollegen mit ihrem Schlussbericht für die Staatsanwaltschaft die Sache erledigt: Wer das Kunstwerk letztendlich bekommt, entscheidet das Gericht.

Die 18 Ermittler im Sachgebiet sind für Kunstdiebstähle ab einem Wert von rund 3000 Euro zuständig, für sakrale Gegenstände und für Kunstdiebstähle aus Museen. Und für den Kulturgutschutz. So meldete sich zum Beispiel 1997 Interpol bei Weber: Ein dubioser Händler verkaufe in München zypriotische Kirchenkunst. Schnell beschlagnahmten die Beamten tausende Ikonen, Fresken- und Mosaikteile, jedes einzelne mussten sie dokumentieren, sachgemäß lagern und bei Bedarf immer wieder hervorsuchen, um es vor Gericht zu präsentieren. Denn es dauerte, bis geklärt war, wem die Schätze eigentlich gehören: Erst am 18. März 2013 entschied das Münchner Oberlandesgericht, dass die Werke nach Zypern zurückgebracht werden müssen.

Die möglichen Straftaten der Kirchenräuber und Schmuggler waren zu diesem Zeitpunkt längst verjährt, ebenso wie die des Christus-Statuenräubers bei deren Wiederentdeckung. Das klingt frustrierend. Aber für Franz Weber zählt nur, dass die Kunstwerke gefunden wurden, sagt er. Und dass sie wieder dort sind, wo sie hingehören. „Meine Aufgabe ist es zum Glück nicht zu sagen: Der ist schuld oder nicht schuld. Ich lege alles vor, was mir bekannt ist. Die Entscheidung trifft der Richter“.

Nüchtern und gelassen erzählt Weber von seiner Arbeit. Auch von den Kunstfälschern, die ebenfalls zu seiner Arbeit gehören. Weber unterscheidet zwischen drei Typen: Die Kleinkriminellen, die „nichts mit Kunst am Hut haben“ und ihre – meist schlechten – Fälschungen bei Ebay anbieten. Die Gewiefteren, die zwei existierende Gemälde zum Vorbild nehmen, sie zu einem neuen Bild kombinieren und sich eine passende Legende ausdenken. Alles hat Weber da schon gehört: „Unbekanntes Werk aus dem Nachlass von xxx“, „Verschollen im Krieg, unverhofft in einer Erbschaft aufgetaucht“ und ähnliches. Fast gelangweilt klingt Weber, wenn er davon erzählt. Spannender findet er die „Fälschergenies“, die so malen wie das Original und sich sogar von Sachverständigen die Echtheit zertifizieren lassen.

In solchen Fällen holt sich Franz Weber Hilfe, zum Beispiel von Jürgen Bügler. Der ist Chemiker und am LKA mit der Echtheitsbestimmung von Dokumenten befasst, gemeinsam mit vier weiteren Sachverständigen. Er untersucht bei Gemälden das verwendete Papier, welche Drucktechnik verwendet wurde, und vor allem die Frage: Ist der Aufkleber auf der Rückseite des Kunstwerkes, der die Provenienz beweisen soll, glaubhaft oder nicht?

Eine winzige Probe reicht aus

Der 45-Jährige gebürtige Deggendorfer ist Fälschungsexperte, es gibt kaum etwas, das er noch nicht gesehen hat. Er untersucht Führerscheine und Personalausweise, Urkunden und sonstige Dokumente. Mehr als 50 000 Vergleichsdokumente hat er in seiner Datenbank, die Karteikästen füllen einen ganzen Raum.

Eine winzige Probe eines Kugelschreiberstriches reicht ihm, um nachzuweisen, welche Tinte verwendet wurde: Wer glaubt, auf einem Scheck nachträglich ein paar Nullen anfügen zu können, kommt bei Bügler damit nicht durch. Auch nicht mit einem gefälschten Provenienzaufkleber, denn mit Rasterelektronenmikroskop, Gaschromatographie, Massenspektrometrie und Thermodesorption können die Fälschungsfahnder in den meisten Fällen exakt bestimmen, wie alt ein Papier ist, woraus es besteht und ob beispielsweise die verwendeten Farben zum mutmaßlichen Herstellungszeitpunkt überhaupt schon bekannt waren.

Stellt sich ein Kunstwerk dabei schließlich als Fälschung heraus, wird es gestempelt, als Lehrmittel weiterverwendet oder aber vernichtet. Das ist die Lösung, die Franz Weber immer am Liebsten ist: „Um ehrlich zu sein“, sagt er, „die meisten davon sind nicht so richtig toll“.

Das Bayerische Landeskriminalamt

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