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Freitag, 15. Dezember 2017 3

MZ-Serie

Ein Dorf inmitten einer Großstadt

Münchens neues Gesicht: Am Ackermannbogen ist ein neues Stadtviertel entstanden. 5556 Menschen wohnen heute dort, wo früher Soldaten trainierten.
von Katia Meyer-Tien, MZ

  • Nur wenige Kilometer vom Stadtzentrum entfernt, zwischen Olympiagelände und Schwabings Gründerzeitgebäuden, ist das Stadtquartier „Am Ackermannbogen“ entstanden. Foto: Stadt München
  • Halböffentliche Grünflächen sollen Rückzugsräume bieten. Foto: kmt
  • So sah das Militärareal am Ackermannbogen 1996 aus. Ab 2000 wurde hier umgebaut. Foto: Stadt München

München.„Es sind die Bäume, die den Menschen wichtig sind.. Das ist ein kleiner Satz, den Elisabeth Hesse sagt, als sie an diesem Mittag auf einer Bank in ihrem Ackermannbogen sitzt und auf einen uralten Kastanienbaum blickt. Ein kleiner Satz, der viel darüber verrät, wie die Stadtplanerin über ihre Arbeit denkt.

Elisabeth Hesse arbeitet im Münchner Referat für Stadtplanung und Bauordnung. Zu Beginn der 1990er Jahre hat sie, gemeinsam mit anderen, eine Aufgabe bekommen, von der die meisten nur träumen können: Sie durfte ein ganzes Stadtviertel neu planen. Denn in den frühen 1990er Jahren beschloss die Bundesregierung, nicht mehr genutzte Militärflächen zu verkaufen. Und nicht nur das, die Städte bekamen ein Vorkaufsrecht und einen Sonderpreis. Ein Glücksfall für München, das schon damals aus allen Nähten zu platzen drohte und dringend neuen Wohnraum brauchte: Insgesamt 300 Hektar Gelände, auf acht Flächen in ganz München verteilt.

Spannende Lage

Elisabeth Hesses Ackermannbogen war eine davon. Mit 39,5 Hektar nicht die größte der frei gewordenen Militärflächen – das ist die Nordhaide, wo heute Schafe in unmittelbarer Nachbarschaft zur neu entstandenen Wohnsiedlung grasen – aber in einer spannenden Lage: Am Rande Schwabings, direkt neben dem Olympiagelände. Mit unzähligen uralten Bäumen bewachsen.

Und das war schnell oberste Priorität: Wie können möglichst viele der Bäume erhalten bleiben? Einfach, erzählt Hesse, war das nicht. Etwa 2200 Wohnungen sollten entstehen, dazu sechs Kindergärten, Spielplätze, ein Supermarkt. Dazu aber musste der Boden sicher sein, „altlastenfrei“. In Schwabing, das während der Weltkriege heftig bombardiert wurde, keine Selbstverständlichkeit. Nicht nur auf Militärgelände. Viele Bäume mussten weichen, damit die Fachleute sicherstellen konnten, dass sich darunter keine Sprengmittel mehr verbargen. Doch viele Bäume konnten auch gerettet werden.

„Schauen Sie sich diesen Blick an!“, ruft Hesse plötzlich und bleibt auf dem Weg durch das Viertel stehen. Zwischen zwei Häusern hindurch schaut man hier vorbei an riesigen Bäumen direkt auf den Olympiaturm. „Diese alten Bäume schaffen eine Atmosphäre, das bekommt man sonst gar nicht hin“, sagt Hesse. Ein neues Stadtviertel zu planen, das harmonisch in seine Umgebung passt und doch seinen eigenen Charakter hat, das ist eine Herausforderung. „Das ist mein Baby“, sagt Hesse. Sie lächelt und deutet auf ihre Brille: „Wenn ich eine neue Brille habe, ohne dass sie jemandem auffällt, dann bedeutet das, dass sie richtig zu mir passt.“ Genau so sei es bei der Stadtplanung. Unzählige Ausschreibungen und Wettbewerbe gab es, oft geht es um kleinste Details: Das Muster zum Beispiel, das das Geländer der neuen Brücke ziert, die den Ackermannbogen mit der nahen Grundschule verbindet, findet sich auch auf der Lärmschutzwand am anderen Ende des Viertels: „Das sind die kleinen Details, die einem nur auffallen, wenn sie nicht stimmen“, sagt die Stadtplanerin.

Ruhiges und grünes Viertel

Im Jahr 2000 war Baubeginn, heute wohnen 5556 Menschen dort, wo früher die Soldaten trainierten. Aus dem Militärschulungsgebäude ist eine Mittelschule geworden, energetisch saniert, topmodern. Ein weiteres Kasernengebäude ist heute ein Studentenwohnheim, der Hubschrauberlandeplatz ein Biotop.

Es ist ruhig. Ein Spielzeugtraktor steht auf dem Weg, vor den Häusern parken Fahrräder. Es gibt keine Querstraßen durch das Areal und damit auch keinen Durchgangsverkehr. Die Anwohner parken in Tiefgaragen, direkt unter den Häusern. Und was das für Häuser sind: Der Spaziergang durch das Viertel gleicht einem Spaziergang durch eine Architekturzeitschrift. Da gibt es Atriumhäuser, Stadthäuser, einen Wohnturm, Reihenhäuser, Apartmentblocks. Im Westen ist ein Rodelhügel entstanden, darunter verbirgt sich ein gigantischer Wärmespeicher, der aus den anliegenden Reihenhäusern mit Sonnenkollektoren auf den Pultdächern gespeist wird und 319 Wohnungen mit Energie versorgt. Einen anderen Teil des Viertels haben Baugruppen und Genossenschaften gestaltet, dort gibt es Dachgärten und eine Kreativgarage mit Werkstatt und Medienraum, ein Café und eine Nachbarschaftsbörse, Besucherwohnungen, Flohmärkte, Wochenmärkte und eine Nachbarschaftszeitung. So ist am Ackermannbogen ein kleines Dorf mitten in der Stadt entstanden, mit vielen Bewohnern, die sich für ihr Viertel einsetzen.

Bewohner wollen mitreden

Und die mitreden wollen. Drei Bauabschnitte sind fertig, inzwischen steht im Südwesten des Viertels auch der Rohbau für den Supermarkt. Endlich. Elisabeth Hesses Lächeln wirkt ein wenig angespannt, als sie von den vielen Anfragen der Bewohner erzählt. Die einen wollten den Markt im Zentrum haben, die anderen hatten Bedenken wegen des Verkehrs. Die einen wollten ein möglichst großes Sortiment, die anderen lieber kleine Läden. Und der Supermarkt ist nur die Spitze des Eisbergs. Wege, Grünflächen, ein Hügel am Straßenrand: Die Bewohnerschaft will mitplanen.

Manchmal, das gibt Hesse zu, sei das anstrengend: „Schließlich haben wir uns bei unseren Planungen ja was gedacht.“ Aber eigentlich, sagt sie, und schaut versöhnlich einer Gruppe Mütter nach, die mit ihren Kinderwagen den Weg entlang joggen, eigentlich sei es ja toll, wenn sich die Menschen so mit dem neuen Viertel identifizieren: „Das haben wir schon ganz gut geschafft.“

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