mz_logo

Bayern
Montag, 18. Dezember 2017 5

MZ-Serie

Ein Traum für jeden Stadtplaner

München verändert das Gesicht: Seit 25 Jahren plant und gestaltet Erhard Thiel das 178 Hektar große Areal vom Hauptbahnhof über Pasing bis Laim.
Von Katia Meyer-Tien, MZ

  • Die neue Stadteinfahrt im Westen: Am Arnulfpark schützen moderne Bürogebäude die dahinter liegenden Wohnungen vor Bahnlärm. Foto: Erhard Thiel
  • Erhard Thiel plant seit mehr als 25 Jahren die Bebauung der Zentralen Bahnflächen. Foto: Meyer-Tien
  • In Nymphenburg Süd ist ein neues Schlossviertel entstanden. Foto: Erhard Thiel

München.Manchmal findet ein Mann seine Lebensaufgabe. Oder vielleicht findet sie ihn, wie bei Erhard Thiel. Der kam vor 64 Jahren im Rheinland zur Welt, studierte in Stuttgart Architektur und Städtebau, dann verschlug es ihn nach München, wo er an der Technischen Universität arbeitete. Schon damals war klar: Wenn die Deutsche Bahn irgendwann einmal ihren Rangierbahnhof und ihren Containerbahnhof aus der Stadtmitte an den Stadtrand verlegt, werden hier riesige Flächen frei. Und schon damals machte sich Erhard Thiel gemeinsam mit seinen Studenten Gedanken darüber, was dort entstehen könnte: 178 Hektar Fläche, mitten in der Stadt, direkt an den Bahn- und S-Bahngleisen zwischen Hauptbahnhof und Pasing. Ein Traum für jeden Stadtplaner. Und als es Mitte der 1990er Jahre so weit war, da stand Thiel bereit: Seit 25 Jahren koordiniert er nun im Münchner Planungsreferat die Umstrukturierung der zentralen Bahnflächen. Und bestimmt maßgeblich mit, wie sich die Hauptstadt heute und in Zukunft präsentiert, wenn man von Westen her in die Stadt hineinfährt.

Platz für 17 200 Einwohner

Erhard Thiel steht in einem Büro, in dem man die Farbe der Wände kaum mehr erkennen kann. Überall hängen Pläne der fünf großen Teilbereiche seiner Baustelle, hunderte Aktenordner reihen sich in mehreren Regalmetern rund um den Raum, Bauleitpläne, Konzepte und Luftbildausdrucke bedecken den Schreibtisch. Er spricht ruhig und sachlich, Worte wie „teilflächenübergreifendes Gesamtkonzept“ und „urbane Kristallisationskerne neben Stadtrandbebauung“ füllen den Raum, und man ahnt, wie anspruchsvoll seine Aufgabe ist,

1997 fiel der Startschuss. Es war ein holpriger Start, denn es gab Unstimmigkeiten zwischen Stadt und Bahn über den Umzug des Rangierbahnhofs. Langwierig waren die Diskussionen und Genehmigungsverfahren, Bahngelände mussten entwidmet und Leitungen verlegt werden, ohne den stets laufenden Bahnbetrieb zu stören. Nervenaufreibend, sagt Thiel. Um die Jahrtausendwende aber, nach einem großen städtebaulichen Wettbewerb, stand dann das Konzept: „kompakt-urban-grün“ war die große Überschrift. Wohnungen für rund 17 200 Einwohner sollten entstehen, dazu Büroflächen für 21 300 Arbeitsplätze: Würden sich alle Einwohner Kelheims auf einmal entscheiden umzuziehen, hier könnten sie unterkommen. Dabei sollte sich alles harmonisch in die jeweiligen Stadtteile einfügen, auch Kindergärten, Schulen und Einkaufsmöglichkeiten mussten mit geplant werden. Und Grünflächen: 17 Quadratmeter Grün pro Einwohner haben sie sich damals zum Ziel gesetzt, erzählt Thiel, und dass man aus heutiger Sicht wohl besser etwas dichter gebaut hätte, aber nun sei es eben so.

Münchner wollten keine Türme

Jahrelang musste Thiel warten, bis das, was er nur vom Papier kannte, tatsächlich in den Himmel wuchs. „Man braucht viel Geduld“, sagt er. Aber dann ging es los: Als Erstes entstand der Arnulfpark. Wer nun mit der S-Bahn auf der Stammstrecke stadteinwärts fährt, der sieht zwischen Hackerbrücke und der Donnersbergerbrücke vor allem hochmoderne Bürogebäude: Schallschutz für die dahinter liegenden Wohnungen und den neu angelegten Park, dazwischen ragt der neue Mercedes-Turm 65 Meter in die Höhe. Türme waren dann auch im Teilabschnitt Hirschgarten geplant, 120 Meter hoch, doch die Münchner protestierten: Sie wollten sich die Aussicht vom Nymphenburger Schloss aus nicht verschandeln lassen. Mit Ballons testeten die Planer daraufhin, wie hoch die neue Bebauung werden kann. Nun sind die höchsten Häuser 60 Meter hoch. Und werden teuer verkauft: Bei schönem Wetter kann man von ihnen aus die Alpen sehen. In Nymphenburg Süd hingegen ließen die Planer ein Schlossviertel entstehen, offene Strukturen und viel Grün prägen das Bild.

Nicht alles ist so geworden, wie Thiel und sein Team sich das ursprünglich gedacht hatten: Sie hätten sich in den Erdgeschossen der Wohnblöcke mehr Geschäftsflächen gewünscht. Für die Investoren aber sind Läden nicht so interessant wie Wohnungen, die teuer verkauft werden können, erzählt Thiel: Läden müssen vermietet oder verpachtet werden und bedeuten eine langfristige Verpflichtung. Thiel macht das nachdenklich: „Da fragt man sich schon: Wie nachhaltig sind diese Strukturen? Was passiert, wenn die Bewohner älter werden und nicht mehr so weit zum Einkaufen laufen können?“

Ergebnis kann sich sehen lassen

Das aber sei ein Problem in fast allen neuen Münchner Stadtvierteln. Und insgesamt schaut Thiel sehr versöhnlich auf seine Arbeit. Oft gehe er durch die neu entstandenen Areale: „Das Ergebnis kann sich sehen lassen, auch im Vergleich mit anderen Projekten bundesweit“, sagt er und erinnert daran, dass die Planungen zu Stuttgart 21 etwa zeitgleich mit seinem Projekt begannen.

Momentan arbeitet Thiel noch am Umbau Pasings. Die Südseite des Bahnhofs ist schon umgestaltet, auf der Nordseite soll nun noch ein Fußgängerbereich mit perfekter Verkehrsanbindung und Fahrradparkhaus entstehen. Auch hier steckt der Teufel im Detail: Radwege mit Brücken, Unterführungen, alles muss perfekt geplant und dann durch alle Instanzen vorangetrieben werden. Zermürbend, manchmal, aber Thiel kennt das. In zwei bis drei Jahren soll Pasing fertig sein. Dann geht Erhard Thiel in Rente.

Die Kommentarfunktion steht exklusiv unseren Abonnenten zur Verfügung. Als Abonnent melden Sie sich bitte an oder registrieren Sie sich. Alle anderen Nutzer finden preiswerte Angebote in unserem Aboshop.

Anmelden Registrieren Zum Abo-Shop

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht