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Bayern
Montag, 18. Dezember 2017 5

MZ-Serie

Gute Noten können unbeliebt machen

In der aktuellen Folge der Erziehungsserie mit Ludwig Haas geht es um Kinder, die besonders fleißig sind.
Von Ludwig Haas

Fleissige Schüler sind bei den Lehrern beliebt, aber den Mitschülern oft ein Dorn im Auge. Foto: dpa

Regensburg.Sie sind die Lieblinge der Lehrer, der Bildungspolitiker, von Mama und Papa. Sie haben stets ihren Zeigefinger oben, melden sich ständig, haben in Mitarbeit und Fleiß ein „sehr gut“, wissen zu jeder Frage eine Antwort. Sie erscheinen nie ohne Hausaufgabe, retten Lehrer und Referendare beim Besuch des Direktors in der Klasse, überzeugen durch vorbildliche Heftführung. Sie wischen die Tafel und leihen dem Lehrer das Mathebuch.

Trotz aller Vorzüge bleibt ihnen meist die soziale Anerkennung durch die Mitschüler verwehrt. Denn: Sie kennen sich in der Kneipenszene nicht aus, weil sie zuhause das Lernen dem Partymachen vorziehen, in Musiker-und Sportlerkreisen nicht punkten können, weil sie weder Jogi Löw noch Ronaldo oder Rihanna kennen. Auch modisch fallen sie meist aus dem Rahmen, tragen Biederes statt Trendiges.

Die Grundlage ist der Neid

Warum zählen Schüler mit guten Noten oft nicht zu den Sympathieträgern, obwohl in den Jugend-Studien die Leistungsbereitschaft sehr hoch bewertet wird? Oft hat das mit Neid zu tun, denn auch ein schlechter Schüler würde gern eine gute Note nach Hause tragen. Nachdem dieser sein Hauptwirkensgebiet mehr in der Welt der Musikcharts, Champions League, Simpsons, Smartphones oder des Privatfernsehens sieht, driftet er oft ins schulische Mittelmaß ab. Also werden gute Noten kaputt geredet, ins Lächerliche gezogen, mit einem Negativimage belegt, um die eigene Mittelmäßigkeit zu rechtfertigen. Insgeheim beneiden aber die Faulen oft den Streber.

Unsympathisch kommt der Streber auch deshalb oft daher, weil er über begrenzte soziale Fähigkeiten verfügt, es ihm am nötigen coolen Umgang mit Gleichaltrigen fehlt. Während er in häuslicher Abgeschiedenheit sein Hausaufgabenpensum abarbeitet, ist der Rest der Klasse in der Stadt unterwegs, blödelt in Jugendtreffs herum, frönt einer sportlichen Freizeitaktivität, ratscht und tratscht sich durch den Nachmittag, erweitert eher so seine Kommunikationsfähigkeit als sein Wissen. Der Streber bekommt seinen Kick nicht aus dem banalen Gespräch mit dem Mitschüler, sondern eher im regen Gedankenaustausch mit dem Lehrpersonal oder der Bücherwelt. Das kommt bei Mitschülern nicht gut an.

Der Streber ist übrigens eine typisch deutsche Angelegenheit. Jemand der ehrgeizig, fast verbissen und fleißig, oft egoistisch um seinen Erfolg bemüht ist, der sogar in der Schule, „diesem grausigen Ort“ Spaß findet und deshalb wohl auch nicht richtig dazugehört. Während in deutschen Schulen ehrgeizigen Schüler oft ein Outsider-Dasein droht, wogegen das Faulsein oft mit Coolness und Lässigkeit verbunden wird, ist dies in England, den USA, Kanada, Skandinavien oder Asien nicht der Fall. Dort wird der schulischen Neidhammel- und Missgunstmentalität entgegengearbeitet. In Rundbriefen und den „assemblies“, den täglich oder wöchentlich stattfindenden Schülervollversammlungen, werden die Schüler genannt, die akademisch viel leisten. Aber auch die sich in Sport, Musik, Kunst, Theater oder Schülerzeitung hervortun, oder durch soziale Leistungen auffallen. Auch bei uns entwickelt sich manches in diese Richtung.

Gute Noten und Unbeliebtheit

Im deutschen Sprachraum scheint ein „Zusammenhang zwischen guten Noten und Unbeliebtsein, zwischen positiver schulischer Leistung und negativer Sanktionierung zu bestehen“, wie Prof. Klaus Boehnke von der International University Bremen es formuliert. Wenn der Schulerfolg das Ergebnis intensiven Lernens ist und nicht einer natürlichen Begabung zugeschrieben wird, gerät man bei Mitschülern schnell in Erklärungsnot. Das Damoklesschwert des Mobbing hängt knapp über einem.

Zuweilen wird aber auch der Streber gebraucht. Man schreibt die Hausaufgaben von ihm ab, er erteilt kostenlos Nachhilfe, hilft beim Referat, man arbeitet gerne in seiner Arbeitsgruppe, weil das gute Noten garantiert. Dass er am Stand von Greenpeace oder Amnesty steht, im Schultheater oder Schulorchester das Schulleben bereichert, erwartet man ebenfalls von ihm. Der „Sozialstreber“ lässt sogar in Tests abschreiben und hat einen guten Einfall für den Abistreich. Das verlangen die anderen auch von ihm, denn „du mit deinen guten Noten kannst dir das leisten, dir können die Lehrer ja nichts anhaben“.

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