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Historische Nebenbahnen
Samstag, 25. März 2017 16° 3

geschichte

Sechs Kilometer Gleis bis zum Holocaust

Auf der Eisenbahn-Nebenstrecke von Floß nach Flossenbürg wurden Nazi-Gefangene ins Konzentrationslager transportiert.
von Isolde Stöcker-Gietl, MZ

  • Lebt heute in Brasilien: Alexander Laks
  • Regisseur Jack Garfein

Flossenbürg. Es ist der Geruch des Todes. Eine Mischung aus Körperausdünstungen und Angstschweiß. Er durchdringt jede Ritze in dem völlig überfüllten Eisenbahnwaggon. Die Menschen wimmern, stöhnen, weinen. Der beißende Gestank trübt die Sinne, nimmt dem Körper die letzte Kraft. Ist das nun das Ende?

Bis heute trägt Jakob Garfein diese Bilder in sich. 14Jahre war er damals alt, als er in dem Zug nach Flossenbürg saß. Er hatte es geschafft, das KZ Auschwitz zu überleben, auch den folgenden Todesmarsch. Er wusste nicht, wohin er jetzt gebracht wurde. „Mein Gefühl sagte mir, dass die Erwachsenen mit dem Tod rechneten.“ Doch er wollte nicht sterben. „Meine Gedanken in Flossenbürg kreisten darum, jeden Tag zu überstehen, ja nichts zu tun, wodurch ich aufgefallen wäre.“ Das sei damals seine größte schauspielerische Leistung gewesen. Seine Fahrt nach Flossenbürg führte nicht in den Tod. Aus Jakob wurde Jack Garfein, ein gefeierter Regisseur.

Im Zug ins Arbeitslager

Es ist das dunkelste Kapitel in der Oberpfälzer Eisenbahngeschichte: Auf der sechs Kilometer langen Nebenstrecke zwischen Floß und Flossenbürg wurden zwischen 1938 und 1945 Gefangene des Nazi-Regimes mit Zügen der Deutschen Reichsbahn ins Konzentrationslager gebracht. Flossenbürg galt als Arbeitslager. Es sollte nicht allein dazu dienen, politische Gegner des Nationalsozialismus zu internieren und zu terrorisieren. Die SS wollte auch wirtschaftlichen Profit aus der Häftlingsarbeit ziehen, heißt es in einer Dokumentation der Gedenkstätte Flossenbürg. In dem Lager wurden anfangs politisch Andersdenkende, Homosexuelle und Obdachlose ausgebeutet. Später kamen jüdische Häftlinge sowie polnische und russische Gefangene dazu.

Jack Garfein ist Jude. Im Mai 1944 wurde er zunächst nach Auschwitz deportiert. „Mein Weg nach Flossenbürg begann mit dem Todesmarsch von Schlesien in Richtung Reichsmitte“, erinnert er sich im MZ-Interview. Während der Deportation musste der in Mukatschewe (damals Tschechoslowakei, heute Ukraine) geborene Jakob Todesangst durchleben. So bückte sich der entkräftete Junge auf dem Marsch, um aus einer Pfütze zu trinken. Ein SS-Mann hielt ihm eine Waffe an den Kopf und befahl ihm, sofort wieder aufzustehen, sonst würde er abdrücken. „Bis heute weiß ich exakt die Stelle, wo der Lauf der Waffe meinen Kopf berührte.“ Irgendwann erreichten sie einen Bahnhof und Garfein stieg mit den anderen Gefangenen in die Waggons. Dann setzte sich der Zug in Bewegung – für die Reise ins Ungewisse.

Die Deutsche Reichsbahn erhielt vom Reichssicherheitshauptamt unter Führung von Adolf Eichmann die Aufträge für die Transporte in die Konzentrationslager. Die Massentransporte in den Tod wurden als „Reisesonderzüge“ unter einem großen bürokratischen Aufwand abgewickelt. Im Juli 1941 wurde für die Beförderung von „Juden und fremdvölkischen Personen zur Aussiedlung aus dem Deutschen Reich“ ein Tarif von zwei Reichspfennig je Kilometer, „der halbe Fahrpreis 3. Klasse“, erhoben. Zunächst kamen Personenwagen zum Einsatz, später auch spezielle gedeckte Güterwagen, die eigentlich für Militärtransporte vorgesehen waren.

„Er wollte mich umbringen“

In so einem Waggon saß vermutlich auch Jack Garfein. Er beschreibt ihn als „Viehwaggon, der mit 80 bis 100 Menschen besetzt, brechend voll war.“ Es sei unmöglich gewesen, die Beine auszustrecken. „Ich setzte mich auf den Boden – mit den Knien angezogen bis zur Brust.“ In seiner Hosentasche bewahrte Jack Garfein bei seiner Fahrt nach Flossenbürg noch ein Stückchen Brot auf. Ein Erwachsener bemerkte das und fasste den Entschluss, den Jungen für diese kleine Essensration zu töten. „Er setzte sich mit aller Gewalt auf mich. Er versuchte mich umzubringen“, schildert Garfein die Geschehnisse. „Ich biss so fest in seinen Oberschenkel, dass er schrie und von mir abließ.“

Die Ankunft in Flossenbürg kann der heute 81-Jährige nur noch vage beschreiben. „Ich erinnere mich an frische Luft und was für eine Befreiung das war, nach dem entsetzlichen Gestank im Viehwaggon.“ Er habe auch so etwas wie Hoffnung gefühlt, sagt Garfein. „Die zivilisierte Atmosphäre der Gebäude und Straßen gaben mir ein sichereres Gefühl – anders, als wenn wir in einem Lager oder auf einem Feld angekommen wären.“ Doch der Schein trügte, wie der 14-Jährige erkennen musste. Flossenbürg diente Hitler als Materiallieferant für seine mächtigen Bauwerke. Granit für das Reichsparteitagsgelände in Nürnberg und später für die geplante Welthauptstadt Germania. „Ohne Sicherheitsvorkehrungen, schlecht bekleidet und bei jedem Wetter mussten sie Erde abtragen, Granitblöcke absprengen, Loren schieben und Steine schleppen. Unfälle waren an der Tagesordnung.

Kälte, harte Arbeit, völlig unzureichende Ernährung und die willkürliche Gewalt von SS-Männern und Kapos führten zum Tod vieler Häftlinge, heißt es in der Dokumentation der Gedenkstätte. Täglich verließen bis 1943 Züge mit dem Granit den Bahnhof. Später wurden die Häftlinge in der Kriegsmaschinerie eingesetzt. Für Messerschmitt bauten sie nahe Flossenbürg das Jagdflugzeuge Me 109.

Für Garfein waren in der Oberpfalz die grausamsten Kapos. Am Ende – als über 15000 Menschen unter menschenunwürdigsten Bedingungen in dem Lager untergebracht waren – gab es 3000 Wachposten, darunter 500 Frauen. „Ihre Peitschen waren mit Leder umwickelt und sie schlugen die Menschen ins Gesicht und auf den Kopf.“

Schikaniert, ausgebeutet, getötet

Daran kann sich auch Alexander Laks erinnern, ein Flossenbürg-Überlebender, der heute in Brasilien zu Hause ist. Am MZ-Telefon schildert er den Albtraum, der ihn bis zum Ende seines Lebens begleiten wird. „In Flossenbürg wurde mein Vater ermordet. Ich war 16 Jahre alt und musste mit ansehen, wie er erschlagen und auf einem Scheiterhaufen verbrannt wurde.“ Flossenbürg beschreibt der 83-Jährige als schlimmstes Konzentrationslager – noch brutaler als Auschwitz, wo seine Mutter vergast wurde. „Es gab fast kein Essen, Schläge und ständig Appelle, Appelle, Appelle.“

Im KZ Flossenbürg und seinen Außenlagern verloren 30000 Menschen ihr Leben. 100000 Menschen wurden inhaftiert. Solange sie als Arbeitskraft dienten, wurden die Gefangenen schikaniert und ausgebeutet, dann getötet. Es habe auch Capos gegeben, die die Jungen im Lager zu homosexuellen Handlungen zwangen, erinnert sich Jack Garfein. „Mein Onkel riet mir, mich krank und schwach zu stellen, um sie abzuschrecken. Ich glaube, das war einer der besten meiner ersten Schauspielversuche“, sagt der 81-Jährige, der später mit Stars wie James Dean und Marilyn Monroe arbeitete.

Irgendwann spürten die Gefangenen in Flossenbürg, dass der Krieg bald zu Ende gehen würde, sagt Garfein. „Die russischen Kriegsgefangenen fürchteten die kommende Befreiung. Sie hatten Angst davor, von der Sowjetunion bestraft zu werden, weil sie kapituliert hatten.“ Garfein wurde noch vor der Einnahme durch die Amerikaner von Flossenbürg ins Arbeitslager Ohrdruf gebracht und von dort ins KZ Bergen Belsen, wo er am 15. April 1945 von den Briten befreit wurde. Der heute in Paris und Los Angeles lebende Garfein, der mit der Schauspielerin Carroll Bakker zwei Kinder hat, verlor durch den Holocaust seine gesamte Familie.

Auch Alexander Laks blieb allein zurück. Als Flossenbürg am 16. April von der SS geräumt wurde, wurde er mit anderen Häftlingen in einen Zug Richtung Bodensee gebracht. An Details kann er sich kaum erinnern. Aber er sei sicher gewesen, dass es eine Fahrt in den Tod werden würde. „Ich wog nur noch 28 Kilo. Eigentlich hatte ich mit meinem Leben abgeschlossen“, schildert er die letzten Tage vor der Kapitulation. „Ich war ohne Eltern, ohne Freunde, ohne Perspektive, ohne Zukunft.“ Doch Laks überlebte und hielt das Versprechen an seinen Vater, der Welt von den Verbrechen zu erzählen.

Jack Garfein und Alexander Laks haben die Gedenkstätte besucht. Laks will im Juli wiederkommen. Die Holocaust-Überlebenden blicken nicht im Zorn zurück. Doch sie wollen, dass künftige Generationen wissen, wofür Flossenbürg sieben Jahre lang stand.

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