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Im Museum
Samstag, 16. Dezember 2017 10

Serie

Besuch bei den Sprach-Anarchisten

Unglaublich clever, unglaublich komisch: Das „Musäum“ in München ist eine Hommage an Karl Valentin und Liesl Karlstadt.
Von Thomas Dietz, MZ

„Ich bin kein direkter Rüpel, aber die Brennnessel unter den Liebesblumen“ (O-Ton Karl Valentin). Musäums-Direktorin Sabine Rinberger vor einem Foto des jungen Künstlers: „Falentin, nicht Walentin!“ Fotos: Thomas Dietz

München.Natürlich könnte man hier den ganzen Tag verbringen. Aber mehr als zwei Stunden Valentin-Karlstadt-Musäum hält kaum einer durch. Dann ist man vom Schauen und vom Lachen erschöpft und wankt die steilen Stiegen hinauf ins Turmstüberl.

Das achteckige Café mit Aussicht unterm Dach des südlichen Isartorturmes zählt zu den schönsten, gemütlichsten und urigsten in München. Seit knapp drei Jahren wird es von Bernadette Obergrußberger bewirtschaftet, Nachfolgerin der stadtbekannten Allround-Künstlerin Petra Perle.

Wie schade, dass Karl Valentin, dieses komische Großgenie (Nachname „Wrrdlbrmft“), in dieser dunklen Zeit lebte. Seine letzten Lebensjahre bis zum Tod am Rosenmontag 1948 waren jammervoll: kein Mensch wollte den bizarren Sprach-Anarchisten („Mögen hätt ich schon wollen, aber dürfen hab ich mich nicht getraut.“) mehr sehen; man hatte andere Sorgen. Halb verhungert versuchte er, sich mit Drechsler-Arbeiten zu überleben.

Heute wäre Karl Valentin ein Star mit gigantischen Fernsehshows oder aufwändigen Kinofilmen. Wie so viele Künstler, die ihrer Zeit weit voraus waren, wird er eigentlich immer besser, immer aktueller: wie oft hat man ausgiebig Gelegenheit, sich „wie der Buchbinder Wanninger vorzukommen“.

Die Stadt München, die heute so stolz und glücklich mit dem Valentin-Karlstadt-Musäum ist (mehr als 70 000 Besucher im Jahr) und die die Neugestaltung der Ausstellung seit 2008 großzügig förderte, dachte damals ganz anders. 1953 bot ihr die notleidenden Familie Valentin den Gesamt-Nachlass zum Kauf an, was mehrmals abgelehnt wurde. Kein Interesse.

Kein Interesse am Nachlass

Recht eindrucksvoll dargestellt: ein ganzes Nest mit ungelegten Eiern.

Dokumente und Exponate wanderten komplett nach Köln in die Sammlung des Theaterwissenschaftlers Carl Niessen (1890-1969; heute im Schloss Wahn) – zum Spottpreis von 7000 DM.

Und es war auch wieder ein Privatmann, der Schriftsteller und Kunstmaler Hannes König (1908-1989), der 1959 in den Isartortürmen das Valentin-Musäum eröffnete, das heute von Direktorin Sabine Rinberger geleitet wird. Valentins Leben und Taten ergänzen die glänzend gestalteten Abteilungen über seine Partnerin Liesl Karlstadt (1892-1960) und eine ebenso schöne über die Münchner Volkssänger.

Viele andere Künstler haben in Karl Valentin ihren größten Lehrmeister gesehen: Loriot, Gerhard Polt, sogar der spröde Samuel Beckett. Und Bertolt Brecht meinte mit seinem V-Effekt weniger „Verfremdung“ als „Valentin“.

Es ist eben die höchste Kunst, mit spärlichen Worten größtmöglichen intellektuellen Tumult zu entfachen. Allein für den „Theaterbesuch“ (im Musäums-Kino zu sehen) hätte K. V. einen Literaturpreis verdient: Sie (Liesl Karlstadt) erklärt ihrem Mann (Karl Valentin), dass sie gerade zwei Theaterbilletten für den Faust geschenkt bekamen. Sie schreiben eilig einen Zettel an ihren Sohn: „Lieber Bub. Wir sind nicht da, weil wir abwesend sind. Solltest du das Essen lieber kalt mögen, brauchst du es nicht warm zu machen. Deine fortgegangenen Eltern.“

Valentins Kindheit verlief nicht glatt. Die ältere Schwester Elisabeth starb mit fünf Monaten. Kurz nach Valentins Geburt am 4. Juni 1882 starben seine beiden Brüder Karl (6) und Max (9) innerhalb von vier Wochen an Diphtherie. Valentin, der Valentin Ludwig Fey hieß, nannte sich später nach dem verstorbenen Bruder Karl.

Den Tod der Söhne hat die Mutter nie verwunden. Als letztes Kind wurde Valentin verhätschelt wie nur was. Die Eltern vermittelten ihm das Gefühl, etwas ganz Besonderes zu sein.

Vater Hesse, Mutter Sächsin

Einerseits muss es zu Hause sehr lustig zugegangen sein: Der humorvolle Vater Johann Valentin Fey, eingeheirateter Kompagnon bei der Spedition seines Schwiegervaters, stammte aus dem südhessischen Darmstadt, während seine Mutter Sächsin war: „Also“, meinte Valentin, „das ideale Gemisch für ein echtes Münchner Kindl.“ Andererseits konnte sich die Mutter bei ihrem Sohn nicht recht durchsetzen und drohte darum immer mit dem bösen „Wuhwuh“. Wenn das Kind etwas angestellt hatte, zog sie sich einen Sack über den Kopf und spielte den tobenden „Wuhwuh“. Valentin schrieb in seiner Autobiografie, dass diese Schocks für seine Kinderseele wohl die Ursache für alle späteren Hemmungen und Komplexe waren.

In der Ausstellung ist eine Zeichnung zu sehen: „Karl Valentin lässt sich vor dem Auftritt hypnotisieren“. Der asthmakranke Künstler litt unter Lampenfieber, hatte Angst, seinen Text zu vergessen, Angst vor Reisen, Krankheiten, Fahrzeugen aller Art und sogar davor, vergiftet zu werden. Viele Pointen sind, ohne dass man es merken muss, Reaktionen auf seine seelische Verfassung, z. B. der Dialog „Beim Arzt“: „Gar nicht krank ist auch nicht g’sund“. All dies führte zum Universalgenie Karl Valentin, dem hageren Komiker, Stückeschreiber, Schauspieler, Filmemacher („der deutsche Buñuel“), Wortakrobaten („der erste Dadaist“), Sammler und Volkssänger.

Fotos, Briefe, Programme, Plakate, Requisiten, Originalpuppen und -instrumente, Filme, Tondokumente – mehr als 500 Objekte – lassen, teils ergötzlich, teils bewegend, Karl Valentins Leben an einen herantreten. Liesl Karlstadt, die eigentlich Elisabeth Wellano hieß, kommt dabei nicht zu kurz. Man beachte den eisernen Nagel, „an dem K. V. den erlernten Beruf des Schreiners für immer aufhängte.“

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