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Im Museum
Montag, 18. Dezember 2017 5

MZ-Serie

Der Mensch denkt mit den Händen

Das „Museum Kulturgeschichte der Hand“ in Wolnzach ist einzigartig. Das sensible Werkzeug ist immer noch „unbegreiflich“.
Von Thomas Dietz, MZ

  • Museumsgründer und Sammler von allen Objekten zum Thema Hand: Elektro-Handwerker Norbert Nemetz aus Wolnzach hat über Jahrzehnte eine einzigartige Ausstellung zusammengetragen. Fotos: Gabi Schönberger
  • Das Hand-Männchen: Die Hände im Verhältnis der Großhirn-Anteile
  • Hände als Symbol: 1946 wurden SPD und KPD zur SED zwangsvereinigt.

Wolnzach.Sobald der Navigator behauptet „Sie haben Ihr Ziel erreicht“, haben Sie das „Museum Kulturgeschichte der Hand“ in Wolnzach noch nicht gefunden. Rechter Hand hängen Firmenschilder, mittendrin gut versteckt auch das des Museums. Die Straße „Am Brunnen“ hat eine Querstraße, die auch „Am Brunnen“ heißt. Sie führt zu den Restaurants Metzgerwirt und La Stalla mit Park-, Spielplatz und einem hübschen Gehege mit Hühnern und Ziegen an der Wolnzach – hier ist man richtig.

Das „Museum Kulturgeschichte der Hand“ gehört wohl zu den eigenartigsten Ausstellungen in Bayern. Zunächst kann man sich vielleicht nichts Rechtes darunter vorstellen. Die Hand ...? Immerhin wurde mitten im Hopfenland Hallertau, nicht weit von Wolnzach entfernt, Caroline Links Filmdrama „Jenseits der Stille“ gedreht, das vom Leben gehörloser Menschen und ihrer Gebärdensprache handelt.

Und wer glaubt, er habe dieses Museum, weil es nur 250 Quadratmeter klein ist, im Handumdrehen durchschritten, irrt. Unsichtbare Hände greifen nach dem Besucher, halten ihn zurück und raunen ihm Geheimnisse über das unglaublichste aller Körperteile zu. Die Hand ist so empfindlich, kompliziert und ausdrucksstark wie nichts anderes, nicht zu ersetzen, nicht zu kopieren, jedenfalls bis heute nicht, also eigentlich „unbegreiflich“.

Geheim: Die uralte Handlesekunst

Die Hand stellt so viel mehr dar als die Summe aus 27 Knochen, 33 Muskeln und 17 000 feinfühligen Sensoren, aus denen sie besteht und die Druck, Bewegungs- und Vibrationsreize aufnehmen – rund 140 pro Quadratzentimeter. Wir begreifen die Eigenschaften eines Objekts erst, wenn wir es in Händen gehalten haben, denn der Mensch begreift mit den Händen. Dieses Wunderwerkzeug unseres Gehirns führt 25 Millionen Bewegungen im Leben aus, unschätzbar viele Verrichtungen.

In sieben Räumen sieht man 800 Hand-Exponate – vom uralten „Geheimen Buch der Handlesekunst“ (Chiromantie) bis zu Roboterhänden oder den einzigartigen, sich niemals wiederholenden Papillarlinien des Fingerabdrucks. Die Hand als Symbol in der Werbung („Roth-Händle“) oder beim Maskottchen „Post-Rolf“, das 1993 für die neuen fünfstelligen Postleitzahlen warb („Fünf ist Trümpf“). Logos („SED“), das Victoryzeichen, die erhobene rechte Hand des friedlichen Indianers oder die geballte Faust, die Grußfloskel aus der Arbeiterbewegung. Es gibt Gesten-Landkarten und einen Gebärden-Fremdsprachen-Atlas. Der berühmteste Fall dürfte die taubblinde US-Schriftstellerin Helen Keller (1880-1968) sein, die mit Handzeichen und einem speziellen Finger-Alphabet kommunizieren konnte.

Auch Bayerns größter kleiner Finger, nämlich der von der kolossalen Münchner „Bavaria“, die über der Wies’n aufragt, ist vorhanden. Er wurde 1850 vom Königlichen Erzgießer Ferdinand von Miller hergestellt. Freunde und Persönlichkeiten bekamen einen Bronzeabguss des Fingers geschenkt, der später kurzerhand als Drei-Liter Bierkrug verwendet wurde.

Das „Museum Kulturgeschichte der Hand“ ist das Lebenswerk eines Privatmannes, des Elektrohandwerkers Norbert Nemetz (72). Das Foto in einem US-Magazin inspirierte den Vater von drei erwachsenen Kindern zu dieser ungewöhnlichen Sammlung. Es war das Pressefoto des Jahres 1980: „Hungersnot in Kurumoja, Uganda“ des britischen Fotografen Mike Wells. Es zeigt die Hand eines verhungernden afrikanischen Jungen in der Hand eines gut genährten, weißen Missionars. Dieses Motiv war für Nemetz der Auslöser, Objekte zum Thema „Hand“ zu sammeln. Nur ein Bruchteil davon kann im Museum gezeigt werden.

Der Liebling: Das Hand-Männchen

Geplant und eingerichtet wurde das Museum von dem Volkskundler, Biersommelier und Leiter des Wolnzacher Hopfenmuseums Dr. Christoph Pinzl. Am 18. Mai 2016 besteht das Museum Kulturgeschichte der Hand 20 Jahre. Unbestrittener Liebling der Ausstellung ist das weiße „Hand-Männchen“, auch „Homunculus“ genannt, mit seinen riesigen Händen und der großen Zunge: So sähe nämlich ein Mensch aus, wenn seine Körperteile das gleiche Größenverhältnis hätten wie die Gehirnareale, die sie steuern.

Jeder Bereich der Großhirnrinde kontrolliert die Empfindungen und Bewegungen eines bestimmten Körperteils. Allein die Region, die für Daumen und Zeigefinger zuständig ist, ist schon größer als der gesamte Fuß- oder der Gesichts-Bereich. Daran erkennt man, welch herausragende Rolle die Hand im menschlichen Organismus spielt: Die Hände sind übergroß, weil sie auch im Großhirn übergroßen Platz einnehmen. Arme, Beine und der Oberkörper sind weniger bedeutend. Natürlich kommen auch Hand-Rekorde vor: der Weltrekord im Fingerhakeln (einen 13-Tonnen-Lkw mit einem Finger in zehn Sekunden drei Meter weit ziehen) wird ebenso behandelt wie der Weltmeister im Händeschütteln (US-Präsident Theodore Roosevelt, der 1907 beim Neujahrsempfang 8513 Gästen die Hände schüttelte).

In einem Nachbau der 1994 entdeckten Chauvet-Höhle aus Südfrankreich entdeckt man zwischen Wandmalereien den ältesten „Handabklatsch“ der Menschheit: Diese handfesten Künstler-Signaturen sind 25 000 Jahre alt. Im Gästebuch liest man zum Beispiel: „Zweieinhalb Stunden vergingen wie im Fluge.“

Ein Schild gibt es hier übrigens nicht: Berühren verboten. „Das schien uns in einem Hand-Museum widersinnig“, sagt Norbert Nemetz.

Lage des Museums

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