mz_logo

Im Museum
Montag, 18. Dezember 2017 5

MZ-Serie

Die Schätze der Alten Hof-Apotheke

Im Museum am Sulzbach-Rosenberger Marktplatz erhalten Besucher Einblicke in ein halbes Jahrtausend Pharmazie-Geschichte.
Von Thomas Dietz, MZ

  • Dr. Eisenbarth (Hubert Bauer) bei der Museumseröffnung: Die Kugel des „Riechstockes“ war mit scharfwürzigen Kräutern gefüllt und bewahrte den Arzt bei manchem Krankenbesuch vor der Ohnmacht. Foto: Gabi Schönberger
  • „Gott hat gegen jede Krankheit ein Kraut wachsen lassen“, dachte man. Foto: Gabi Schönberger

Sulzbach-Rosenberg.Ein gewisses Gruseln überkommt einen ja immer, wenn man medizinhistorische Kabinette aller Art betritt. Ob es nun der Anblick verrosteten Wundarzt-Werkzeuges, der schmiedeeiserne Zahnarzt-Bohrer mit Fußpedalantrieb oder, wie hier, lateinisch beschriftete Glas- und Holzgefäße eines Apotheken-Museums sind. Sogleich muss man sich vorstellen, wie es wäre, diesen archaischen Techniken ausgeliefert zu sein.

„In diesem Falle nicht so schlimm wie Sie meinen“, sagt Dr. Markus Lommer, Gründer des „Museums Alte Hof-Apotheke“ in Sulzbach-Rosenberg, das nach 15 Jahren Generalsanierung kürzlich wieder eröffnet hat. „Die Medizin wurde damals sehr individuell umgesetzt, jede Arznei speziell für den einzelnen Patienten zubereitet.“

Das neue Museum in der „Alten Hof-Apotheke“ lädt mit zwölf kleinen Räumen auf 120 Quadratmetern zur Entdeckungsreise durch ein halbes Jahrtausend Oberpfälzer Pharmazie-Geschichte ein – von „Bettnässertropfen“, „Schießl’s Herbarium“ (1835), dem „Drogenkasten“ von 1888/89 unter Glas, Laborgeräten, Betäubungsmittelbüchern bis zum Türschild „Heute dienstbereit“: ein schönes Pendant zur Rosenberger Löwen-Apotheke von 1931 im Stadtmuseum.

Am besten lässt man sich fachkundig durch die Ausstellung führen. Markus Lommer etwa macht das vorzüglich. Er erbte die Apotheke von den Eltern. Pharmazie wollte er aber nicht studieren, sondern Theologie und Geschichte. Heute ist er Seelsorger an der OTH Amberg-Weiden und Stadtheimatpfleger von Sulzbach-Rosenberg.

Im Apothekengarten: Eibisch beruhigt Mund und Rachen bei Husten. Foto: Gabi Schönberger

Ohne Großes Latinum ging nichts

Oder die charmante Apothekerin Helma Koch, die unter anderem bei der Einrichtung mitgewirkt hat. „Ich wurde 1970 noch nach der alten Studienordnung geprüft. Ohne Großes Latinum durfte man sich gar nicht erst einschreiben. Für mich ist das hier alles raue Wirklichkeit – und ich gehöre quasi zum lebenden Inventar.“

Wenn Helma Koch keine Vorträge hält, führt sie durch die Ausstellung und haucht den Exponaten höheres Leben ein. „Kamille, Salbei, Thymian, das waren Hausmittel, mit denen Mutter und Oma selbstständig umgehen konnten.“ In den Apothekergärten hingegen wuchsen Giftpflanzen wie Tollkirsche, Fingerhut oder Oleander.

Wobei man vor Paracelsus (1493-1541) keine Ahnung hatte, wie und warum was wirkt. Man dachte, es käme nur auf den richtigen Zauberspruch an – Medicin, Pharmacie, Allchemie, Astrologie, Magie und Aberglaube waren noch nicht getrennt.

Ratgeber, wie man „Kranckheyten heilt“, 1703 „in Sultzbach“ gedruckt. Foto: Gabi Schönberger

Erste Hinweise auf den Ursprung des Sulzbacher Apothekenwesens fanden sich im frühen 16. Jahrhundert: 1536 befahl der Stadtrat der „Römer-Büttnerin“ ihr „haymlichs Gemach“ zu räumen, „bis die Apotheker von Nürnberg her kommen“. Das schien ein Versuch gewesen zu sein, die damals populären Kräuterweiber durch professionellere Kräfte zu ersetzen.

1541 wurde Mag. Hans Ehinger aus Eger als Stadtapotheker in Sulzbach eingebürgert – ein am Marktplatz ausgegrabenes Fläschchen „Augentrost 1556“ stammt womöglich von ihm.

In der Burg Sulzbach, die ab 1582 von Pfalzgraf Ottheinrich II. zur Wittelsbacher Residenz vergrößert wurde, gab es eine Hof-Apotheke mit Hof-Medicus – zunächst natürlich nur für Fürsten. Eine zweite Apotheke – Konkurrenz muss sein – entstand 1645 im Rathaus durch den neu bestellten Hof-Apotheker Johann Sebastian Mylius, Sohn des Bürgermeisters. Schließlich kam Josef Alois Schießl ins Spiel, der 1787 in die Hof-Apotheke eintrat, sie ab 1789 leitete und 1794 kaufte.

Lage des Museums

„... kurier’ die Leut’ nach meiner Art“

1918 erwarb Alois Lommer aus Amberg die inzwischen traditionsreiche „Schießl’sche Hof-Apotheke“. Sie wurde Ende 1992 geschlossen und nun als Museum eröffnet. Zwei Herren, die durch ihre prachtvolle Garderobe aus dem Rahmen fielen, waren bei der Museums-Eröffnung zugegen: der eine war Johann Andreas Eisenbarth (1663-1727) aus dem rund 70 Kilometer entfernten Oberviechtach, bürgerlich: Hubert Bauer, Schreinermeister. Bekannt ist das studentische Trinklied: „Ich bin der Doktor Eisenbarth, willewillewitt, bumbum! / Kurier’ die Leut’ nach meiner Art / willewillewitt, bumbum! / Kann machen, daß die Blinden geh’n / Und daß die Lahmen wieder seh’n“ – Eisenbarth hatte als Chirurgus und Arzneimittelhersteller aber unbestreitbare Erfolge.

Der andere war der Dichter, Hofkanzler, Kanzleidirektor und Universalgelehrte Christian Knorr von Rosenroth (1636-1689), dargestellt vom Ingenieur Günter Haller. Knorrs zweibändiges Handbuch der Jüdischen Mystik, die Kabbala denudata, wurde hier in der Nachbarschaft, bei Johannes Esaias von Seidel, gedruckt – heute „Historische Druckerei J. E. v. Seidel“.

Das Museum Alte Hof-Apotheke

  • Adresse

    Luitpoldplatz 6, 92237 Sulzbach-Rosenberg

  • Telefon

    (0 96 61) 87 75 20 (Stadtheimatpfleger) oder (01 72) 2 54 57 66 (Museums-Büro): nicht dauerhaft besetzt; ehrenamtlicher Betrieb

  • Öffnungszeiten

    Do. u. Sa. 14.30 bis 17.30 Uhr, an Markttagen, zum Altstadtfest, Tag des offenen Denkmals usw.

  • Eintritt

    Erwachsene drei Euro, ermäßigt 1,50 Euro (inkl. einmaliger Eintritt ins Stadtmuseum Sulzbach-Rosenberg)

  • E-Mail

    info@alte-hofapotheke-sulzbach.de, www.alte-hofapotheke-sulzbach.de

Seidel war ein verdienter Verleger, der zum Beispiel als erster Dr. Johannes Holst „Aufgang der Artzney-Kunst“ oder Johann B. Obermaiers erstes Standardwerk der Gynäkologie in Bayern, „Unterricht in der Entbindungskunst“ (1791), zu drucken wagte. Und beide kostümierte Herren haben ihre eigenen Festspiele! Das Doktor-Eisenbarth-Festspiel in Oberviechtach und die Knorr von Rosenroth-Festspiele im Sulzbacher Schloss.

Weniger bekannt ist, dass nach 1945 drei ausgebombte bzw. enteignete Pharma-Firmen aus dem Osten vom unversehrten Sulzbach-Rosenberg aus ihren Wiederaufbau organisierten: GEHE, Fahlberg-List und von Heyden. GEHE war Keimzelle zur Celesio AG, die heute 38 000 Mitarbeiter und mehr als 22 Milliarden Euro Umsatz hat.

Alle Teile unserer Museumsserie finden Sie hier.

Beliebte Museen in Ostbayern

Die Kommentarfunktion steht exklusiv unseren Abonnenten zur Verfügung. Als Abonnent melden Sie sich bitte an oder registrieren Sie sich. Alle anderen Nutzer finden preiswerte Angebote in unserem Aboshop.

Anmelden Registrieren Zum Abo-Shop

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht