mz_logo

Im Museum
Montag, 11. Dezember 2017 7

MZ-Serie

Die Vergangenheit ist gegenwärtig

Wer historische Statuen sehen will, muss nicht weit reisen. Das Museum für Abgüsse in München erhebt die Kopie zur Kunst.
Von Katia Meyer-Tien, MZ

  • Dass Herakles hinter seinem Rücken die drei Äpfel der Hesperiden hält, verrät ein Foto allein nicht. Auch deswegen braucht es Museen für Abgüsse. Foto: Meyer-Tien
  • Das Partheononmodel, eine Dauerleihgabe Foto: MFA Roy Hessing

München.Ingeborg Kader betrachtet die Dinge gerne mit etwas Distanz. Und so waren die Umstände, unter denen sie zur Museumsleiterin wurde, wohl angemessen: Im türkischen Hochland erreichte sie der Anruf. Gerade an dem Tag, als sie feststellen musste, dass auf ihre Ausgrabungsstätte über Nacht ein Meter Schnee gefallen war, der ihre Arbeit dort vorerst unmöglich machte.

1997 war das, seither ist Ingeborg Kader Hauptkonservatorin des Münchner Museums für Abgüsse Klassischer Bildwerke. Das liegt mitten im Münchner Museumsquartier, jenem Konfrontationspunkt grausiger NS-Vergangenheit mit modernster Wissenschaft und Kunst. Genau das ist Kaders Thema: die Begegnung der Vergangenheit mit der Moderne.

Ingeborg Kader leitet das Museum für Abgüsse in München. Foto: Meyer-Tien

Schon als Kind, sagt Kader, habe sie Archäologin werden wollen, „weil mir die Gegenwart nicht fruchtbar genug war. Aus der Gegenwart konnte ich damals nichts lernen“, sagt die kleine, schmale Frau, ihr Blick geht in die Ferne. Trotzdem hörte sie zunächst auf ihre Eltern. Die hielten Archäologie für brotlose Kunst, Kader studierte Jura. Bis um sie herum alle Absolventen plötzlich auf der Straße standen, weil es zu viele Juristen gab. Da sagte sie zu ihrem Vater: „Ich bin lieber eine glückliche arbeitslose Archäologin als eine unglückliche arbeitslose Juristin.“ Sie wechselte ihr Studienfach.

Heute arbeitet sie im großen Lichthof des ehemaligen NSDAP-Verwaltungsbaus, jetzt Haus der Kulturinstitute. Zerbrechlich wirkt sie zwischen den gigantischen Gipskörpern, die sich wie Boten ferner Länder und Zeiten im Hof präsentieren. Griechisch, römisch und letztlich doch alles nur Kopie. Knapp 2000 Gipsabgüsse historischer Figuren umfasst die Sammlung, etwa 800 sind momentan ausgestellt, ein Highlight der Sammlung ist ein farbiges Modell des Parthenon von Athen, eine Dauerleihgabe des New Yorker Metropolitan Museum of Art.

Statuen sind einfach anders

Seltsam mutet das an. Schließlich gibt es auch kein Museum für nachgemalte historische Gemälde, keinen Ausstellungsort für Kopien bedeutender Fotografien. Warum sind Statuen anders? Warum braucht man in München Gipsabgüsse von Statuen, deren Originale in Kreta, Athen oder Rom stehen? Kader nickt und beginnt zu erklären, den fehlenden Größenbezug zur Umgebung, sie spricht vom Wahrnehmungs-Handlungs-Zyklus, von motorischer Rückkopplung und vom Gestaltkreis. „85 Prozent der Informationen, die uns die Figuren geben können, erreichen uns beim bloßen Anschauen eines Fotos nicht.“

Andrea Schmölder-Veit, zweite Leiterin des Museums Foto: Meyer-Tien

Kaders Kollegin Andrea Schmölder-Veit, die zweite Leiterin des Museums, nickt auch. Dann geht sie hinüber zur überlebensgroßen Figur eines Mannes: „Keule, Löwenfell, nackter Mann: Wir sehen sofort, das ist Herakles.“ Lässig steht er da, scheint sich auszuruhen. Schmölder-Veit geht um die Figur herum und deutet auf drei Äpfel in der Hand der Statue: die Äpfel der Hesperiden. „Erst jetzt wissen wir: Er ruht sich aus, nachdem er seine elfte Aufgabe gelöst hat.“ Und nicht nur um die Perspektive gehe es: Bei antiken Statuen erzählt jede Falte im Stein, jeder Riss seine eigene Geschichte.

Diese Geschichten sind es, die Kader und Schmölder-Veit zusammengeführt haben. Ein ungleiches Paar. Schmölder-Veit schwärmt in warmen Worten von der Ästhetik der Figuren. Kader hingegen hatte sich bewusst auf die Architektur spezialisiert, weil diese unabhängig von Interpretationen wirkt, während Statuen und ihre Gestik immer der individuellen Deutung unterworfen sind.

Wo Kader mit intellektueller Distanz die Geschicke des Museums im großen Kontext plant, stürzt sich Schmölder-Veit in die praktische Arbeit, koordiniert die Zusammenarbeit mit der Münchner Uni – das Museum gehört seit seiner Gründung 1869 zum Lehrstuhl für Klassische Archäologie – und konzipiert Ausstellungen. Schmölder-Veit arbeitet am Vormittag und betreut nachmittags ihre zwei Kinder, Kader arbeitet am Nachmittag und betreut vormittags ihre Mutter. Seit 2012 teilen sich die beiden die Leitung des Museums.

Vor allem in einem sind sich beide einig: Je mehr man sich mit den historischen Bildwerken auseinandersetzt, desto mehr relativiert sich die Gegenwart. „Das menschliche Selbst muss sich den immer selben Problemen stellen, die von der Steinzeit bis heute nur in immer anderen Ausprägungen auftreten“, sagt Kader.

Skurrile Museen in Bayern

Schon bei Griechen und Römern

Schmölder-Veit nennt Beispiele. Die Debatte über Schönheits- und Körperideale, die Zusammenhänge zwischen Frieden und Wohlstand: alles Themen, die schon die alten Griechen und Römern aufgriffen und kunstvoll in Szene setzten. Und so sind die Macher des Museums fest verankert in der Antike und doch mitten in der Gegenwart. Eine Gegenwart, die auch die Lösung für das dringendste ihrer Probleme bringen könnte: Es ist schwierig, erzählt Kader, an neue Abgüsse zu kommen. Denn die Abgussformen können nur etwa dreimal verwendet werden, neue Formen herzustellen ist riskant für die Originale. Und es gibt viele Museen, die Interesse an neuen Abgüssen haben, zehn allein in Deutschland, und München ist nur das viertgrößte. Doch in nicht allzu ferner Zukunft, so die Hoffnung der Archäologinnen, könnte es möglich werden, die Originale abzuscannen und mit einem 3D-Drucker zu kopieren: Eine Revolution in der bald 150-jährigen Geschichte des Museums, die endgültige Ankunft der Antike in der Moderne. Und umgekehrt.

Alle Teile unserer Museums-Serie aus dem Raum München

Weitere Teile unserer Museums-Serie gibt es hier.

Die Kommentarfunktion steht exklusiv unseren Abonnenten zur Verfügung. Als Abonnent melden Sie sich bitte an oder registrieren Sie sich. Alle anderen Nutzer finden preiswerte Angebote in unserem Aboshop.

Anmelden Registrieren Zum Abo-Shop

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht