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Im Museum
Samstag, 16. Dezember 2017 10

MZ-Serie

Die zauberhafte Bücherburg

Die Internationale Jugendbibliothek in der Blutenburg macht die Werke von Ende, Krüss und Kästner lebendig.
Von Katia Meyer-Tien, MZ

München.Fünf Zentimeter dick ist die Tischplatte aus hellem Holz, feine Kratzer und dicke Kerben erzählen Geschichten, die keiner hören kann. Gemütlichkeit strahlt er aus, dieser riesige Tisch, an dem Michael Ende wohl unzählige Male saß. Man kann ihn sich vorstellen, zurückgelehnt, Pfeife schmauchend, die wachen Augen blitzen über die Brille, versprechen Ausflüge nach Fantasien, nach Lummerland, sie folgen den kleinen Mädchen und der Schildkröte.

Die Pfeifen liegen in einer Vitrine, hinter Glas, ebenso das Typoskript von Momo, in dem Michael Ende selbst handschriftlich Anmerkungen machte, seine Gitarre, daneben Tarot-Karten. Die Ausstellung in dem langgezogenen Raum unter dem Dach der Münchner Blutenburg zeigt Kurioses, Persönliches und Überraschendes aus dem Leben des vor 20 Jahren verstorbenen Schriftstellers. Und nicht nur das: Sie nimmt den Besucher gleich mit in seine Welt.

Wenn Literatur lebendig wird

Jutta Reusch, 52 Jahre alt, steht neben dem Tisch. Vorsichtig streicht sie über einen alten Bauernschrank. Michael Ende hat ihn zu seinem zehnten Geburtstag bekommen, sein Vater hat ihn handbemalt. Ende behielt ihn sein Leben lang, dann überließ ihn seine Frau der Internationalen Jugendbibliothek (IJB), zusammen mit einem beträchtlichen Teil von Endes gegenständlichem Nachlass. Unter anderem seine private Bibliothek: Fantastische Literatur, Mystik, Esoterik, Märchen. Diesen und weitere Nachlässe betreut Reusch jetzt. Ein Traumjob. „Das ist ein kleines Universum hier“, sagt sie, „ein Ort, an dem Literatur aktiv vermittelt wird. Und lebendig wird.“

Die Blutenburg mit der Internationalen Jugendbibliothek und seinen Lesemuseen ist tatsächlich eine kleine Welt für sich, eine richtige Bücherburg. Im Erdgeschoss sind die Bibliotheksräume. Die weltweit größte Bücherei für Kinder- und Jugendliteratur gibt es hier zu entdecken, mehr als 600 000 Bücher in mehr als 150 Sprachen. Und das Entdecken ist wörtlich gemeint: Nicht nur Lesesäle gibt es hier, sondern auch eine Kreativwerkstatt, in der Kinder und Jugendliche selbst malen, Wortspiele machen und dichten können.

Minimuseum im kleinen Turm

Wer sich weiter umschaut im Schloss, der findet noch mehr: Ein Erich-Kästner-Gedächtniszimmer zum Beispiel, mit all seinen Werken, 500 internationale Erstausgaben in 60 Sprachen. Und wer dann den großen Innenhof der Burg überquert, ein paar Stufen erklimmt und sich links hält, der findet ein kleines Türmchen. In dem windet sich eine Wendeltreppe, dreht sich um eine Glasvitrine, immer höher hinauf, wie in einem Leuchtturm: eine Hommage an James Krüss, dessen Nachlass hier ausgestellt ist. Handschriftliche Originale, Manuskriptauszüge, seine Tagebücher, sogar ein Streichholzbriefchen mit seiner Adresse findet sich hier, ein kleines, verschrobenes, im wahrsten Sinne des Wortes verdrehtes Minimuseum.

Die Internationale Jugendbibliothek wurde 1949 gegründet, seit 1983 ist sie in den Räumen des Schlosses untergebracht, idyllisch gelegen am Ufer der Würm im Westen Münchens. Jutta Reusch wollte eigentlich nie nach München, aber die einzigartige Sammlung der IJB hat die zierliche Frau, die in Freiburg und Berlin Musik, Germanistik und Bibliothekswissenschaften studiert hat, doch angezogen. Jetzt ist sie seit 2008 hier, und weg will sie so schnell nicht mehr.

Überhaupt scheint der Trubel der Großstadt fast unwirklich, wenn man hinter Jutta Reusch die Stufen im Seitenflügel des Schlosses hinaufsteigt, am Lesesaal vorbei, weiter hinauf zu einem mit Holz verkleideten Dachgeschoss. Sitzsäcke liegen in der Ecke, Kissen, ein Koffer mit Büchern. Es ist der Raum, in dem wechselnde Ausstellungen stattfinden, doch dahinter verbirgt sich noch eine andere Welt. Voller leuchtender Farben und unwirklicher Gestalten, Humpty Dumpty, Puppe Lupinchen, Schachtelmann Herr Klappaufundzu und Ritter Rüstig sind hier zu Hause, in detaillreichen, bunten Bildern.

Das Binette-Schröder-Kabinett zeigt Arbeiten der berühmten Illustratorin, auch kleine bemalte Steine in selbst gezimmerten Vitrinen. Und dann öffnet Reusch noch eine Tür, eingelassen in die Wand, etwa einen Meter hoch. Es quietscht, dann ertönt Musik aus einer uralten Spieluhr. Und hinter der der Tür erwachen Schröders Figuren zum Leben. Jutta Reusch lächelt, während sie der Musik lauscht. Der Musik aus einem ganz eigenen Universum.

Adresse: Schloß Blutenburg, 81247 München. Öffnungszeiten: Michael-Ende-Museum: Mittwoch und Sonntag von 14 bis 17 Uhr; James-Krüss-Turm: Montag bis Donnerstag von 10 bis 16 Uhr und Freitag von 10 bis 14 Uhr; Binette-Schröder-Kabinett: Montag bis Freitag von 10 bis 16 Uhr, Samstag und Sonntag von 14 bis 17 Uhr. Eintritt: frei.

Alle bisherigen Teile unserer Museums-Serie in München:

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