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Im Museum
Samstag, 19. August 2017 22° 6

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Museen: Der King und die Micky Bar

Zwei Jahre dauerte der Umbau des Kultur- und Militärmuseums Grafenwöhr. Doch die größte Attraktion bleibt Elvis Presley.
Von Thomas Dietz, MZ

  • Elvis-Puppe mit dem Ansteck-Emblem „victory or death“ (Sieg oder Tod) seiner 3. US-Panzerdivision an der Mütze. Die Losung soll auf eine handschriftliche Notiz George Washingtons zurückgehen.Foto: Gabi Schönberger
  • Der Jeep, unverwüstlicher Militärgeländewagen der US-Army Foto: Gabi Schönberger
  • Elvis-Presley-Autogramme aus der Micky Bar in Grafenwöhr Foto: Gabi Schönberger
  • Bedrohlich: die Militärstiefel symbolisieren das Volk im Gleichschritt Foto: Gabi Schönberger

Grafenwöhr. Natürlich ist der „Elvis-Raum“ mit dem original „Elvis-Flügel“ und einem nachgebauten Stück der „Micky Bar“ der Publikumsrenner. Dabei sind die anderen Abteilungen des Kultur- und Militärmuseums im historischen Kastenhaus von Grafenwöhr ebenso interessant. Nach zwei Jahren Umbau und Umgestaltung hat es nun kürzlich wieder eröffnet.

Aber die den 1. Stock betretenden Besucher sagen halt sofort „Ah“ und „Oh“ und führen lebhafte Elvis-Gespräche. Der King of Rock ’n’ Roll (eine Milliarde verkaufter Tonträger), der von 1958 bis 1960 als normaler GI seinen Wehrdienst bei der US Army leistete, war 17 Monate lang in Deutschland. Elvis ist die unbestrittene Hauptattraktion des Museums Grafenwöhr.

Dabei haben die Ausstellungsgestalter „Freybeuter“ aus dem brandenburgischen Groß-Kreutz (westlich von Potsdam) wieder exzellente Arbeit geleistet. Man kann – anschaulich und interaktiv – die Geschichte Grafenwöhrs verfolgen, die mit dem Truppenübungsplatz, dem größten außerhalb der USA, eng verflochten ist.

1907 bis 1910 begann der Aufschwung mit dem Bau eines Schießplatzes für das III. Königlich-Bayerische Armee-Korps (Kommandeur: Kronprinz Rupprecht, 1869-1955). Das dünn besiedelte, waldreiche Gebiet der Nord-Oberpfalz bot dafür ein ideales Terrain.

Ab 1936 wurde das Areal für die Wehrmacht stark erweitert und 57 Orte kurzerhand liquidiert und abgeräumt, 3500 Menschen umgesiedelt. Es existieren immer noch einige Geisterstädte, etwa die Kirchenruinen von Hopfenohe und Pappenberg.

Die größte Kanone aller Zeiten

Im April 1945 übernahm die US Army den Truppenübungsplatz. Was sie dort fanden, war sensationell: eines der größten Geschütze der Welt und aller Zeiten, die 80-cm-Kanone „Dora“, auch „Schwerer Gustav“ genannt – ein Modell steht in der militärischen Abteilung des Museums, gefertigt von der Firma Seemann Metalltechnik im oberpfälzischen Kirchenthumbach.

Das Eisenbahngeschütz „Dora“ war eines der größenwahnsinnigsten Rüstungsprojekte der Wehrmacht: eine Granate war 7,80 Meter hoch und wog zwischen 4,8 und 7,1 Tonnen, die Reichweite betrug 47 Kilometer. Um die 1350 Tonnen schwere Kanone zu bedienen, brauchte man mehr als 4000 Mann.

Die „Dora“ – militärisch ohne Wert – kam nur ein einziges Mal zum Einsatz: bei der Belagerung der Festung Sewastopol im Juni 1942. Nach 48 Schuss war das 32,50 Meter lange Rohr durch die starke Hitze unbrauchbar. „Allerdings war ein Bombenkrater im massiven Felsen 38 Meter tief“, sagt Willi Gottschalk vom Heimatverein Grafenwöhr. Kurz vor dem Eintreffen der Amerikaner wurde „Dora“ gesprengt.

Die Ausstellung zeigt Grafenwöhr nach dem Ersten Weltkrieg, zur Nazizeit und das erfreuliche Zusammenleben von Deutschen und Amerikanern von 1945 bis heute. Zur Wiedereröffnung war auch „Elvis’ Taxifahrer“ Georg Meiler (83) gekommen, der den Sänger 1960 einmal von seiner Unterkunft ins Armeekino fuhr: „Er trug seinen Arbeits-Drillich, die Fahrt kostete 75 Cent. Elvis gab einen Dollar.“

Zu früher Stunde waren auch drei Mitglieder des liebenswürdigen „Elvis-Presley-Vereins Bad Nauheim-Friedberg“, Marga, Jürgen und Frank, in der Wetterau losgefahren – mit ihren Smartphones voller Elvis-Titel und eigens angefertigten weißen Kugelschreibern zu seinem 80. Geburtstag. In Bad Nauheim, Goethestraße 14, hatte Elvis 1959 die längste Zeit gewohnt. Das war bei der Army nichts Ungewöhnliches, sofern der Soldat um 6 Uhr zum Dienstbeginn anwesend war.

„1 Fl. Kröver Nacktarsch 22 DM“

Das prominenteste Stück bleibt „Elvis’ Flügel“ aus der Micky Bar in Grafenwöhr – damals ein angesagter Treffpunkt für US-Boys mit Musik, Tanz und Strip in der Vilseckstraße 7. Es war eben dieses Original-Instrument, an dem der King für einen ausgewählten Privatkreis Ende 1958 ein kleines Konzert hinter verschlossenen Türen gab. Dabei saß er auch auf genau diesem ausgestellten Originalhocker. Als Soldat durfte Elvis Presley nicht auftreten: „Wenn die Army mich singen sehen möchte, hätte sie mich nicht einberufen sollen“, pflegte er zu sagen.

Auf einer Speisekarte in der Vitrine kann man lesen: „Die Micky Bar öffnet täglich um 17.00 Uhr. Unsere Küche ist bis früh 3.00 Uhr für warme Speisen geöffnet. Die Kapelle spielt ab 20.00 Uhr.“ Billig war so ein Tanzbar-Besuch nicht: Mitte der 70er Jahre kostete eine Flasche Wein (z. B. „Kröver Nacktarsch“) 22 oder 25 DM. Immerhin wurden Elvis-Autogramme auf Bierfilzen („Kenner trinken Löwen-Bräu Grafenwöhr“) präsentiert.

Kein Mensch bezweifelt, dass der spätere Sergeant Presley ein unkomplizierter „All-American-Boy“ war, ohne Allüren und Extrawürste – auch wenn er Woche für Woche 10 000 Fanbriefe und Karten erhielt und, auf das bloße Gerücht hin, Elvis Presley würde wieder an einem Manöver teilnehmen, Hunderte kreischender Mädels durch Grafenwöhr streiften und nach ihm riefen. Aber die Wahrscheinlichkeit, ihm persönlich zu begegnen, war gering; er wurde immer gut abgeschirmt – einigen ganz wenigen Glücklichen gelang es trotzdem.

In Deutschland lernte der zu Depressionen neigende Elvis aber auch, Medikamente zu nehmen, die Soldaten zur Leistungssteigerung schätzten und an die man leicht herankam. Bis zu seinem Herztod 1977 nahm Elvis, wie man weiß, zu viele davon.

Das Museum befindet sich in der Martin-Posser-Straße 14, 92655 Grafenwöhr. Geöffnet ist Dienstag bis Donnerstag und Sonntag von 14 bis 16 Uhr. Eintritt: Erwachsene 4 €, erm. 3 €, Kinder u. Jugendliche bis 16 J. 2 €, Vorschulkinder frei. Führung zusätzl. 0,50 €.

Lage des Museums

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