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Niederbayern
Freitag, 28. Juli 2017 25° 3

MZ-Serie

Eigenwilliger Botschafter Bayerns

Hans-Jürgen Buchner war einer der ersten, der in bairischer Mundart sang. Für den Erfolg ließ er sich nie verbiegen.
von Christine Straßer, MZ

Hans-Jürgen Buchner steht seit mehr als 35 Jahren auf der Bühne. Seine erste Platte nahm er auf, weil ihm nicht gefiel, was im Radio lief. Foto: dpa

Regensburg.Erdig ist der Sound seiner typisch bayerischen Bläser. Aber mit Congas, afrikanischen Trommeln und einem Rhythmus, der die Zwei und die Vier betont, lässt Hans-Jürgen Buchner sie vom Boden abheben. Seine Basstuba gesellt sich gern zur Rassel und klingt plötzlich nach Südamerika. Eine Zither kann bei ihm asiatisch zirpen, Streicher können in den Orient entführen. Doch dann holt eine Kuhglocke den Zuhörer wieder zurück in die Alpen. Und aus Röhren und Hölzern aus dem Baumarkt lässt Haindling – Buchners Band – ein Rhythmusgewitter erklingen. Haindlings Musik ist ganz eigen und doch erkennt man einen Haindling-Song immer schon nach spätestens drei Sekunden. Dafür muss er noch nicht einmal singen.

Alles wird selbst eingespielt

„Das kommt daher, dass ich alle Lieder bei mir zu Hause im Studio aufnehme und alle Instrumente selbst einspiele“, sagt Buchner. Er habe zum Beispiel eine eigene Trompetensprache. Wenn sein Trompeter live auf der Bühne seine Linien spiele, dann klinge das ganz anders. Es kommt dazu, dass Haindling, wenn er Lieder komponiert, experimentiert, Klänge jenseits der Hörgewohnheiten sucht, dem Zufall freien Lauf lässt. Im letzten Song auf dem neuen Album, dem Peking-Song, hat er die Trompete einfach mal ohne Mundstück gespielt. Das klang katzenmäßig und erinnerte Buchner an den hohen Gesang der Chinesen.

Bei der Frage nach China gerät der Niederbayer Buchner sofort ins Schwärmen. Der Menschen wegen. Dreimal ist er bereits nach China gereist. Er bekommt scheinbar nicht genug davon, dort aufzutreten. Das liegt vor allem daran, dass die Zuhörer dort vor allem im Hinterland nicht schon übersättigt sind. Buchner beschreibt das so: „Das ist ein Unterschied wie zwischen Playstation-Kindern und Kindern, deren Spielzeug noch selbst mit dem Messer geschnitzt wird.“

Buchner ist ein Botschafter Bayerns. Nicht für das Lederhosen tragende „Mia san mia“-Gehabe, sondern für eine verspielt-ehrliche Volkspoesie, ein bodenständiges Querdenkertum. Angefangen hat das alles zu Beginn der 1980er Jahre. Buchner war da schon fast 40. „Ich konnte nicht mehr ertragen, was da im Radio zu hören war. Ich wollte meinen eigenen Sound haben, ich wollte beim Autofahren mich hören“, erklärt Buchner. Damals war er als Keramikermeister erfolgreich.

Als Kind hatte er bei der Oma im Wirtshaus am liebsten mit der Rassel gespielt, seine Mutter schickte ihn zum Klavierunterreicht. Der kleine Hans-Jürgen trommelte bei der heimischen Feuerwehr in Welchenberg bei Bogen, übte sich an der Trompete, die er für gute Schulnoten bekommen hatte. In einem Internat – er flog von dreien, schmiss das Abitur – leitete er eine Jazzband, später beim Bund – damals war es noch nicht möglich, den Kriegsdienst zu verweigern – die Bataillonskapelle. Aber beruflich ging er dann doch erst einmal andere Wege. Er machte eine Töpfer-Lehre. Mit seiner damaligen Freundin und heutigen Ehefrau Ulrike Böglmeier zog er 1977 nach Haindling, Gemeinde Geiselhöring. Die nächste größere Stadt ist Straubing. Nach zehn Jahren Pause mit der Musik nahm er auf dem Vierspur-Tonband – Klavier, Saxophon, Tenorhorn und Congas – seine ersten eigenen Nummern auf.

Beim gemeinsamen Abendessen spielte Buchner dem Mitarbeiter einer Schallplattenfirma seine Eigenproduktionen vor. Der Rest ist Geschichte. Für „Haindling I“ gab es 1982 den Deutschen Schallplattenpreis. Mit „Du Depp“ und „Lang scho nimma g’sehn“ gelingen ihm zwei Hits, die es in die Charts schaffen. Aber um Erfolg ging es Buchner nie. Er wollte aufnehmen, was ihm gefiel, bezahlte die Kosten für Plattenaufnahmen immer selbst und beschreibt es als pures Glück, dass er auf Menschen traf, die mit ihm zusammenarbeiten wollten. So sei das auch mit der Filmmusik gewesen.

Tonangebend wie die Beach Boys

Franz Xaver Bogner habe er viel zu verdanken, sagt Buchner. Aber umgekehrt stimmt das genauso. Bogner fing in Serien wie „Irgendwie und sowieso“und „Zur Freiheit“ die bayerische Seele ein und Haindlings Musik brachte das auf den Punkt. 2005 sagte der damalige Kunstminister Thomas Goppel in einer Laudatio auf Buchner, der den Kulturpreis bekam: „Der unverwechselbare Musik-Stil von Haindling steht heute für Bayern wie jener der Beach Boys für Kalifornien.“ Aber Buchner wollte sich nie von der großen Politik vereinnahmen lassen, auch wenn CSU-Größen allen voran Edmund Stoiber gerne in der ersten Reihe auf einem seiner Konzerte saßen.

Der 71-jährige Buchner hat seinen eigenen Kopf. Seit Jahrzehnten engagiert er sich für den Bund Naturschutz. Beim Anti-WAAhnsinns-Festival vor 30 Jahren sang er gegen Atomkraft an. Heute bewegt ihn, wie die Umwelt mit Plastik zugemüllt wird und wie viele Gifte im Essen stecken. Buchner schildert, dass er sich, als er unlängst im Flugzeug einen Kuchen serviert bekam, durchlas welche Nahrungsergänzungsmittel in der Zutatenliste aufgeführt waren. „Da waren so viele Chemikalien drin“, sagt er kopfschüttelnd. Bei seinen Auftritten wolle er Denkanstöße geben, nicht mit dem Zeigfinger fuchteln, sondern darauf „aufmerksam machen, wo wir überhaupt leben.“

Die niederbayerische Heimat ist für Buchner eine Herzensangelegenheit. Er, der seit Jahrzehnten auf der Bühne steht, erzählt, dass er vor dem Blutetone-Festival wieder ein nervöses Gefühl spürt. Es ist sein erstes Konzert in Straubing seit acht Jahren.

Beim Bluetone-Festival in Straubing am 3. Juli live zu sehen.

Weitere Teile unserer Serie „Bayerns Künstler finden Sie hier. Flankiert wird die Serie von exklusiven Auftritten im Verlagsgebäude, etwa dem von Harry G. Unseren Bericht von seinem Gastspiel in der MZ-Kantine finden Sie hier.

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