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Freitag, 30. September 2016 24° 1

Schulen

Bayern setzt auf digitale Bildung

Zeitgemäße technische Ausstattung, souveräne Lehrkräfte und kompetente Schüler: Diese Ziele nennt ein neues Strategiepapier.
Von Louisa Knobloch, MZ

Eigene Videos zum aktuellen Unterrichtsstoff drehen – für die Schüler an der Realschule Abensberg gehört das zum Alltag. Foto: Michaela Ertl/Realschule Abensberg

Regensburg.Mithilfe einer App Englisch-Vokabeln lernen, in Geschichte interaktive Präsentationen zu bestimmten Epochen gestalten oder Experimente im Chemieunterricht per Video dokumentieren – für die Schüler der Johann-Turmair-Realschule in Abensberg ist das mittlerweile Alltag. Im Rahmen des Projekts „PadUcation“ wurden seit dem Schuljahr 2013/14 bisher drei 7. Klassen mit Tablet-PCs ausgestattet, zudem verfügt die Schule über vier iPad-Koffer, die allen Klassen zur Verfügung stehen. Realschuldirektorin Maria Warsitz-Müller ist überzeugt, dass digitale Medien einen pädagogischen Mehrwert bieten, wenn sie im Unterricht richtig eingesetzt werden. „Die Schüler werden zudem selbstständiger und selbstbewusster.“

In solchem Umfang wie in Abensberg haben digitale Medien aber noch längst nicht an allen deutschen Schulen Einzug gehalten, wie eine repräsentative Studie des Branchenverbands Bitkom, des Lehrerverbands Bildung und Erziehung (VBE) und der „Learntec“ zeigt. Im Vorfeld der am Dienstag (26. Januar) in Karlsruhe startenden Bildungsmesse waren dafür bundesweit 505 Lehrer an weiterführenden Schulen befragt worden. Fazit: 48 Prozent der Lehrer würden gerne öfter digitale Medien im Unterricht einsetzen. Doch dafür fehlten häufig die entsprechenden Geräte – 43 Prozent der Lehrer gaben das an.

Lesen, Schreiben, digitale Medien

Zwar sind Beamer, PCs oder Notebooks mittlerweile an den meisten Schulen vorhanden – der Umfrage zufolge handelt es sich aber häufig um Einzelgeräte oder sie stehen nur in speziellen Fachräumen zur Verfügung. Das macht die Nutzung im Alltag mühsam: Die wenigsten Lehrer werden wohl für eine kurze Onlinerecherche mit der ganzen Klasse in den Computerraum marschieren. „Schulen müssen endlich ganz oben auf die digitale Agenda gesetzt werden“, forderte der VBE-Bundesvorsitzende Udo Beckmann bei der Präsentation der Studie.

In Bayern gibt es da schon konkrete Pläne. Festgeschrieben sind sie in der Zukunftsstrategie der Staatsregierung zur digitalen Bildung in Schule, Hochschule und Kultur, die Kultusminister Ludwig Spaenle und Staatssekretär Georg Eisenreich (beide CSU) Mitte Januar vorgestellt haben. Der kompetente Umgang mit Informations- und Kommunikationstechnologien stelle heute neben Lesen, Schreiben und Rechnen eine vierte Kulturtechnik dar, betonte Spaenle. Angesichts der Informationsflut werde es immer wichtiger zu lernen, wie man Informationen sucht, auswählt, kritisch hinterfragt und bewertet, so Eisenreich. Als Werkzeug im Unterricht könnten digitale Medien dazu beitragen, komplexe Inhalte zu veranschaulichen und Schüler individuell zu fördern. Selbstzweck dürften sie aber nicht sein, betonten beide Politiker: „Digitale Medien sollten dann eingesetzt werden, wenn sie einen Mehrwert bieten.“

Computer stehen an vielen deutschen Schulen noch immer nur in speziellen Fachräumen zur Verfügung. Foto: Oliver Berg/dpa

Zu allererst braucht es dafür die entsprechende digitale Infrastruktur, also Geräte und eine schnelle Internetanbindung. Das fordert auch der Bayerische Philologenverband. An den Schulen im Freistaat gebe es teils noch Verbesserungsbedarf, räumt Staatssekretär Eisenreich ein. Hier wolle das Ministerium auf die Kommunen zugehen, die als Sachaufwandsträger für diesen Bereich zuständig sind. Von der Stadt Regensburg heißt es dazu, der Ausbau der IT-Ausstattung der Schulen sei „ein wichtiger und permanenter Prozess“. Ziel sei es, alle städtischen Schulen an das Glasfasernetz der Stadt Regensburg anzubinden und auch das WLAN-Netz auszubauen.

WLAN ist auch für Stefanie Rumm ein wichtiges Thema. Die Lehrerin ist als Medienpädagogisch-informationstechnische Beraterin (MIB) für die Realschulen in der Oberpfalz zuständig. „Viele Aktivitäten erfordern Internet“, sagt sie. Für die Schüler sei es daheim selbstverständlich, sich ins WLAN einzuloggen. „An den Schulen sollte es das auch sein.“ Die Realität sieht vielerorts anders aus: Im niederbayerischen Landkreis Kelheim ist offenes WLAN an Schulen gar nicht erlaubt, berichtet Direktorin Maria Warsitz-Müller von der Johann-Turmair-Realschule. „Bei uns wird es nur zugeschaltet, wenn der Lehrer es braucht und dann wieder abgeschaltet.“

Insgesamt sieht Rumm die Schulen aber auf einem guten Weg. So spiele Medienbildung im neuen LehrplanPlus eine wichtige Rolle. Ausgebaut werde „mebis“: Auf diese 2011 eingerichtete Plattform könnten Schulen mittlerweile flächendeckend zugreifen. Sie bietet ein Prüfungsarchiv, eine umfangreiche Mediathek sowie eine Lernplattform, über die Lehrer ihren Schülern beispielsweise Unterrichtsmaterialien zur Verfügung stellen können. Künftig sollen auch ein Videokonferenzsystem und ein Angebot zur Cloud-Speicherung hinzukommen, berichtet Andreas Wagner, MIB für die Gymnasien in der Oberpfalz. „Aus Datenschutzgründen kann man Dienste wie Dropbox oder GoogleDrive nicht für schulische Daten nutzen.“

Kommentar

Richtiger Weg

Beim Thema Digitalisierung an Schulen gehen die Meinungen oft auseinander: Die einen sehen die digitalen Medien als Bereicherung, die eine individuellere...

Die Pläne des Kultusministeriums sehen auch vor, Schüler zu Medientutoren weiterzubilden. Ein erfolgreiches Beispiel dafür ist das Peer-Projekt „Netzgänger“, bei dem Oberstufenschüler Fünft- und Sechstklässler für Probleme wie Datenschutz in Sozialen Netzwerken oder Cybermobbing sensibilisieren. Solche Angebote seien wichtig, sagt Wagner. Denn spätestens im Laufe der 6. Klasse hätten seiner Erfahrung nach rund 90 Prozent der Schüler ein Smartphone. Und nur weil die Kinder und Jugendlichen in einer von digitalen Medien geprägten Welt aufwachsen, werden sie deshalb nicht automatisch zu kompetenten Nutzern dieser Medien, wie Studien belegen.

Technik allein reicht nicht aus

Das hat auch Andrea Klein, Schulleiterin der Privaten Realschule Pindl in Regensburg, beobachtet. Spielen oder WhatsApp-Nachrichten schreiben sei das eine. „Digitale Medien im Unterricht oder später für den Beruf zu nutzen, müssen aber auch die sogenannten Digital Natives erst lernen.“ Seit diesem Schuljahr wird in allen siebten Klassen an der Privaten Realschule mit iPads gearbeitet. Schüler und Eltern seien begeistert, auch bei den Kollegen sei die Akzeptanz groß, sagt Klein.

Die Lehrkräfte müssen für den Umgang mit den digitalen Medien aber erst geschult werden. „Nur weil ich eine digitale Tafel oder ein Tablet habe, wird der Unterricht ja nicht unbedingt besser“, sagt Wagner. Das Kultusministerium plant daher zusätzliche Fortbildungsangebote an der Akademie für Lehrerfortbildung in Dillingen. Und auch in der Lehramtsausbildung soll das Thema stärker verankert werden. „Digitale Medien machen den Unterricht für die Lehrkräfte nicht einfacher“, betont Prof. Dr. Karsten Rincke, der Leiter des Regensburger Universitätszentrum für Lehrerbildung (RUL). „Sie erweitern die Möglichkeiten, die Lehrkräfte müssen dafür aber auch verbesserte Fähigkeiten mitbringen.“ Wichtig sei es, den Studenten zu vermitteln, wann man digitale Medien einsetzen sollte und wann besser nicht. Rincke bringt ein Beispiel aus seinem Fach, der Physik-Didaktik: Computergesteuerte Messungen seien zwar genauer und weniger fehleranfällig – der Computer stehe dann aber zwischen dem Betrachter und dem eigentlichen Naturphänomen.

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